Gefährliche Vorurteile

Unterdrückte türkische Frauen, bettelnde Romafamilien: Stereotype über das Leben von Migranten halten sich hartnäckig - auch in den Medien. Wie man solche Klischees verbannt, haben die Teilnehmer einer Konferenz in Berlin diskutiert.
Wie werden ethnische und religiöse Minderheiten in den Medien dargestellt und wie lässt sich gesellschaftliche Vielfalt zeigen, ohne dass dabei immer wieder gängige Vorurteile bedient werden? Wissenschaftler, Journalisten und Multiplikatoren haben sich diesen Fragen gestellt. Werner Schiffauer ist Vorsitzender des Rats für Migration. Er lehrt an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und forscht seit Jahren zum Thema Migration. Für ihn hat die Konferenz einmal mehr bestätigt, dass Fakten gegen starke Bilder kaum eine Chance haben:
"Das war ein Punkt, der sich durch die verschiedenen Beiträge der Tagung durchgezogen hat. Wie weit Bilder unseren Wahrnehmungsrahmen strukturieren und viel nachhaltiger prägen als Sachinformationen. Und da müssen wir überlegen, wie wir das aufgreifen können."
Als Beispiel nennt er die Studie eines deutschen Studienwerks für Muslime. Demnach bekommen muslimische Frauen, darunter viele Kopftuchträgerinnen, etwa 70 Prozent der Promotionsstipendien und mehr als 60 Prozent der Studienstipendien.
"Wenn man das anschaut, konterkariert das das Bild von der Stellung der Frau in der islamischen Familie, das ja nach wie vor davon ausgeht, dass mit dem Kopftuch eine gewisse Unterdrückung der Frau verbunden ist, dass mit dem Kopftuch eine Sozialisation für Haus und Herd verbunden ist."
Ein anderes Vorurteil in Deutschland sei die Vorstellung, dass junge muslimische Frauen in ihren Familien bei der Planung einer beruflichen Karriere keinen Rückhalt hätten. Das Gegenteil sei der Fall, erklärt Werner Schiffauer und er nennt noch ein aktuelles Beispiel für die Macht der Bilder, die Vorurteile unterstützen. Es ist öffentliche Debatte zu Roma und der sogenannten Armutsmigration in der Europäischen Union. Das Bild einer Romafamilie, bettelnd, mit kleinen Kindern an der Hand unter der Überschrift "Armutsmigration" genügt, um gängige Klischees zu befördern. Eine Gegenstrategie könnte das Bild einer integrierten Romafamilie sein. Doch genau hier liegt das Dilemma, erklärt Werner Schiffauer, Vorsitzender des Rats für Migration. Denn wer sich äußerlich als Roma zu erkennen gäbe, dem werde der Zutritt zur Gesellschaft verweigert. Wer also integriert leben wolle, müsse als Roma quasi unsichtbar werden.
"Das bedeutet umgekehrt wieder, dass nur die sichtbar sind, die man auf das Klischee beziehen kann und das erhöht wiederum den Handlungsdruck, sich unsichtbar zu machen. Dieses Dilemma an Einzelfällen biographisch zu schildern und damit Gegenbilder zu schaffen, könnte unter Umständen hilfreicher sein als nachzuweisen, dass es keine Armutseinwanderung gibt."
Falsche Vorstellungen vom Leben muslimischer Frauen
Kübra Gümüsay zeigt mit ihrer Persönlichkeit, dass viele Vorstellungen über muslimische Frauen in Deutschland nichts mit der Realität zu tun haben. Die Journalistin und Bloggerin trägt Kopftuch und hat sich mit einer erfolgreichen Internetkampagne gegen Alltagsrassismus einen Namen gemacht. Auf #SchauHin sprechen, tweeten und kommentieren diejenigen, die täglich Rassismus erleben. Schon an den ersten Tagen melden sich Hunderte.
"Alle werden beim Amt gesiezt, ich werde geduzt. Oder meine Lehrerin lachte mich am lautesten aus, als ich sagte, ich würde gerne irgendwann Ärztin werden. Sehr viele Tweets stammten aus dem Bereich Schule, sehr viele Tweets stammten aus dem Bereich Universität und interessanterweise auch Tweets von Menschen die gesagt haben: Durch das Lesen dieser tausenden Erfahrungen habe ich gemerkt, dass ich mich rassistisch verhalte oder verhalten habe und haben dann ihre eigenen rassistischen Handlungen in der Vergangenheit geteilt."
Viele, die Rassismus erleben, würden es nicht so benennen, meint Kübra Gümüsay:
"Hier in Deutschland ist Rassismus, wenn ein Neonazi dich als Scheißausländer bezeichnet und dich verprügelt, aber es ist nicht rassistisch, wenn die Lehrerin dir, weil du ein Mädchen mit einem türkischen Migrationshintergrund bist, nicht zutraut, dass du es aufs Gymnasium schaffen könntest, aufgrund deiner kulturellen Umstände."
Für die Konferenzteilnehmer endet die Tagung mit mindestens zwei guten Vorsätzen: dem Bemühen um eine differenzierte Darstellung und dem Bewusstsein der eigenen Verantwortung.
