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Interview | Beitrag vom 08.12.2018

Mediatorin zum CDU-ParteitagKein Fortschritt ohne Konflikt

Alexandra Bielecke im Gespräch mit Ute Welty

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Annegret Kramp-Karrenbauer steht in einem schwarz-weiß-karrierten Sakko auf der Bühne, die Aufschrift "CDU" ist mehrfach hinter ihr zu sehen. Sie hält ihre Hände an ihre Wangen. (dpa picture alliance/ Christian Charisius)
Ergriffen steht Annegret Kramp-Karrenbauer nach ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden auf der Bühne. (dpa picture alliance/ Christian Charisius)

Die CDU hat ihre neue Vorsitzende gewählt – mit einem knappen Ergebnis. "Jetzt geht es darum, wieder etwas Gemeinsames zu entwickeln", sagt Mediatorin Alexandra Bielecke. Und analysiert die verschiedenen Interessensebenen, die zu berücksichtigen sind.

Ute Welty: 517 gegen 482 – sehr viel knapper hat das Wahlergebnis für die neue Parteichefin der CDU nicht ausfallen können, und die Erleichterung war Annegret Kramp-Karrenbauer anzumerken und anzuhören.

Annegret Kramp-Karrenbauer: Ich nehme die Wahl an und bedanke mich für das Vertrauen. Und ich bedanke mich an dieser Stelle ganz, ganz herzlich, insbesondere bei Jens Spahn, insbesondere bei Friedrich Merz für diesen fairen Wettbewerb, den wir uns geliefert haben.

Welty: Die neue CDU-Parteivorsitzende, und wenn der Parteitag die Parteibasis auch nur annähernd widerspiegelt, dann haben wir es hier trotz aller Aufrufe zum Zusammenhalt mit einer gespaltenen Partei zu tun. Alexandra Bielecke ist Trainerin, Beraterin und Mediatorin, sie arbeitet für Wirtschaftsunternehmen, für Hochschulen und auch für Parteien. Guten Morgen, Frau Bielecke!

Alexandra Bielecke: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Diese äußerst knappe Mehrheit für Kramp-Karrenbauer, das ist ja eine ungewohnte Situation für die CDU – reichen da die viel gehörten Aufrufe zum Zusammenhalt, zur Geschlossenheit?

Bielecke: Na ja, es ist ja ein bisschen mehr als ein Aufruf. Die Partei hat jetzt eine sehr spannende Zeit, so würde ich das bewerten. Es gucken natürlich alle mit Sorgen drauf – wenn solche Aufrufe kommen, hat man eher eine Sorge, ob das gut funktionieren kann. Ich würde den Blick gerne weiten wollen auf eine sehr spannende Situation. Seit 1971 gab es das nicht mehr, dass sich Kandidaten aufgestellt haben, gleich drei aufgestellt haben, und es ist ja nur natürlich, dass diese Personen an der Stelle ein Programm liefern, etwas schärfen, ein Profil entwickeln, um Wähler hinter sich zu vereinen und auch hinter die eigenen Positionen zu vereinen und das auch sichtbar zu sein. Dementsprechend ist eine Spaltung total normal, wie anders soll es funktionieren. Da ist eine Polarisierung entstanden, und jetzt geht es darum, etwas Gemeinsames wieder zu entwickeln, aus diesen drei verschiedenen Strategien, verschiedenen Ansätzen wieder etwas Gemeinsames zu entwickeln und dementsprechend natürlich auch die Bitte um Vertrauen und auch die Bitte um Mitarbeit, so würde ich es definieren.

Welche Motive vereinten die jeweiligen Unterstützer

Welty: Aber wenn jetzt am Montag Annegret Kramp-Karrenbauer bei Ihnen anruft und sagt, ich brauche Ihre Hilfe, wie gehen Sie denn da vor?

Bielecke: Wir wissen aus der Forschung, dass solche Situationen normal sind, dass die in Gruppen auch immer wieder auftreten können, und der Weg zurück sozusagen funktioniert über gemeinsame Ziele und gemeinsame Projekte, die man konkret angehen kann. Letztlich würde ich sagen, es gibt eine große Wertebasis, die die Parteimitglieder teilen, und auf die können sie sich immer verlassen. Nur über die Strategien und wie sie die Ziele erreichen möchten, da sind sie sehr unterschiedlich, und da ist sehr viel Verhandlungsspielraum. Insofern würde man erst mal gucken, welche Motive haben denn jeweils die Unterstützer für Spahn, für Merz und für Kramp-Karrenbauer vereint, was war dahinter, was haben die sich vorgestellt, was haben die sich gewünscht, und viel lässt sich daraus auch etwas Gemeinsames stricken. Da müsste man schauen, wer sitzt dann am Tisch, am Verhandlungstisch. Sinnvoll sind die, die unheimlich verschieden waren, damit man genau darüber sprechen kann, was sind die verschiedenen Perspektiven und was lässt sich dann vielleicht auch in etwas Gemeinsames wieder umwandeln.

Welty: Worin besteht Ihrer Erfahrung nach die besondere Herausforderung, wenn es um die Mediation in einer Partei geht und nicht in einem Unternehmen?

Bielecke: Genau, also die Herausforderung besteht, dass es ganz verschiedene Ebenen gibt, auf denen man sich unterhalten kann, und alle davon sind legitim. Also es gibt die inhaltlichen Themen. Wenn man schaut, was kann man wie erreichen, welche Herausforderungen gibt es in den nächsten 20, 25, 100 Jahren, die vor uns liegen, dann kann man das auf einer inhaltlichen Ebene sehr gut besprechen und haben die jeweiligen Vertreter, die dann am Tisch sitzen, auch einen Auftrag. Sie sind gewählt worden, und sie sollen da sinnvolle Strategien entwickeln, sie sollen Interessen vertreten. Das ist eine wichtige Aufgabe, die sie auch wahrnehmen können und wollen. Gleichzeitig gibt es immer auch parteitaktische Ziele, das heißt, in der Art und Weise, wie sich die CDU aufstellt, muss sie sich unterscheiden von der SPD. Das ist zwangsläufig so in einer Mehrparteiendemokratie, dass man versucht, irgendwie auch unterschiedlich zu sein, sich von anderen abzuheben. Und auch da könnte man darüber sprechen, welche dieser Ziele und welche Taktiken sozusagen, welche Unterscheidbarkeit wollen wir in den nächsten Jahren verfolgen.

Und es gibt die dritte Ebene, da sind die Personen sichtbar und gefragt. Ein Jens Spahn muss sich profilieren, ein Herr Merz muss sich profilieren, und eine Frau Kramp-Karrenbauer muss das auch im Wahlkampf, und genau so ist es auch jetzt in der weiteren Arbeit. Es braucht Personen, die in wichtige parteipolitische Posten kommen, um dort Einfluss nehmen zu können, und da gibt es immer auch persönliche Interessen, und die werden meistens nicht unbedingt so offen diskutiert. Auf diesen Ebenen kann man sich herrlich streiten, wenn es unterschiedliche Ziele gibt, die gerade im Vordergrund stehen und die vielleicht gar nicht so wirklich offen liegen und diskutiert werden.

"Ein Konflikt ist ein Katalysator"

Welty: Inwieweit können auch Dissens und Pluralität zum Erfolg einer Partei beitragen? Das sind ja auch Werte innerhalb einer Demokratie.

Bielecke: Absolut. Also ich bin der festen Überzeugung, ein Konflikt war und ist schon immer ein Katalysator für Entwicklung. Den braucht es, ohne den gäbe es einfach keinen Fortschritt. Und dementsprechend ist ein Dissens absolut notwendig und ist einer hoher Wert, der sowohl in Unternehmen und Organisationen als auch in einer Partei absolut notwendig ist. Und jetzt ist natürlich der Blick darauf mit etwas Sorge, sie sind auch so eingestiegen, es gibt eine Spaltung, und darf das sein – ja, meiner Überzeugung nach braucht es das, es muss es auch geben, alleine um sich auch zu hinterfragen und neue Strategien überhaupt überlegen zu können. Darin besteht zum Beispiel jetzt ja auch eine Chance, etwas noch mal anders zu machen nach 18 Jahren Führungswechsel. Das würde in Organisationen und Konzernen genauso zu Irritationen führen. Das muss besprochen sein, darüber muss man reden dürfen.

Und gleichzeitig ist immer der Wunsch, wenn man jetzt wieder – und da ist eine Partei besonders – nach außen Orientierung bieten möchte und Wählern auch eine Plattform bieten möchte, um sich zugehörig zu fühlen, um ein Commitment für die Wähler auch zu ermöglichen. Deswegen ist der Wert der Geschlossenheit genauso wichtig. Letztlich wird damit auch interpretiert, dass es Vertrauen gibt, wenn eine Partei geschlossen hinter einem Programm steht. Jetzt könnte ich – jetzt wage ich mal eine steile These – natürlich auch sagen, es ist genauso vertrauensbildend, wenn man sieht, dass Themen divers behandelt werden, dass Themen diskutiert werden, in einen tiefen Dialog führen, in einen durchaus auch mal kontroversen Dialog führen können und daraus etwas anderes entstehen kann – das kann genauso vertrauensbildend sein, ein Spannungsfeld.

Welty: Die Mediatorin Alexandra Bielecke zur Zukunft der CDU. Ich danke Ihnen!

Bielecke: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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