Seit 02:00 Uhr Nachrichten

Freitag, 13.12.2019
 
Seit 02:00 Uhr Nachrichten

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 17.02.2012

"Medinat Weimar" - ein jüdischer Staat in Weimar

Ein Projekt zwischen Kunst und politischer Kampagne

Von Matthias Bertsch

Podcast abonnieren
Weimar - ein Ort von Schiller und Goethe  (AP)
Weimar - ein Ort von Schiller und Goethe (AP)

Wenn derzeit von Thüringen die Rede ist, denken viele spontan an die Zwickauer Terrorzelle. Angesichts dieser Tatsache klingt es zunächst wie ein schlechter Scherz, gerade in Thüringen einen jüdischen Staat zu errichten. Doch genau das fordert der israelische Künstler Ronen Eidelman.

Promovideo Medinat Weimar: "Einen Staat gibt es zwar noch nicht, doch im Internet werden jetzt schon patriotische Töne angestimmt: 'Eretz Thuringia, das Land Thüringen'. Medinat Weimar möchte einen jüdischen Staat in Thüringen errichten, mit Weimar als Hauptstadt."

Ronen Eidelman ist Generalsekretär von Medinat Weimar. Der 40-Jährige hat die Bewegung vor gut drei Jahren ins Leben gerufen - als Abschlussarbeit seines Studiums an der Bauhausuniversität - und ihr Ziel in dreizehn Thesen zusammengefasst. Medinat Weimar, heißt es zum Beispiel in These zwei, löse nicht nur das Problem des jüdischen Traumas, deutscher Schuld und ostdeutscher Depression, sondern auch den Nahostkonflikt.

Khatib: "Den Nahostkonflikt kann man damit nicht lösen, man kann aber eine andere Vision von dem, was Zusammenleben, was aber auch Jüdisch sein, oder auch deutsch-jüdisch, oder auch, sagen wir palästinensisch-jüdisch-deutsch, in diesem Dreieck bedeuten würde, formulieren, ein anderer Vorschlag, in diese Richtung."

Sami Khatib ist Kulturwissenschaftler und so etwas wie der Vertreter von Medinat Weimar in Berlin. Dass er selbst auch palästinensische Vorfahren hat, steht seinem Eintreten für einen jüdischen Staat in Thüringen nicht im Weg.

Khatib: "Natürlich ist der Clou der ganzen Geschichte, wie Medinat Weimar, die Bewegung, jüdisch definiert: Es ist natürlich keine ethnische oder gar rassisch oder rassistisch verengte Definition, auf gar keinen Fall, es geht auch über Religion hinaus. Es ist auf alle Fälle nicht etwas, was andere Leute ausschließt."

Auch Ronen Eidelman will "jüdisch" nicht als religiöse oder nationale Zuordnung verstehen. Gefragt, wer denn dann zum "jüdischen Volk" gehöre, zitiert er den Religionsphilosophen Martin Buber.

Eidelman: "Er sagte: Ein Volk ist ein Volk, wenn es das gleiche Schicksal teilt. Nicht Glaube, sondern Schicksal. Wenn Leute sehen, dass sie eine gemeinsame Zukunft haben, und dass sie das Schicksal miteinander verbindet, dann schafft so etwas ein Volk. Für Medinat Weimar heißt das: Wenn sich Leute entscheiden, das Schicksal mit dem jüdischen Volk zu teilen, mit diesem Projekt, dann können wir ein Volk werden und ein gemeinsames Schicksal teilen."

Die Frage ist allerdings, ob die Mehrheit der derzeit in Eretz Thuringia lebenden Menschen dieses Schicksal teilen will. Politiker wie Vertreter der jüdischen Gemeinden haben bislang eher wortkarg auf die Forderung nach einem jüdischen Staat reagiert. Dabei, heißt es in These elf von Medinat Weimar, sei ein jüdischer Staat doch keine Strafe, sondern eine Auszeichnung: Aufgrund des Bevölkerungsrückgangs in Ostdeutschland biete sich Thüringen für jüdische Einwanderung geradezu an. Im Jüdischen Museum in Berlin, in dem bis vor wenigen Tagen ein Büro von Medinat Weimar ausgestellt war, trafen die Thesen Eidelmans zumindest auf offene Ohren bei so mancher Besucherin.

Besucherin: "Also gerade mit Thüringen, ist natürlich schon sehr provokativ, würde ich sagen, gerade was jetzt im Moment alles aufgedeckt wird, was auch so im Verfassungsschutz wahrscheinlich gelaufen ist in Thüringen, und Neonazis in Thüringen, und mir gefällt das sehr gut, diesen offenen Staat zu proklamieren."

Dass dieser offene jüdische Staat in absehbarer Zeit Realität wird erwartet wohl kaum jemand - auch wenn Ronen Eidelman mit koscheren Bratwürsten für sein Projekt wirbt und im Internet zahllose Unterstützer aufweisen kann.

Promovideo "Medinat Weimar" (Eduard Freudmann, Wiener Politkünstler): "Ich unterstütze Medinat Weimar, weil ich davon überzeugt bin, dass dieser jüdische Staat in Thüringen eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Antisemitismus und gegen Philosemitismus spielen wird."

Kunst und politische Kampagne, Provokation und Utopie: Medinat Weimar ist von allem etwas. Eidelman liebt das Spiel mit Klischees und Tabus, doch hinter dem Spielerischen treibt ihn eine ernsthafte Frage um: Wohin entwickelt sich der bereits existierende jüdische Staat? Eidelman setzt sich als Künstler in Israel für einen gemeinsamen jüdisch-arabischen Staat ein, eine Forderung, die für viele Israelis nicht weniger als das Ende des jüdischen Staates bedeutet. Und so ist Medinat Weimar zwar ein Kunstprojekt doch eines mit einem hochpolitischen Hintergrund, betont Eidelman im Jüdischen Museum.

Eidelman: "Natürlich befinden wir uns in einem Museum, und es ist auch kein Zufall, dass wir hier über Medinat Weimar diskutieren. Es ist die Welt der Kunst, wo die neuesten und spannendsten politischen Gedanken entstehen können. Aber für mich ist Medinat Weimar auch wie ein Plan B des jüdischen nationalen Projektes. Und ich befürchte fast, dass er Realität wird, auch wenn das bedeutet, dass Plan A gescheitert ist - und Plan A ist Israel."

Promovideo Ende: "Eretz Thuringen, ah jai, jai, jai, jai, jai"

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Medinat Weimar

Aus der jüdischen Welt

Juden in GriechenlandImmer zum Gegenangriff bereit
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wird 2016 in der Synagoge der Monastirioten in Thessaloniki (Griechenland) vom Präsidenten der Jüdischen Gemeinde, David Saltiel, die Ehrenmitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde verliehen. (picture alliance / dpa/ Bernd von Jutrczenka)

David Saltiel ist Präsident des Zentralrats der Juden Griechenlands. Seit beinahe zwanzig Jahren bemüht er sich, auf das Schicksal der Juden Griechenlands aufmerksam zu machen. Doch er gibt trotz des ständigen Judenhasses in Griechenland nicht auf.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur