Mittwoch, 26.02.2020
 

Studio 9 | Beitrag vom 16.01.2015

MedizinBlinde ertasten Brustkrebs

Von Svenja Pelzel

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Eine Frau liegt auf dem Rücken und tastet ihre Brust nach Knötchen ab. (imago stock&people)
Frauen können Tumore auch selbst ertasten. Blinde Fachkräfte können das aber besser. (imago stock&people)

Medizinische Tastuntersucherinnen wissen, wie man Brusttumore rechtzeitig erkennt. Ausgebildet für diesen Job werden ausschließlich blinde und sehbehinderte Frauen. Denn sie verfügen über eine besondere Begabung.

"Hallo. Okay, dann kommen Sie erst mal mit."

"Nach links, Frau Bamberg?"

"Ja, nach links."

Ewa Bamberg begrüßt ihre Patientin Helen Müller mit festem Handschlag und blickt ihr dabei direkt ins Gesicht. Dann geht sie voraus in das helle, farbig eingerichtete Behandlungszimmer, das zu einer Frauenarztpraxis in Berlin-Dahlem gehört. Sie setzt sich an den Computer und bietet ihrer Patientin den Stuhl daneben an. Ewa Bamberg kann die Patientin jetzt nur noch schemenhaft erkennen. Die 44-Jährige ist stark sehbehindert. Doch für ihre Arbeit heute ist das ein Vorteil. Ewa Bamberg ist ausgebildete Medizinische Tastuntersucherin, das heißt, sie wird in der nächsten dreiviertel Stunde die Brüste von Helen Müller systematisch auf Brustkrebs abtasten.

"Haben Sie Beschwerden?"

"Also Ich hatte letztens eine Zyste, eine relativ große in der linken Brust."

"Hm..."

Die schlanke, große Frau setzt sich auf eine Liege. Sie wirkt entspannt, hat nichts dagegen, dass eine Journalistin sie halbnackt sieht, möchte ihren richtigen Namen aber lieber doch nicht im Radio hören. Für die Medizinische Tastuntersuchung heute hat sie sich ganz bewusst entschieden:

"Ich gehöre zu dem Kreis der über 50-Jährigen, die dann ein Mal im Jahr diese Einladung zu diesem Screening bekommen und da hört man ja so und so, also auch sehr viele negative Meldungen und Nachrichten. Und dann hatte ich das gehört auf der Veranstaltung und dann dachte ich: Wow, das hört sich ja richtig gut an. Ich hatte auch schon mal was in irgendeiner Dokumentation im Fernsehen gesehen und dann dachte ich: Jetzt mache ich das. Und jetzt bin ich bei Frau Bamberg."

"Ein Bisschen ist man schon aufgeregt"

Helen Müller lacht mit Ewa Bamberg und stellt zwischendurch immer wieder Fragen.

Müller: "Ich bin ja immer neugierig, aber es ist natürlich doch aufregend, weil man nicht weiß, ob nicht doch etwas gefunden wird, was irgendwie bedenklich ist. Oder wo man nicht genau weiß, was es ist. Ein Bisschen ist man schon aufgeregt, klar."

Nach einem kurzen Abtasten im Sitzen, legt sich Helen Müller hin. Ewa Bamberg reißt von einer Rolle fünf selbstklebende Markierungsstreifen ab. Vorsichtig klebt sie ihr die Streifen von oben nach unten über die Brust, das Brustbein und an den seitlichen Oberkörper. Die Streifen dienen Ewa Bamberg zur Orientierung auf der Brust. Wie bei einem Maßband sind sie in Zentimeter unterteilt. Die Skala besteht allerdings nicht aus Zahlen, sondern – wie bei der Brailleschrift – aus leicht erhöhten Punkten.

Bamberg: "Da ich auch vollblinde Kolleginnen habe, damit sie auch wirklich auch gut arbeiten, präzise arbeiten können, brauchen wir die Streifen. Und auch komplett den Oberkörper abtasten, dass es wirklich von oben nach unten geht."

Ewa Bamberg beginnt nun mit der eigentlichen Untersuchung. Sie drückt ihren rechten Zeigefinger sanft auf Helens Brust, macht an der Stelle eine leicht kreisende Bewegung und rutscht anschließend einen Zentimeter weiter.

Müller: "Das fühlt sich also beim Arzt ganz anders an, weil das ist sehr viel subtiler jetzt hier. Das ist so fein und wirklich punktueller. Der Arzt geht ja manchmal fast wie so flächiger da dran, eher mit den ganzen Fingern, nicht so mit den Fingerspitzen. Und für mich selber – ich glaube, ich mach das auch grober. Also ich lerne gerade."

Sehbehinderte haben einen besonders guten Tastsinn

Ewa Bamberg arbeitet konzentriert und sorgfältig. Neun Monate hat ihre Ausbildung zur Medizinischen Tastuntersucherin gedauert. Diese Ausbildung bieten die Berufsförderwerke für Sehbehinderte in Halle, Mainz, Düren und Nürnberg an. Der Gedanke dahinter: Sehbehinderte Menschen haben einen besonders guten Tastsinn. Aus diesem Grund hat sich auch Gynäkologin Christine Hoffmann vor vier Jahren entschieden, Ewa Bamberg in ihre Praxis aufzunehmen:

"Ich sehe das auch nicht als Konkurrenz für die ärztliche Tätigkeit an. Ich sehe das als eine Zusammenarbeit an. Ich freue mich, dass ich jemanden kompetentes in der Praxis mit habe, die meine Arbeit für die Patienten unterstützt.

Ärzte entdecken in der Regel einen Knoten erst ab zehn Millimetern, Frauen selbst ab 20. Ewa Bamberg aber weiß genau, wie sich ein Knötchen anfühlt, das gerade mal vier Millimeter groß ist:

"Fest, viel fester als Brustgewebe. Ja, das ist auch so ein bisschen im Gefühl schon. Passt einfach nicht dazu."

46,50 Euro kostet die Untersuchung bei einer medizinischen Tastuntersucherin, einige wenige Kassen erstatten das Geld bereits. Schlechte Nachrichten zu überbringen - auch das musste Ewa Bamberg lernen:

"Das war beim ersten Mal ein bisschen komisch für mich, jetzt aber nicht mehr. Ich denke, dafür wurde ich ausgebildet, die Knötchen so früh wie möglich zu ertasten. Ich helfe nur den Frauen auch hinterher nach der OP, sie kommen auch gerne zur Nachsorge, weil sie sich einfach hier sicher fühlen."

Bei Helen findet Ewa Bamberg nichts Auffälliges. Nach einer dreiviertel Stunde ist die Untersuchung beendet.

Müller: "Ich fühl mich jetzt wohl. Man fühlt sich ganz entspannt und auch während der Untersuchung, das ist ganz angenehm, tut überhaupt nicht weh. Ja, Frau Bamberg macht das super."

Mehr zum Thema:

Menschen mit Behinderung - Blind in Berlin
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 29.12.2014)

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