Maxim Biller: "Schwarze Samstage" - Antisemitismus, der nie aufhört

Buchumschlag des Romans "Schwarze Samstage" von Maxim Biller
© Kiepenheuer & Witsch

Maxim Biller

Schwarze Samstage. Roman eines JahresKiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2026

304 Seiten

24,00 Euro

Von Carsten Hueck |
Antisemitismus zeigt sich in Deutschland wieder unverhohlen. Maxim Biller schreibt in seinem neuen Roman über Familienbeziehungen, jüdisches Leben in Deutschland – und welche Rolle der Terrorüberfall der Hamas auf Israel dabei spielt.
Während in Deutschland darüber räsoniert wird, was Antisemitismus sei, während immer wieder Definitionen ins Feld geführt werden, die inhumanes Verhalten gegenüber Juden erklären sollen oder es zumindest relativieren, während Israels Politik als Rechtfertigung herangezogen wird, den ewigen, verschwitzten, jahrtausendealten Judenhass im neuen, antikolonialistisch eingefärbten Mäntelchen zu präsentieren, hat der Schriftsteller Maxim Biller einfach einen Roman geschrieben.
Darin steht alles, was man wissen muss. Klar und verständlich, der grassierenden Verwirrung von Geistern und Gemütern die kühle Stirn bietend. Biller ist ein deutscher Schriftsteller, der aufgrund seiner Familiengeschichte die Möglichkeit hat, anders als viele seiner Kollegen und Kolleginnen auf unsere Gegenwart zu schauen. Er beschreibt aus Sicht seines Ich-Erzählers Ari - und wohl auch aus der eigenen - wie es sich anfühlt, als Jude weiterzuleben.
Nach dem 7. Oktober 2023, dem Massenmord an feiernden, schlafenden, verängstigten und wehrlosen Zivilisten in Israel durch fanatische Hamas-Terroristen.

Wer, so wie ich, nicht an Gott glaubt, wundert sich, was für überraschende Ideen, er manchmal hat. Die Öfen von Majdanek. Nagasaki. Der frierende Napoleon in Russland. Und wie sonst soll ich mir das Unvorstellbare erklären, das an einem ruhigen Spätsommertag im Süden Israels passiert ist? Konnten sich wirklich Menschen allein ein Blutbad von dieser biblischen Wucht ausdenken, in Szene gesetzt an Orten wie Kfar Aza, Nahal Oz und Ofakim?

Maxim Biller: "Schwarze Samstage"

Massaker als Zäsuren der Menschheitsgeschichte

Wenn man etwas nicht fassen kann, bleibt nur noch Gott, auch wenn man an den gar nicht glaubt. Im Schatten solchen Entsetzens stellt der Ich-Erzähler Verbindungen her zwischen verschiedenen Zäsuren der Menschheits-und Zivilisationsgeschichte. Das Massaker der Hamas steht für ihn auf derselben Ebene wie der von den Nationalsozialisten bewerkstelligte millionenfache Völkermord. Es geht nicht darum, Millionen gegen 1.200 aufzurechnen. Es geht um Ethik. Das gleiche inhumane Muster, die proklamierte Selbstverständlichkeit des Tötens ist das Entscheidende. Doch während die Täter von Auschwitz ihre Spuren zu verwischen suchten, stellten die Mörder der Hamas ihre Taten stolz zur Schau. Mit fragwürdigen Folgen.
„Warum wurden gleich danach zwischen Norden und Süden, Osten und Westen jüdische Häuser mit blauen Davidssternen und roten Hamasdreiecken gekennzeichnet und so schon mal symbolisch ins Visier ihrer Todfeinde genommen? Wieso rissen Studenten mit Yeezy-Sneakers und Fjällräven-Rucksäcken in New York und Brüssel die Bilder der nach Gaza entführten Israelis mit stummer Wut ab, als wären sie die Verbrecher? Wo blieb das universelle Mitgefühl der Welt?“
Weil es ausblieb, hat Biller dieses Buch geschrieben. Und von dort bekommt es seine existenzielle Wucht. Es ist eine sehr dezidierte Auseinandersetzung mit Unverständnis und Lügen, mit einer sehr alten Geschichte, die ewig neu bleibt. Und natürlich ist es auch gedacht als Angebot an nichtjüdische Leser und Leserinnen. Im besten Fall verstehen sie durch dieses Buch besser, wie sich das Verhalten großer Teile der Gesellschaft aus jüdischer Perspektive anfühlt.

"Gieriger, hinterhältiger Jude"

Die Realität aber ist eine andere. So kann auch Protagonist Ari nur von einem Zeitungsredakteur berichten, der ihm anbietet, über die Situation nach dem 7. Oktober zu schreiben. Aber warum er? Warum nicht der Redakteur selbst? Im Berliner Café, in dem Ari immer sein Getränk bestellt, will ihn der dort arbeitende Syrer nicht mehr bedienen. Niemand steht daraufhin auf und geht. Ari scannt rückblickend sein Leben in Deutschland, ein Stück bundesrepublikanische Zeitgeschichte.
Es fallen ihm neben Verbindendem auch die Teenagerfreunde ein, die fremd wurden, die Freundin, die Leine zog, der Hamburger Nachbar, der Aris Vater erst einen „charmanten Gauner“ nannte und dann doch ohne alle Zuneigung nachlegte: „Was für ein gieriger, hinterhältiger Jude.“

Der 7. Oktober als neues Pogrom 

Maxim Biller arbeitet in seinem Roman überzeugend heraus, dass der schwarze Samstag, der 7. Oktober 2023, die Fortsetzung von Pogromen gegen Juden ist, die bereits vor Christi Geburt begannen. Und die nicht durch einen Hinweis auf irgendeinen Kontext wie „Freiheitskampf“ oder „Antikolonialismus“ zu relativieren sind. Er zeigt, dass der Antisemitismus immer schon da war, überall und zu jeder Zeit, selbst unter Juden. Er legt den Finger in jede erdenkliche Wunde, schreibt über das Massaker der Briten an Juden im vorstaatlichen Israel, das als erstes den Namen „Schwarzer Samstag“ erhielt, oder über das Pogrom im Jahr 38 n. Chr, als Mobs aus Griechen und Ägyptern die jüdischen Einwohner von Alexandria misshandelten und massakrierten. Er schreibt aber ebenso über ein Massaker, das zionistische Spezialeinheiten im Jahr 1948 im arabischen Dorf Deir Yassin verübten.
Und so verschränken sich die autobiografische und essayistisch-historische Erzählebene des Romans fast zwangsläufig. Zum einen erzählt Ari seine Herkunfts- und Lebensgeschichte zwischen Hamburg, München und Tel Aviv. Sie ist der des Autors Biller ähnlich. Zum anderen taucht dieser tief in die jüdische Geschichte und damit unlösbar verbunden in die des Antisemitismus ab.

Für mich keine Naturgewalt, keine Flut, keine Hitzewelle, die kam und ging und wieder kam und wieder wegging. Er saß in den Körpern der Nichtjuden wie ihre Zungen und ihre Augen. Er war pathologisch und universell und sogar noch älter als die beiden nichtjüdischen Weltreligionen, die es ohne das Judentum nie gegeben hätte.

Maxim Biller: "Schwarze Samstage"

Juden als Sündenböcke - damals wie heute

Biller deutet Judenhass theologisch wie psychologisch. Der Jude muss verschwinden, erklärt er, damit alle anderen ihre Ruhe haben. Denn der Jude stört als derjenige, der den Monotheismus populär gemacht und die barbarischen Götter abgeschafft hat. Der Jude ist zu friedlich und moralisch für diese Welt. Und wenn er sich dann wehrt nach Tausenden von Jahren, wird er als Weltübeltäter verleumdet. Der Antisemitismus bei Biller ist etwas Zwangsläufiges. Sein Protagonist, mit all seinem Scharfsinn, seiner Frechheit und Lebenserfahrung, erscheint vor diesem Hintergrund gefährdet wie ein Lamm vor dem nächsten großen Schlachtfest.
Solange die abgründigen Sündenbockrituale reproduziert werden in einer Gesellschaft, die sich dabei auch noch moralisch vorkommt, solange sich selbst in Deutschland die Solidarität mit Juden in Sonntagsreden erschöpft – und vielleicht positiven Rezensionen von Büchern wie dem vorliegenden –, solange muss Maxim Biller weiterschreiben. Leider – und unbedingt!
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