Digitale Selbstbestimmung

Wie Kinder und Eltern den sicheren Umgang mit Social Media erlernen

Ein Baby krabbelt von seiner Mutter weg, die auf dem Boden sitzt und auf ihr Handy schaut.
Experten sehen Medienkompetenz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nur Kinder betrifft, sondern alle (Symbolbild) © picture alliance / dpa / Elisa Schu
In der Debatte um ein Social-Media-Verbot fällt der Blick meist zuerst auf Kinder und Jugendliche – denn sie sind besonders gefährdet. Vieles spricht aber dafür, Medienkompetenz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzugehen.
Bei der Debatte um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche wird von Gegnern immer wieder darauf verwiesen, dass ein Verbot eigentlich zu kurz gedacht ist. Mehr Medienkompetenz wäre viel wichtiger – generationenübergreifend.  
Eine Mehrheit der Bevölkerung ist sich laut dem ifo Bildungsbarometer 2025 mit Expertinnen darin einig, dass Eltern auch in Sachen Medienkompetenz die Hauptverantwortung für ihre Kinder tragen.
Wie kann es also gelingen, sowohl Kinder als auch Erwachsene auf eine zunehmend digitalisierte Welt vorzubereiten? Welche Rolle kommt Lehrkräften und Schulen, aber auch der Gesellschaft insgesamt zu? Und was können wir von Spitzenreitern der Medienkompetenz wie Finnland lernen?

Was man unter Medienkompetenz versteht 

Aus Sicht von Bildungsexperten ist Medienkompetenz eine der zentralen Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts. Das Erkennen von Desinformation ist ein wichtiger Pfeiler, aber Medienbildung umfasst noch mehr. Kinder und Jugendliche sollen lernen, in einer von Medien beeinflussten Welt selbstbestimmt, kreativ und sozialverantwortlich zu handeln, statt den ökonomischen Interessen und der Manipulation digitaler Plattformen ausgeliefert zu sein.
Der Rahmenplan zur Medienkompetenz des Thüringer Schulportals für die Sekundarstufe 1 (5.-10. Klasse) basiert auf der gemeinsamen Strategie der Kultusministerkonferenz (KMK). Diese teilt Medienkompetenz in sechs Bereiche ein.
1. Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren. Dazu gehört, Informationen zu finden, zu analysieren und kritisch zu bewerten
2. Kommunizieren und Kooperieren. Dazu gehört, sich an die Regeln der digitalen Kommunikation (Netiquette) zu halten und ethische Prinzipien zu berücksichtigen.  
3. Im Bereich Produzieren und Präsentieren geht es darum, Medienprodukte planen und gestalten zu können und dabei Rechtliches wie das Urheberrecht zu beachten.
4. Schützen und sicher Agieren heißt, Maßnahmen zur Datensicherheit zu ergreifen. Aber auch, eigene Mediengewohnheiten zu reflektieren, die Bildschirmzeit zu limitieren und digitale Auszeiten zu nehmen, um Suchtgefahren zu vermeiden.
5. Problemlösen und Handeln zielt drauf ab, technische Probleme zu lösen und die Funktionsweise von Algorithmen zu verstehen
6. Analysieren und reflektieren bedeutet, die Gestaltungsmittel und die Wirkungsabsicht von Medien kennen, etwa wenn es um mediale Konstrukte wie Stars geht oder um mediale Gewaltdarstellungen. Darunter fällt auch die Kompetenz, Plattform-Designs zu durchschauen, etwa den Einsatz von Clickbait, Cliffhangern und anderen Mechanismen, die auf eine maximale Nutzungszeit abzielen.

Welche Länder gut und welche schlecht abschneiden

Neben Finnland, das traditionell eine Spitzenposition einnimmt, zeigt der Media Literacy Index (MLI) 2026, dass andere westeuropäische Länder in der Medienkompetenz zu Finnland aufgeschlossen haben und damit eine vergleichbar hohe Resilienz gegen Desinformation erreicht haben. Dazu zählen Dänemark, Irland und die Niederlande. Auch die Schweiz und Estland gehören zur Spitzengruppe. 
Laut dem Media Literarcy Index 2026 profitierten diese Länder von einer Kombination aus hochwertiger Bildung, Pressefreiheit und einem tief verwurzelten Vertrauen zwischen Bürgerinnen und Bürgern. Leo Pekkala, der als stellvertretender Direkter des National Audiovisueal Institute in Helsinki (KAVI) die finnische Strategie für Medienkompetenz mit überwacht, sieht auch das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen als Schlüssel an.

Deutschland ist kein Spitzenreiter bei Medienkompetenz

Kanada und Australien liegen ebenfalls in der Spitzengruppe und weisen damit eine ähnlich hohe Widerstandsfähigkeit wie die führenden europäischen Nationen auf.
Die USA hingegen gehören nicht der Spitzengruppe an. Sie gelten als anfälliger für „Post-Wahrheits-Phänomene“ und Desinformation. Deutschland belegte Platz 11 von insgesamt 41 Ländern.  
Besonders hoch ist die Gefahr von Desinformation in einigen Ländern Südosteuropas. Im Kosovo sowie in Nordmazedonien und Albanien gefährden systemische Defizite im Bildungssystem und bei der Pressefreiheit die gesellschaftliche Resilienz. Mit Platz 35 liegt Bulgarien auf dem letzten Platz der Länder Europas. Diese Länder sind aufgrund ihrer Nähe besonders russischer Desinformation ausgesetzt, hält der Media Literacy Index fest.

Was Spitzenreiter Finnland richtig macht

Während der Sozialverband Deutschland noch fordert, das Schulfach Medienkompetenz an allen weiterführenden Schulen einzuführen, ist es in Finnland seit über zehn Jahren Teil des Schulalltags. Aber nicht als einzelnes Schulfach. Medienkompetenz zieht sich durch den gesamten Unterricht: In Geschichte geht es um Populismus, in Mathe um manipulierte Statistiken und in Informatik um Künstliche Intelligenz.  
Medienbildung startet in Finnland bereits im Kleinkindalter, sagt Kari Kivinen, ehemaliger Schulleiter, der die Medienstrategie in Helsinki mitgestaltet hat. In der Vorschule bringt man finnischen Kindern bei, online nach Tierfotos suchen.
In der Grundschule üben sie, Suchmaschinen richtig zu benutzen und mit Unterstützung der Lehrkräfte lernen die Kinder zu verstehen, warum ein Inhalt vertrauenswürdiger ist als ein anderer. Wenn sie auf die weiterführende Schule gehen, sollen sie selbstständig recherchieren und beurteilen können, wie zuverlässig Informationen sind. Kivinen hebt hervor, dass es sich um ein systematisches Vorgehen handelt.
Medienbildung in Deutschland und Österreich hingegen sei zwar oft in den Lehrplänen verankert, die Umsetzung jedoch „unstrukturiert und wenig systematisch“, sagt der österreichische Rechtswissenschaftler Matthias Kettemann vom Leibniz-Institut für Medienforschung. Ob Medienkompetenz ein eigenes Fach oder besser fächerübergreifend als Querschnittsthema behandelt werden sollte, darüber sind sich Bildungsforscher in Deutschland indes uneins.

Medienkompetenz lässt sich auch in der Freizeit vermitteln

In Finnland wird Medienkompetenz darüber hinaus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die im Alltag und generationenübergreifend verankert ist – auch Erwachsene sollen erreicht werden. Deshalb arbeitet das finnische Bildungsministerium mit NGOs und mit Bibliotheken zusammen, sie gelten in Finnland als Treffpunkte. 
Matthias Kettemann schlägt vor, hierzulande Volkshochschulen und Vereine in die Medienbildung einzubinden - denn sie spielten in Deutschland für das gemeinschaftliche Leben eine wichtige Rolle. Was spricht also dagegen, eine Expertin in den Kegelclub oder den Hundeverein einzuladen, damit sie etwas über Fake News erzählt? „Das könnte auch helfen, den Menschen ein wenig die Angst zu nehmen.“ 

Warum es neben Kinderregulierung auf Elternbildung ankommt

In Deutschland sehen 62 Prozent der Befragten die Eltern in der Pflicht, Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien beizubringen. Das zeigt das ifo Bildungsbarometer 2025. Nur vier Prozent sehen diese Aufgabe primär bei Lehrkräften und Schule. 
Der Digitaltrainer Julian Bühler stellt bei Elternabenden an Schulen jedoch immer wieder fest, dass Eltern oft nicht wissen, was ihre Kinder in der digitalen Welt mit Smartphones erleben. Eltern brauchen deshalb mehr Kompetenzen, sagt der Medientrainer.
Er weist darauf hin, dass es im Internet keinen Kinder- und Jugendschutz gibt, während ein Viertel des Datentransfers nach Schätzungen aus Pornografie bestehen. Mit einem internetfähigen Smartphone hätten auch Kinder Zugang zu solchen Inhalten. Eltern, die ihren Kindern ein Smartphone in die Hand drückten, hätten das nicht im Blick.
Der Medienwissenschaftler Daniel Hajok der Universität Erfurt konstatiert ebenfalls Kompetenzdefizite bei Erwachsene – und warnt davor, immer nur auf junge Menschen zu schauen und dabei die Eltern aus dem Blick zu verlieren. Zwar sind diese oft selbst mit sozialen Netzwerken aufgewachsen, aber Tiktok, Instragram und Co funktionierten anders als die frühen sozialen Netzwerke.

Experten halten Regulierung der Plattformen für unumgänglich

JIM-Studienautorin Yvonne Gerigk vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest will die Plattformen in die Verantwortung nehmen. Aktuell seien diese so konzipiert, dass es ausschließlich um maximale Nutzungszeit geht und nicht um Inhalte. Eine Regulierung der Anbieter hält auch Medienforscher Hajok hält für unumgänglich, um Kinder und Jugendliche besser zu schützen.

Online-Text: Tina Hammesfahr
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