Medienforscher: Boom der Spartensender hält an
Nach Ansicht des Medienforschers Klaus Goldhammer tragen Spartensender zu einer größeren Demokratisierung der Öffentlichkeit bei. Randthemen bekämen durch solche Programme ein Forum.
Frank Meyer: Der Medienforscher Klaus Goldhammer ist jetzt hier im Studio von Deutschlandradio Kultur. Herr Goldhammer, wir haben’s gerade gehört, die Vollprogramme haben schon 10 Prozent verloren. Wird die Entwicklung denn so weitergehen, werden sich immer mehr Fernseher den Spartenprogrammen zuwenden? Was denken Sie?
Klaus Goldhammer: Ja, das ist sehr wahrscheinlich, einfach weil es gar nicht mehr die Möglichkeit gibt, noch ein neues, wirklich großes Vollprogramm zu etablieren, so viel interessante Inhalte gibt es gar nicht. Das heißt, man kann sich jetzt nicht mehr um die großen Tortenstücke, sondern nur noch um die kleinen Krümel streiten. Und da es durch die Digitalisierung immer billiger wird, einen neuen Fernsehsender zu starten und zu verbreiten, werden auch immer mehr Spartensender entstehen.
Meyer: Heißt das in ferner Zukunft dann vielleicht, dass die großen Vollprogramme ganz verschwinden werden?
Goldhammer: Nein, das auf gar keinen Fall. Wir wollen immer noch Olympische Spiele sehen und "Wetten, dass …?" verfolgen, und es wird immer noch sozusagen große gemeinsame Programme und Inhalte und Angebote geben, aber eben auch endlich das, was es vorher nur im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich gab, also für jedes Pläsierchen einen Sender. Das heißt, da wird noch mal zusätzlich etwas hinzukommen, aber das heißt nicht das Ende der großen Vollprogramme, die werden nur partiell verlieren.
Meyer: Und was heißt das nun für die Öffentlichkeit, für die Diskussionskultur in unserem Land, wenn sich das Publikum immer mehr aufsplittert auf immer kleinere Programme, was bedeutet das für die, ja auch für die Debattenkultur in unserem Lande?
Goldhammer: Ja, es gibt ja viele, die befürchten, dass es eine Zersplitterung der Öffentlichkeit gibt. Ich persönlich halte das aber eher für den falschen Ansatz. Ich glaube, dass wir durch solche Spartenprogramme eine viel größere Demokratisierung der Öffentlichkeit bekommen, nämlich dergestalt, dass plötzlich auch Randthemen oder Dinge, die sonst in ner großen Debatte überhaupt nicht vorkommen, auch einen Kanal finden und sich dort auch sozusagen die Menschen wiederfinden. Zugleich, wie gesagt, werden ja auch die großen Sender oder ich sag mal die "Tagesschau" nicht deshalb eingestellt werden. Das heißt also, es kommt etwas hinzu, nämlich die Möglichkeit für Nischen, Sparten und spezielle Zielgruppen, sich wiederzufinden, sich zu äußern oder zu kommunizieren, und gleichzeitig behalten wir das alte große Vollprogramm für alle im Prinzip auch aufrecht. Und das ist ein Zugewinn und kein Verlust.
Meyer: Man kann sich das ja parallel auch bei den Portalen im Internet anschauen, die es schon gibt, und da gibt es zum Teil relativ kräftige Kritik, vorgetragen zum Beispiel gegenüber dem führenden Portal zurzeit, "Spiegel Online", wo man immer wieder hört, um die Zahl der Klicks zu erhöhen, um damit auch mehr Werbeeinnahmen zu generieren, gehen solche Portale immer populistischer vor, sie schielen eben auf die Einschaltzahlen sozusagen, die Klickzahlen, was die Themensetzung angeht, was die Aufbereitung der Themen angeht, darunter leidet die journalistische Sorgfalt. Ich frage danach, weil wenn Sie sagen, es wird automatisch demokratischer, wenn immer mehr Spartenkanäle aufkommen, erwarten Sie nicht die gleichen Probleme, die es bei den Internetportalen gibt, dann auch bei diesen Spartenkanälen?
Goldhammer: Ehrlich gesagt nicht. Ich glaube sogar – man kann das auch schon heute gut beobachten –, dass das Internet noch mal eine zusätzliche Dimension hineinbringt. Selbst wenn das Fernsehmachen heute deutlich billiger geworden ist als noch vor ein paar Jahren und sich das also dementsprechend auch ganz neue Anbieter oder Produzenten überhaupt leisten können, wird es im Internet noch mal eine nächste Stufe der Kommunikation geben. Und das kann man heute an diesen sozialen Netzwerken von Facebook bis Twitter ganz wunderbar mitverfolgen, Blogger und Journalisten, die sozusagen als eigenständige Ein-Personen-Medienunternehmen ganz neue Medienströme aufmachen und sogar die alteingesessenen etablierten Medien ja zum Teil überholen. Man konnte das ganz gut im Iran sehen bei dem Aufstand, die Bilder und Informationen kamen von den sozusagen Aufständischen und nicht mehr von den Korrespondenten, die in ihren Hotels eingeschlossen waren. Also insofern, glaube ich, kommt da noch mal etwas Weitergehendes hinzu, eine zusätzliche Qualität. Ich habe sozusagen große meinungsführende Portale, ich habe große Sender, kleine Sender, Professionelle und eben auch einzelne Personen, die plötzlich auch an diesem Meinungskanon teilnehmen können und sich beteiligen können. Und ich sehe das als eklatanten Qualitätsunterschied, und zwar im positiven Sinne, das ist ein Zugewinn für die Gesamtgesellschaft, denn solche Meinungen sind manchmal auch relevant.
Meyer: Aber denken Sie, dass die großen Player sich diese kleine Konkurrenz nicht irgendwann auch wieder einverleiben werden – auch das sieht man ja im Internet, wenn man allein daran denkt, wie viel Google sich angedockt hat, MySpace zum Beispiel oder YouTube gleich ganz aufgekauft. Also wie lange kann es diese kleineren Anbieter dann überhaupt geben?
Goldhammer: Sehr, sehr lange. Erstens weil sich viele von diesen Bloggern nicht kaufen lassen und auch vielleicht nicht kaufen lassen wollen, aber vor allen Dingen sehr lange deshalb, weil es für solche großen Anbieter überhaupt keinen Sinn macht, auch ökonomisch keinen Sinn macht, so was zu integrieren. Der Aufwand ist viel zu groß, der Gewinn ist viel zu gering, und insofern wird es vielleicht die Plattform oder die technischen Infrastrukturen, die solche Kommunikation ermöglichen, die wird weiter integriert, wie Google, die ja das Videoportal YouTube gekauft haben. Nichtsdestotrotz, auf YouTube werden jede Minute 20 Stunden Videomaterial hochgeladen, und selbst wenn 99,9 Prozent dann für den Einzelnen weder interessant ist noch ist er mit der Zeit gesegnet, das sich anzuschauen, der Zugriff oder die Zugriffsmöglichkeit auf die letzten 0,01 Prozent, die einen interessieren, die sind dann doch wieder spannend.
Meyer: Aber was denken Sie für die Zukunft, brauchen wir nicht auch zur Orientierung in diesem immer größer werdenden Strauß an Angeboten eben Portale, Zugangsmöglichkeiten, die uns gewisse Qualitätskriterien garantieren oder wo wir wenigstens hoffen können, dass sie eingehalten werden? Muss es in diesem Sinne oder wird es in diesem Sinne nicht auch weiterhin eine Bündelung bestimmter Angebote geben, einfach zur Orientierung der Nutzer?
Goldhammer: Ja und nein. Ja insofern, als dass es sehr wichtig ist, tatsächlich zu navigieren und auch eine Art von Qualitätsselektion vorzunehmen oder durch den noch mal zusätzlich angeschwollenen Informationsstrom auch eine Art von Orientierung zu bekommen, und das können natürlich sehr gut auch professionelle Medienunternehmen leisten. Auf der anderen Seite gibt es eine solche unendliche Vielfalt von Skandalen mittlerweile, auch bei den großen etablierten Medienunternehmen, was deren Qualitätsdienste anbelangt, dass ich da mittlerweile relativ desillusioniert bin und es möglicherweise dem einzelnen Blogger in dem Falle manchmal mehr zu trauen ist als einem großen Medienkonglomerat und am Ende des Tages muss sich halt jeder für sich selber entscheiden, was für ihn relevant oder wichtig ist. Aber ich glaube, dass man aus beiden Segmenten etwas für sich herauspicken kann. Und in der Tat, Orientierung ist am Ende des Tages die wichtigste Funktion, nämlich die Frage: Wie komme ich überhaupt durch diesen anschwellenden Informationsstrom noch trockenen Fußes auf die andere Seite?
Meyer: Die Spartensender von Bibelkunde bis Pferde-TV sind auf dem Vormarsch, und sie sind keine Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit. Das sagt der Medienforscher Klaus Goldhammer. Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Goldhammer: Herzlichen Dank!
Klaus Goldhammer: Ja, das ist sehr wahrscheinlich, einfach weil es gar nicht mehr die Möglichkeit gibt, noch ein neues, wirklich großes Vollprogramm zu etablieren, so viel interessante Inhalte gibt es gar nicht. Das heißt, man kann sich jetzt nicht mehr um die großen Tortenstücke, sondern nur noch um die kleinen Krümel streiten. Und da es durch die Digitalisierung immer billiger wird, einen neuen Fernsehsender zu starten und zu verbreiten, werden auch immer mehr Spartensender entstehen.
Meyer: Heißt das in ferner Zukunft dann vielleicht, dass die großen Vollprogramme ganz verschwinden werden?
Goldhammer: Nein, das auf gar keinen Fall. Wir wollen immer noch Olympische Spiele sehen und "Wetten, dass …?" verfolgen, und es wird immer noch sozusagen große gemeinsame Programme und Inhalte und Angebote geben, aber eben auch endlich das, was es vorher nur im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich gab, also für jedes Pläsierchen einen Sender. Das heißt, da wird noch mal zusätzlich etwas hinzukommen, aber das heißt nicht das Ende der großen Vollprogramme, die werden nur partiell verlieren.
Meyer: Und was heißt das nun für die Öffentlichkeit, für die Diskussionskultur in unserem Land, wenn sich das Publikum immer mehr aufsplittert auf immer kleinere Programme, was bedeutet das für die, ja auch für die Debattenkultur in unserem Lande?
Goldhammer: Ja, es gibt ja viele, die befürchten, dass es eine Zersplitterung der Öffentlichkeit gibt. Ich persönlich halte das aber eher für den falschen Ansatz. Ich glaube, dass wir durch solche Spartenprogramme eine viel größere Demokratisierung der Öffentlichkeit bekommen, nämlich dergestalt, dass plötzlich auch Randthemen oder Dinge, die sonst in ner großen Debatte überhaupt nicht vorkommen, auch einen Kanal finden und sich dort auch sozusagen die Menschen wiederfinden. Zugleich, wie gesagt, werden ja auch die großen Sender oder ich sag mal die "Tagesschau" nicht deshalb eingestellt werden. Das heißt also, es kommt etwas hinzu, nämlich die Möglichkeit für Nischen, Sparten und spezielle Zielgruppen, sich wiederzufinden, sich zu äußern oder zu kommunizieren, und gleichzeitig behalten wir das alte große Vollprogramm für alle im Prinzip auch aufrecht. Und das ist ein Zugewinn und kein Verlust.
Meyer: Man kann sich das ja parallel auch bei den Portalen im Internet anschauen, die es schon gibt, und da gibt es zum Teil relativ kräftige Kritik, vorgetragen zum Beispiel gegenüber dem führenden Portal zurzeit, "Spiegel Online", wo man immer wieder hört, um die Zahl der Klicks zu erhöhen, um damit auch mehr Werbeeinnahmen zu generieren, gehen solche Portale immer populistischer vor, sie schielen eben auf die Einschaltzahlen sozusagen, die Klickzahlen, was die Themensetzung angeht, was die Aufbereitung der Themen angeht, darunter leidet die journalistische Sorgfalt. Ich frage danach, weil wenn Sie sagen, es wird automatisch demokratischer, wenn immer mehr Spartenkanäle aufkommen, erwarten Sie nicht die gleichen Probleme, die es bei den Internetportalen gibt, dann auch bei diesen Spartenkanälen?
Goldhammer: Ehrlich gesagt nicht. Ich glaube sogar – man kann das auch schon heute gut beobachten –, dass das Internet noch mal eine zusätzliche Dimension hineinbringt. Selbst wenn das Fernsehmachen heute deutlich billiger geworden ist als noch vor ein paar Jahren und sich das also dementsprechend auch ganz neue Anbieter oder Produzenten überhaupt leisten können, wird es im Internet noch mal eine nächste Stufe der Kommunikation geben. Und das kann man heute an diesen sozialen Netzwerken von Facebook bis Twitter ganz wunderbar mitverfolgen, Blogger und Journalisten, die sozusagen als eigenständige Ein-Personen-Medienunternehmen ganz neue Medienströme aufmachen und sogar die alteingesessenen etablierten Medien ja zum Teil überholen. Man konnte das ganz gut im Iran sehen bei dem Aufstand, die Bilder und Informationen kamen von den sozusagen Aufständischen und nicht mehr von den Korrespondenten, die in ihren Hotels eingeschlossen waren. Also insofern, glaube ich, kommt da noch mal etwas Weitergehendes hinzu, eine zusätzliche Qualität. Ich habe sozusagen große meinungsführende Portale, ich habe große Sender, kleine Sender, Professionelle und eben auch einzelne Personen, die plötzlich auch an diesem Meinungskanon teilnehmen können und sich beteiligen können. Und ich sehe das als eklatanten Qualitätsunterschied, und zwar im positiven Sinne, das ist ein Zugewinn für die Gesamtgesellschaft, denn solche Meinungen sind manchmal auch relevant.
Meyer: Aber denken Sie, dass die großen Player sich diese kleine Konkurrenz nicht irgendwann auch wieder einverleiben werden – auch das sieht man ja im Internet, wenn man allein daran denkt, wie viel Google sich angedockt hat, MySpace zum Beispiel oder YouTube gleich ganz aufgekauft. Also wie lange kann es diese kleineren Anbieter dann überhaupt geben?
Goldhammer: Sehr, sehr lange. Erstens weil sich viele von diesen Bloggern nicht kaufen lassen und auch vielleicht nicht kaufen lassen wollen, aber vor allen Dingen sehr lange deshalb, weil es für solche großen Anbieter überhaupt keinen Sinn macht, auch ökonomisch keinen Sinn macht, so was zu integrieren. Der Aufwand ist viel zu groß, der Gewinn ist viel zu gering, und insofern wird es vielleicht die Plattform oder die technischen Infrastrukturen, die solche Kommunikation ermöglichen, die wird weiter integriert, wie Google, die ja das Videoportal YouTube gekauft haben. Nichtsdestotrotz, auf YouTube werden jede Minute 20 Stunden Videomaterial hochgeladen, und selbst wenn 99,9 Prozent dann für den Einzelnen weder interessant ist noch ist er mit der Zeit gesegnet, das sich anzuschauen, der Zugriff oder die Zugriffsmöglichkeit auf die letzten 0,01 Prozent, die einen interessieren, die sind dann doch wieder spannend.
Meyer: Aber was denken Sie für die Zukunft, brauchen wir nicht auch zur Orientierung in diesem immer größer werdenden Strauß an Angeboten eben Portale, Zugangsmöglichkeiten, die uns gewisse Qualitätskriterien garantieren oder wo wir wenigstens hoffen können, dass sie eingehalten werden? Muss es in diesem Sinne oder wird es in diesem Sinne nicht auch weiterhin eine Bündelung bestimmter Angebote geben, einfach zur Orientierung der Nutzer?
Goldhammer: Ja und nein. Ja insofern, als dass es sehr wichtig ist, tatsächlich zu navigieren und auch eine Art von Qualitätsselektion vorzunehmen oder durch den noch mal zusätzlich angeschwollenen Informationsstrom auch eine Art von Orientierung zu bekommen, und das können natürlich sehr gut auch professionelle Medienunternehmen leisten. Auf der anderen Seite gibt es eine solche unendliche Vielfalt von Skandalen mittlerweile, auch bei den großen etablierten Medienunternehmen, was deren Qualitätsdienste anbelangt, dass ich da mittlerweile relativ desillusioniert bin und es möglicherweise dem einzelnen Blogger in dem Falle manchmal mehr zu trauen ist als einem großen Medienkonglomerat und am Ende des Tages muss sich halt jeder für sich selber entscheiden, was für ihn relevant oder wichtig ist. Aber ich glaube, dass man aus beiden Segmenten etwas für sich herauspicken kann. Und in der Tat, Orientierung ist am Ende des Tages die wichtigste Funktion, nämlich die Frage: Wie komme ich überhaupt durch diesen anschwellenden Informationsstrom noch trockenen Fußes auf die andere Seite?
Meyer: Die Spartensender von Bibelkunde bis Pferde-TV sind auf dem Vormarsch, und sie sind keine Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit. Das sagt der Medienforscher Klaus Goldhammer. Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Goldhammer: Herzlichen Dank!