Medizin

Operation an der lebenden Puppe

Auf der Landesgesundheitsmesse VitaAktiMed in Rostock demonstriert Oberarzt Gernot Rücker (r) vom Universitätsklinikum Rostock den Besuchern den Patientensimulator "Igor".
Wie echt, aber aus Plastik: der Patientensimulator "Igor" aus Rostock. © dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck
Von Nadine Querfurth · 02.12.2013
Piloten werden in Simulatoren auf Notfälle vorbereitet - mit großer Effizienz. An der Berliner Charité gibt es computergestützte Trainings auch für Mediziner. Geübt wird an einer Puppe - die so echt wirkt, dass man sogar den Puls fühlen kann.
Ein steril wirkender weiß gefliester Raum mit hohen Decken in einem Seitenflügel der Berliner Charité. Überall blinkt und piept es: Hochmodernes Equipment der Intensivstation wie der Patientenüberwachungsmonitor oder das Beatmungsgerät. Im OP ist es niemals still. Dann ein Notfall: Im Ärzteteam herrscht zunächst Ratlosigkeit: Herzkammerflimmern? Kreislaufversagen? Die Simulatorpatientin Frau Meyer liegt im Bett, atmet flach. Dann reagiert das Team schnell:
"Ne Spastik? Sauerstoff ist dran. Kommt was an? Aber er fällt! Also wir müssen jetzt intubieren."
"Blocken bitte mit zehn Milliliter. Der Tubus ist fest. Hier läuft Sauerstoff. Erst mal hören, dass er richtig sitzt. Ist beidseitig ventiliert? Dann kannst Du jetzt an die Maschine anschließen."
Die Kommunikation im Team muss in einer solchen Notfallsituation stimmen, jede Ansage präzise sein. Wer verabreicht welche Medikamente, wer beatmet?
"Sättigung ist wieder okay, der Kreislauf stabil. Okay, wir haben's."
Im Nebenraum sitzt Oberarzt Dr. Thorsten Schroeder. Er klickt noch einmal mit der Maus und schiebt einige Regler der Software zurück auf bestimmte Positionen. Auf den zwei Videobildschirmen sieht er das Ärzteteam im Notfall-OP aufatmen, einige haben Schweißperlen auf der Stirn. Thorsten Schröder reißt die Tür auf:
"Dankeschön!"
Das Simulationstraining ist beendet, Frau Meyer wieder gesund. Das Ärzteteam hat den richtigen Notfall-Algorithmus angewendet und der Patientin das Leben gerettet.
"In Notfallsituationen muss alles schnell gehen. Man hat nicht die Zeit, groß nachzudenken, geschweige denn nachzulesen. Sondern man sollte sich auf Notfallsituationen im Vorfeld vorbereiten, um dann nach einem Algorithmus schnell die richtigen Dinge machen zu können. Aus Büchern ist so etwas schlecht zu lernen. Es geht um praktische Handlungen und die muss man trainieren. Deshalb sind solche Kurse immer sehr praxisorientiert. Es geht darum Dinge zu machen und nicht nur zu hören."
Sprechen, weinen und schreien: die Puppe ist vielseitig
Das Herzstück des Simulationstrainings an der Berliner Charité ist der Patientensimulator, ein regelrechtes Multitalent aus Plastik, gespickt mit meterlangen, fingerdicken Kabeln und hochmodernster Technik. Vor dem Training haben Thorsten Schröder und eine OP-Schwester Frau Meyer vorbereitet, ihr Betriebssystem hochgefahren und sie verkabelt.
"Man kann auch einige Einstellungen innerhalb der Puppe vornehmen, aber an und für sich ist die Puppe auch nur die Hälfte des Simulators, die ist nämlich mit einer fast Unterarm-dicken Nabelschnur nochmal mit einem Rechnersystem verbunden. Dieses System produziert die ganzen Signale, die man später auf dem Monitor sehen kann."
Das Signalportfolio des Simulators ist enorm: Lidschlag, Pupillenmotorik, Herzgeräusche, tastbare Pulse, Atemgeräusche, Thoraxbewegungen. Wird der Simulator falsch intubiert, fällt die vordere Zahnreihe heraus oder die Zunge schwillt an. Blutdruck und Hirnströme sind messbar und man kann der Patientin Medikamente verabreichen. Nicht aktiv, sondern durch einen Strichcode für einen Unterarmscanner.
Hunderte Krankheitszustände und körperliche Reaktionen können so simuliert werden. Auch sprechen, weinen, schreien und vor Schmerz stöhnen gehören dazu. Allerdings ist jede computergesteuerte Puppe nur so gut wie der Instruktor, der sie bedient. Schauspielerisches Können des Arztes ist hier gefragt, um so realistisch wie möglich zu klingen.
"Das intelligente daran ist, dass wenn ich dem Patienten ein Schlafmittel gebe, dann hört er auch auf, mit den Augen zu klimpern. Da wird also auch im Hintergrund berechnet: Reaktion auf Aktion."
Per Mausklick kann der Mediziner in Sekundenschnelle reagieren und Frau Meyers Zustand ändern. Dazu sitzt er im Nebenraum. Zwei Videobildschirme zeichnen alle Tätigkeiten der Mediziner aus verschiedenen Perspektiven auf. Mikros übertragen die Stimmen. Ein großer Computerbildschirm zeigt unzählige Regler - Frau Meyers komplettes Innenleben sozusagen.
"Man steuert die Werte nicht direkt, sondern pathophysiologische Hintergründe. Ich kann also die Kraft, mit der das Herz pumpt verstärken oder abschwächen und daraus ergibt sich auch ein anderer Blutdruck. Das ist sehr nahe an dem, wie die Vorstellung ist, wie es im Menschen funktioniert."
Weiterbildung für Ärzte, Sanitäter, Pfleger und Apotheker
In der Medizin hat sich das Prinzip des Simulationstrainings für Ärzte in einigen Bereichen der Akutmedizin bereits etabliert, aber noch nicht flächendeckend durchgesetzt. Es ist nachgewiesen, dass ein Simulationstraining die Patientensicherheit erhöhen kann, weil Behandlungsfehler und Medikamentenverwechselungen seltener passieren. Deshalb entstehen in Deutschland immer mehr Simulationszentren.
Die Charité-Universitätsmedizin Berlin nahm 1999 eine Vorreiterrolle ein. Bewusst setzt sie auf das inszenierte Training als eigenständiges Ausbildungsformat für Ärzte, Sanitäter, Pfleger und Apotheker. Zahlreiche Workshops und praktische Übungen pro Jahr leitet Thorsten Schröder seitdem. Nicht allen Medizinern im Team fällt es leicht, sich auf die künstliche Situation einzulassen, sagt der teilnehmende Intensivmediziner Thomas Krüger:
"Es gibt weniger reale Aspekte, weil es eine Gummipuppe ist. Trotz Schweiß, trotz Körpertemperatur hat man eine viel schlechtere klinische Einschätzung des Patienten, weil es trotzdem eine Puppe ist. Und die Umgebung ist natürlich ungewöhnlich. Aber es ist ein gutes Training. Klar muss man eine Stresssituation vorher mal trainiert haben, um sie dann besser zu überstehen. 'Learning by doing' ist da nicht die Optimal-Variante."
Thorsten Schroeder geht nun im Kurs zu inszenierten Arzt-Patienten-Gesprächen über, auch ein wichtiger Bestandteil des Klinikalltags. Die Simulationspatientin Frau Meyer hat jetzt Schonzeit und wird von Kabeln und Elektroden befreit. In der kommenden Woche heißt sie dann Frau Müller und reist für einen Ausbildungskurs von Sanitätern nach Oldenburg. Von Betriebssanitätern muss Frau Müller dann die nächsten Intubationen oder Herzmassagen über sich ergehen lassen.