Mediterrane Leichtigkeit aus Deutschland

Von Julia Macher |
Bis zum 24. September konkurrieren in San Sebastian 19 Filme aus Europa, Marokko, China und Argentinien um die Goldene Muschel. Am Sonntag hatte der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag Premiere, Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon". Der kam beim Spanischen Publikum erstaunlich gut an.
Normalerweise rollt man dem deutschen Film ist San Sebastian nicht gerade den roten Teppich aus. Aber Sonntagabend schien es fast so, als hätten die Filmkritiker auf nichts anderes gewartet. Großer Applaus und großes Lob für Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon", den einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag in diesem Jahr:

Frau: " Deutsche Filme gelten eigentlich als unterkühlt, aber dieser ist sehr warmherzig. Und ich glaube, die Reaktionen heute waren sehr positiv. Es gab einen langen Applaus und die Leute haben viel gelacht, was bei deutschen Filmen eher selten vorkommt. Seit "Lola rennt" wird das deutsche Kino in Spanien bekannter. Ich glaube, das liegt an den jungen deutschen Regisseuren, die eine andere Sprache benutzen: Sie sind moderner, frischer und echter."

Mann: "Es ist ein ganz großartiges Drehbuch, der Film kommt sehr frisch daher, sehr einfallsreich und sehr jung. "

Sommer vorm Balkon erzählt die Geschichte zweier Frauen: Wie ein altes Ehepaar sitzen Nike und Kathrin auf dem Balkon und blicken runter auf den Prenzlauer Berg, das Leben und die Liebe. Kathrin, gespielt von Inka Friedrich, ist alleinerziehende Mutter und melancholische Parterrewohnungsmieterin. Die kesse Nike, gespielt von Nadja Uhl, wohnt direkt unterm Dach und nimmt vom Leben, was sie kriegen kann, ohne lange zu zaudern. Nachbarinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Von ihrer Freundschaft - bzw. dem, das sie dafür halten – handelt Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon":

Andreas Dresen: " Ich bin mir gar nicht sicher, ob das wirklich 'ne Freundschaft ist. Vielleicht ist das ja auch eher 'ne Zweckgemeinschaft. Es kann durchaus sein, dass die beiden wieder auseinander gehen früher oder später. Aber es gibt Momente, wo sie sich berühren. Ich glaube, so ist es letztendlich im Leben. Es ist wahnsinnig schwer, jemand zu finden, mit dem man den ganzen Weg geht. Aber es gibt manchmal Berührungen, die einem über harte Zeiten hinweghelfen und wo Menschen für einen einstehen. Und das finde ich in Zeiten, wo der soziale Wind immer rauer wird, unheimlich wichtig und das macht auch die Hoffnung dieses Films aus."

Heiter, leicht, fast pastellfarben kommt "Sommer vorm Balkon" daher. Doch Andreas Dresen wäre nicht der große Realist, wenn er ganz von der harten deutschen Wirklichkeit lassen könnte. Und so erzählt sein Film auch von Einsamkeit im Alter, Alkoholproblemen und Arbeitslosigkeit. Immer mit einem sehr zärtlichen Blick für die Figuren – und wunderbar lakonischen Dialogen. Das Drehbuch hat Wolfgang Kohlhaase geschrieben, den Andreas Dresen schon seit DEFA-Zeiten tief verehrt.

"Ich schätze Kohlhaase seit vielen Jahren. Ich liebe die Filme, die er gemacht hat. Ich kann teilweise die Dialoge auswendig. Ich habe mich sehr gefreut, von ihm ein Manuskript zu lesen und habe mich auch prompt verliebt. Es war so 'ne Beiläufigkeit, mit der da über Leben erzählt wird. Als ob man dem Leben ein paar Minuten bei der Arbeit zuschauen darf, um dann wieder weiterzulaufen. "

Vielleicht ist es auch diese Beiläufigkeit, die Publikum und Kritik so sehr entzückt und – vor allem überrascht hat. Denn Kino Made in Germany hat in Spanien einen schweren Stand. Zwar steckt in vielen Produktionen deutsches Geld, so auch im spanischen Eröffnungsfilm "Obaba". Der deutsche Film dagegen gilt immer noch als schwerfällig und langweilig. Erfolge wie "Der Untergang" oder "Gegen die Wand" sind eher die Ausnahme.

Vielleicht erklären sich die glücklichen Gesichter nach der Premiere des Dresenfilms heute aber auch daraus, dass der Wettbewerb bis jetzt an Heiterem nicht sonderlich reich war. Schon der Eröffnungsfilm "Obaba" bot viel Mythenschweres und auch in den Folgebeiträgen überwog der düster grübelnde introspektive Blick.

So erkundet der dänische Regisseur Per Fly in seinem psychologisch genauen Beitrag "Manslaughter" Fragen nach Schuld und Wahrheit, der Argentinier Fabian Bielinsky schickt seinen Protagonisten, einen Mittvierziger, in den Wald auf eine Reise zu sich selbst und der chinesische Regisseur Zhang Yang langweilte mit einer sehr konventionellen Vater-Sohn-Geschichte.

Das Herzerfrischendste war bisher Michael Winterbottoms temporeiche und intelligent witzige Laurence Stern-Adaption "A cock and bull story", der bisherige Kritikerliebling. An ihr muss sich Andreas Dresen jetzt messen lassen. Und an Terry Gilliams "Tideland", der im Laufe der Woche gezeigt wird.

Doch selbst wenn es nicht für eine Auszeichnung reichen sollte: Als deutscher Film in San Sebastian für die mediterrane Leichtigkeit zuständig zu sein, ist auch ganz hübsch.