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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 13.05.2014

MedizinMit Tütata zur Erstversorgung

Der weltweit erste Schlaganfall-Krankenwagen fährt in Deutschland

Von Jonas Kühnapfel

Der weltweit erste Schlaganfall-Notarztwagen steht am Freitag (18.02.2011) auf dem Gelände des Krankenhauses Charté in Berlin. Der zuvor der Öffentlichkeit vorgestellte Schlaganfall-Notarztwagen mit der Bezeichnung Stemo (Stroke-Einsatzmobil) ist mit einem kompakten Computertomographen (CT) ausgestattet, der eine schnelle Diagnose ermöglicht und damit die Folgen eines Hirnschlages mindern soll. Stemo ist eine Entwicklung der Charité.  (picture alliance / dpa / Foto: Stephanie Pilick)
Stemo (Stroke-Einsatzmobil) - der weltweit erste Schlaganfall-Notarztwagen in Berlin (picture alliance / dpa / Foto: Stephanie Pilick)

Geht in Berlin ein Notruf ein und klingen die Symptome nach Schlaganfall, macht sich ein neuartiger Rettungswagen auf der Weg. Dieses Stroke-Einsatzmobil ist mit einem Computertomographen ausgestattet, der eine schnelle Diagnose ermöglicht.

Im Aufenthaltsraum der Feuerwache erheben sich Rettungssanitäter und -assistent zeitgleich von der Couch. Beide greifen an die Seite ihres Hosenbundes nach ihrem Pager. Gemeinsam mit dem Notarzt besteigen sie das STEMO und fahren ihren letzten Einsatz am heutigen Tag.

STEMO steht für Stroke-Emergency-Mobile. Ein Einsatzfahrzeug zur Behandlung von Schlaganfällen. Laut Statistik erleidet in Berlin jede Stunde ein Mensch einen Schlaganfall. Fast immer stört ein verstopftes Blutgefäß im Gehirn die Sauerstoffzufuhr. Ein Gerinnsel lösendes Medikament kann den Blutfluss wieder in Gang bringen.

Diese sogenannte Thrombolyse wird jedoch erst durchgeführt, wenn definitiv keine inneren Blutungen vorliegen. Eine Blutverdünnung hätte sonst fatale Folgen. Deshalb befinden sich an Bord des STEMO auch ein Computertomograph und ein Blutlabor.

Dr. Martin Ebinger ist Oberarzt an der Charité in Berlin-Mitte und stellvertretender Leiter im STEMO-Projekt:

"Wenn dann das CT durchgeführt worden ist, die Laboruntersuchungen vorliegen und auch telemedizinisch an einen Neuroradiologen geschickt worden sind, der diese Bilder in quasi Echtzeit begutachtet und sofort sowohl eine telefonische Rückmeldung zum Befund gibt als auch eine schriftliche und keine weiteren Kontraindikationen vorliegen, kann die Thrombolyse genau in diesem Moment dann durchgeführt werden."

Nach Verabreichung des Lyse-Medikaments kann der Patient in aller Ruhe ins Krankenhaus gebracht werden. Doch vorher ist schnelles Eingreifen entscheidend. Denn bei einem Schlaganfall sterben pro Minute rund zwei Millionen Gehirnzellen ab.

Darum startete Professor Heinrich Audebert von der Charité gemeinsam mit der Berliner Feuerwehr und zwei mittelständischen Unternehmen vor drei Jahren das Forschungsprojekt STEMO. Die Finanzierung kam von Förderungen der EU sowie der Länder Berlin und Brandenburg.

Sabina Kaczmarek leitet den Bereich Forschungsprojekte bei der Berliner Feuerwehr. Ihr Ziel war es, Schlaganfallpatienten schneller behandeln zu können, indem man ein Stück Klinik zu ihnen bringt.

"Die Chance ist eigentlich in dem Moment entstanden, wo ein CT auf dem Markt war, das so klein war, dass man es in ein Fahrzeug einbauen konnte, das ein bisschen größer ist als ein normaler Rettungswagen, wie die alten Notarztwagen. Und als das möglich war, da konnte man dann auch das organisatorische Konzept so zusammensetzen, dass man im Prinzip diesen Teil der Untersuchung vorziehen konnte."

Blutwerte für Thrombozyten, Erythrozyten, Leukozyten

Für die CT-Untersuchung im Rettungswagen wird der Patient auf ein spezielles Brett gelegt. Ruwen Hopp ist medizinisch technischer Radiologieassistent und im STEMO auch noch Rettungssanitäter.

"Der Kopf wird dann hier gehalten – da kommt dann noch ein kleines Kissen drauf. Dann fahren wir die Trage ein Stück hoch, ein bisschen nach rechts. Dann fahren wir das CT quasi über den Kopf drüber, über den Kopf auch wieder zurück. Und dabei machen wir das Bild. Das wird in Krankenhäusern andersrum gemacht. Bei denen bewegt sich meistens die Liegefläche."

Die schwimmbrettförmige Liegefläche besteht aus Karbonfaser. Das ist wichtig für die CT-Darstellung.

"Weil Karbon für Röntgenstrahlung fast ist wie Wasser. Jeder Stoff hat nen bestimmten Wert. Der Nullpunkt ist Wasser, also 1. Da geht es entweder rauf oder runter. Umso dichter etwas an Wasser ist, umso dunkler wird's. Und umso höher die Dichte ist, umso heller wird es dann im CT-Bild. Also Knochen sind weiß, und Luft ist schwarz. Und alles dazwischen sind Abstufungen von grau. Im Prinzip ist ein CT die Interpretation von Grau."

Ergänzt wird das CT-Bild durch die Ergebnisse der Laborgeräte. Sie messen die Blutwerte für Thrombozyten, Erythrozyten, Leukozyten ...

"Sonst haben wir noch zwei kleine Handheld-Geräte. Das Eine ist ein Gerät zur Messung der Blutgerinnung oder dem INR jedenfalls. Und das Andere, das ist ein Gerät, damit messen wir die Elektrolyte und auch Leber und Nierenwerte. Alles zum in die Hand nehmen. (Lacht) Das ist im Krankenhaus auch ein bisschen größer. Das ist noch ein AED, also ein automatischer externer Defibrillator. Der spricht mit Einem, wenn man möchte. Das ist halt doch mehr Technik als Medizin am Ende hier."

Telemedizin ersetzt nicht den direkten Kontakt

Über das Mobilfunknetz werden die Daten zum Neuroradiologen geschickt. Dieser kann mittels Kamera und Raumtelefon mit den Fahrzeuginsassen sprechen. Mehrere Karten für UMTS und sogar das leistungsstärkere LTE sind vorhanden. Sollte einmal eine Funkzelle besetzt sein, wird einfach auf eine andere Leitung gewechselt.

Telemedizin ersetzt zwar nicht den direkten Kontakt zum Patienten, erhöht aber die Entscheidungssicherheit, meint Martin Ebinger.

"Es ist ja immer so in der Medizin: Es gibt selten Schwarz-Weiß-Entscheidungen, gerade auch bei der Thrombolyse. Es muss sehr schnell gehen, man muss sich schnell entscheiden. Es gibt aber Grenzbereiche, wo auch die erfahrensten Ärzte ins Zweifeln geraten. Und dann kann es ne enorme Hilfe sein, wenn man sich noch ne zweite Meinung holen kann. Und durch die Möglichkeiten im STEMO geht das dann eben viel schneller als sonst."

Die im April veröffentlichte Begleitstudie belegt das eindeutig: Mit STEMO wurde die Thrombolyse im Schnitt 25 Minuten schneller durchgeführt als ohne. Dadurch konnten insgesamt mehr Personen überhaupt noch behandelt werden. Schließlich ist 4 1/2 Stunden nach Auftreten eines Schlaganfalls die Thrombolyse nicht mehr möglich.

Trotz der Vorteile von STEMO gibt es für Sabina Kaczmarek keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen.

"Wir haben die Situation, dass das Forschungsprojekt am 30.06.2014 beendet ist. Zu dem Zeitpunkt werden aber noch nicht alle Daten komplett ausgewertet sein, weil wir ja bis kurz vorher, bis Mai, Daten erheben werden. Wir wissen im Moment nicht, ob das Fahrzeug weiter betrieben wird oder nicht. Aber das ist auch ne Entscheidung, die müssen die Verantwortlichen gemeinsam treffen."

Bis dahin bleibt der Rettungswagen für Schlaganfallpatienten einmalig in der Hauptstadt, zuständig für ein gutes Drittel der Berliner Bevölkerung und im Dienst nur von sieben am Morgen bis sieben am Abend. Deswegen hat das STEMO-Team jetzt auch schon Feierabend für Heute.

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