Medien-Kooperation

Näher an die Wahrheit!

Hans Leyendecker im Gespräch mit Christopher Ricke · 27.01.2014
Wenn Journalisten investigative Geschichten recherchieren, müssten sie eine gigantische Materialfülle bewältigen und mit sehr vielen Menschen sprechen, sagt Hans Leyendecker. Das sei der Hauptgrund für ein neues Recherchepool unter Leitung des früheren "Spiegel"-Chefredakteurs Georg Mascolo.
Christopher Ricke: Die Recherche gehört zu den Königsdisziplinen des Journalismus. Das jüngste Beispiel ist die recherchierte und aufgedeckte ADAC-Affäre, das berühmteste wahrscheinlich der Watergate-Skandal. Also: Die Recherche macht den Journalismus zur sogenannten vierten Gewalt im Staat. In Deutschland haben sich mehrere Medien zu einem Rechercheverbund zusammengetan. Das sind einmal die Rundfunkanstalten NDR und WDR und auch die "Süddeutsche Zeitung", und ich spreche jetzt mit dem Chef des Investigativressorts der SZ, mit Hans Leyendecker. Guten Morgen, Herr Leyendecker.
Hans Leyendecker: Guten Morgen! Ich grüße Sie!
Ricke: Gestern haben wir alle das große NDR-Interview mit Edward Snowden gesehen. Ist das eine Sternstunde des Recherchejournalismus?
Leyendecker: Ja, eine gute Stunde. Ich fand das eine hervorragende Arbeit von Hubert Seipel, habe mich gefreut, dass er das geschafft hat. Das ist das erste Fernseh-Interview gewesen. Snowden hat das gesagt, was er sagen kann, er ist in einer besonderen Lage. Und ich fand es ein sehr spannendes Interview.
Ricke: Es ist ja einmal die Recherche, an Snowden heranzukommen. Aber die eigentliche Geschichte ist ja keine Rechercheleistung. Snowden ist ja Whistleblower, hat sich selbst an Journalisten gewandt. Wie sehr ist man denn davon abhängig, auch als Recherchejournalist, dass man was durchgestochen bekommt?
Leyendecker: Das ist man im Einzelfall schon, dass es Whistleblower gibt, dass es Leute gibt, die einem helfen. Das wichtige ist in diesem Beruf, dass man ein Netzwerk hat, und das ist, wenn man sich Seipels Arbeit anschaut, ein Netzwerk gewesen aus Leuten, die ihn dazu gebracht haben, dass sowohl Snowden die Genehmigung bekam zu reden – ich finde, er hat ziemlich offen für seine Verhältnisse geredet –, und zum zweiten, dass man diese Leute hat. Das ist in unterschiedlichen Bereichen so. Wenn Sie über den ADAC arbeiten, müssen Sie irgendwie da auch die Struktur finden, um auch wirklich reinschauen zu können, wie dieses Gebilde, das ja ein unwirkliches Gebilde eigentlich ist, aussieht, und das ist die Arbeit des Recherchejournalisten.
Ricke: Der Rechercheverbund, den es jetzt gibt, der baut ja auf etwas auf. Die Süddeutsche und der Norddeutsche Rundfunk arbeiten schon lange zusammen. Jetzt kommt der Westdeutsche Rundfunk dazu. Alle drei sind ja publizistische Schwergewichte. Warum schaffen es die nicht einzeln und alleine?
"Wichtig ist, dass man mit unterschiedlichen Charakteren zusammenarbeitet"
Leyendecker: Ich glaube, das ist wirklich ein bisschen so: jetzt ist Karneval und da singen die Höhner ein wunderbares Lied – "Wir kommen mit alle Mann vorbei". Das ist schon so. Es ist heute so vielfältig geworden. Sie müssen an Dingen – wir haben ja an komplexen Sachen gesessen, so Offshore-Daten. Da haben Sie Berge von ... Früher – ich bin ja lange dabei -, da hast du, sagen wir, zwei, drei Bände gehabt oder auch mal zehn Akten. Auch durch die neue Technik bekommen Sie heute ganz andere Unterlagen, die muss man sichten, da muss man sehen, wo sind vernünftige Ansätze, um dann wieder mit Leuten zu reden. Es ist vielfältiger geworden, es ist zum Teil schwieriger, zum Teil einfacher geworden, und da ist es gut, dass man auch mit unterschiedlichen Charakteren zusammenarbeitet.
Wichtig ist für alle – und das haben wir gelernt; ich bin von der Zusammenarbeit mit dem NDR begeistert, sowohl Hörfunk, mit NDR Info, als auch mit den Fernsehleuten -, dass man ergebnisoffen an eine Geschichte herangeht. Das Problem des investigativen Journalismus ist oft, dass Sie Leute haben, die haben Verschwörungstheorien, die lernen bei der Recherche eigentlich, dass das, was sie angenommen haben, nicht stimmt, und gehen darüber hinweg, und mit solchen Leuten könnte man nicht zusammenarbeiten. Aber mit den Kollegen vom NDR, die ich kennengelernt habe – und ich denke, beim WDR wird das genauso sein -, klappt das und dann ist man natürlich schon sehr viel weiter, sehr viel gründlicher, sehr viel genauer. Darauf kommt es ja an, dass wir unsere Hörer, Leser, Zuschauer richtig informieren.
Ricke: Wie groß ist denn diese Gruppe in diesen drei Institutionen NDR, WDR, Süddeutsche? Wie viele Kollegen arbeiten da zusammen?
Leyendecker: Das wird sich jetzt zeigen, wie das in den einzelnen Häusern zugeschnitten wird. Das hing ja sehr stark daran, an der Frage, ob Georg Mascolo kommt. Georg Mascolo war Chefredakteur des Spiegel, ist, glaube ich, die Nummer eins unter den recherchierenden Journalisten der Republik. Ich habe beim Spiegel früher, wo ich mal herkam, mit ihm zusammengearbeitet, das war meine schönste Zeit. Es gibt niemanden, der ein solches Netzwerk hat, niemand, der diese Gründlichkeit hat wie er, der immer wieder Nachsätze hat, internationale Verbindungen, und das wird jetzt in den Häusern aufgebaut.
Beim NDR gab es dieses zwischen SZ und NDR, was gut, sehr gut funktioniert hat, muss man sagen, aber auch das kann noch besser werden. Wie groß es am Ende sein wird? Aber es wird sicherlich eine höhere zweistellige Zahl sein, wobei auch jeder seine Unabhängigkeit behält. Die Süddeutsche ist die Süddeutsche, die Süddeutsche ist nicht NDR oder WDR. Aber bei einzelnen Projekten arbeiten wir zusammen. Wir machen eigene Projekte und dann, wenn es sinnvoll ist, dass man die Kapazitäten halt ein bisschen größer hat, dann gehen wir gemeinsam heran.
Ricke: Das habe ich jetzt nicht verstanden, Herr Leyendecker. Das war ja bisher so: Da haben Sie sozusagen auf Augenhöhe gearbeitet. Aber jetzt kommt dieser angesprochene Georg Mascolo, der nicht mehr Spiegel-Chefredakteur ist. Der wird ja jetzt nicht Libero oder Teamspieler, der wird jetzt richtig Chef dieses Recherchebündnisses.
Leyendecker: Ja, ist er auch! Er ist doch Chef des Rechercheverbundes. Was ich offenbar unzulänglich sagen möchte ist: Natürlich behält die SZ eine Eigenständigkeit zu sagen, wir halten das für eine wichtige Geschichte, die machen wir, oder die machen jetzt was beim NDR oder beim WDR, das finden wir nicht so wichtig, das machen wir nicht. Das gilt auch umgekehrt. Der NDR wird nicht immer das machen, was die Süddeutsche macht. Das gab es in der Vergangenheit, das wird in der Zukunft auch so sein. Aber es wird größere Projekte geben, wo man mit allen Mann dran ist. So stelle ich mir das vor. Da wird die Praxis zeigen, ob das dann so ist. Das können auch mal mittlere Projekte sein, es kann auch sein, dass man eine Weile gar nichts zusammen macht und wieder dann ganz viel. Wir bleiben unabhängig, jeder bleibt unabhängig.
Ricke: Der Journalismus, der unabhängige Journalismus ist ja in einem starken Wandel. Die nackte schnelle Information ist nicht mehr das Geschäftsmodell. Das gibt es im Internet. Die Exklusivität einer Information gewinnt an Wert. Ist Recherche also auch ein Überlebensrezept zum Beispiel für die Süddeutsche Zeitung?
Leyendecker: Überleben? Ich glaube nicht, dass wir unter Wasser sind. Aber es ist wichtig zu betonen, dass man etwas Originäres bietet, das man woanders nicht bekommt. Das kann auch die kluge Analyse sein, Recherche ist ja auch nur eine Untergliederung. Also, der besondere Leitartikel, die schöne Einordnung, das Streiflicht - das sind ja alles Dinge, die für die Süddeutsche Zeitung stehen, und da kommt halt dann die exklusive Geschichte dazu und die exklusive Geschichte muss halt etwas bieten, was der Leser woanders so nicht bekommt, nicht so aufbereitet bekommt, nicht so gründlich analysiert bekommt, und hoffentlich hat der Leser auch das Vertrauen, dass das, was er in seiner Zeitung erfährt, auch richtig ist. Und je mehr Sie wissen, je mehr Akten Sie haben, mit mehr Leuten Sie gesprochen haben, umso näher kommen Sie an die Wahrheit, und das wollen wir versuchen.
Ricke: Der Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR – ich sprach mit Hans Leyendecker von der SZ. Vielen Dank, Herr Leyendecker.
Leyendecker: Danke Ihnen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.