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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.02.2018

Maurizio Bettini: "Wurzeln"Von der Liebe zur Differenz und der Suche nach Identität

Von Katharina Döbler

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Buchcover Maurizio Bettini: Wurzeln. Die trügerischen Mythen der Identität (Verlag Antje Kunstmann / imago / Rüdiger Wölk)
Buchcover Maurizio Bettini: Wurzeln. Die trügerischen Mythen der Identität (Verlag Antje Kunstmann / imago / Rüdiger Wölk)

Tradition, Kultur, Wurzeln, Identität: Diese Schlagwörter werden in Debatten über die Zukunft Deutschlands und Europas gerne ins Feld geführt - und scheinen zwingend miteinander verknüpft. Der Kulturwissenschaftler Maurizio Bettini bestreitet diese Logik in seinem Essay "Gegen die Wurzeln".

Die "tief verwurzelte christliche Tradition Europas" oder, etwas weiter gefasst, die "abendländische Kultur mit ihren humanistisch-christlich-jüdischen Wurzeln" oder andere, ähnlich verfasste summarische Behauptungen einer europäischen oder auch nationalen Identität sind in den aktuellen Debatten um Einwanderung allgegenwärtig.

Die zentralen Begriffe dieser Debatten – Tradition, Kultur, Wurzeln und Identität – scheinen zwingend, untrennbar und logisch miteinander verknüpft. Dass das keineswegs so ist, zeigte der italienische Kulturwissenschaftler und Altphilologe Maurizio Bettini in seinem Essay "Gegen die Wurzeln" (Contro le radici), der in Italien schon 2012 erschienen ist und den ersten Teil des vorliegenden Bandes bildet.

"Wurzeln" sind im kulturhistorischen Kontext nicht mehr als eine Metapher. Metaphorisch "wächst" aus den Wurzeln die Kultur; ist Identität an einem bestimmten Ort "verwurzelt", ist Tradition das Wurzelgeflecht, das Halt gibt, und so weiter. Bettini nimmt die organische Metapher kulturwissenschaftlich und semantisch unter die Lupe: Sie verweist auf eine bäuerliche Welt und eine vertikale Struktur, unbeweglich und unverrückbar, die sich nur in eine Richtung entwickeln kann.

Kultur entsteht aus fortwährender Veränderung

Das, meint der Autor, widerspreche dem eigentlichen Wesen von Kultur. Denn Kulturen entstehen in fortwährender Veränderung und, wie am Beispiel des Abendlands deutlich zu sehen ist, durch das Aufnehmen von verschiedenen Einflüssen. Dieses Wort legt semantisch eine andere Metaphorik nahe: Fluss, Quelle, Strom. Eine horizontale Metapher der ständigen Bewegung. 

Auch den Alles-und-Nichts-Begriff Identität untersucht Bettini weit hinter gegenwärtige politische Rhetorik zurückgehend mit Hilfe antiker Texte und anthropologischer Forschung. Identität, so zeigt er, ist etwas, das hergestellt wird, und zwar oft erst im Nachhinein. Dazu verweist er auf große Beispiele wie etwa die von verschiedenen Religionen sehr unterschiedlich begründete Auffassung von Jerusalem als identitätsstiftender "heiliger Stadt". Oder er analysiert einen Aspekt des römischen Gründungsmythos, der besagt, dass die Göttin Juno dem Fortbestand der Stadt nur unter der Bedingung zustimmte, dass die Troer um Äneas von den ansässigen Latinern Sprache, Kleidung und Religion übernahmen: die lateinische Identität Roms als theologisch begründetes Konstrukt.

Auf der Suche nach Identität

Ähnliches sieht Bettini auch für die Tradition, die es eigentlich nur im Plural gebe: Traditionen sind nicht "einfach da", sondern eine Auswahl, die jede Generation trifft, die gelehrt und weitergegeben wird. Was nicht überliefert wird, verschwindet. Zu einer Tradition, die im Abendland nicht oder nur insgeheim weitergegeben wurde, gehörte etwa eine schwule katholische Kommunität des 16. Jahrhunderts in Rom, die einer anderen Tradition zum Opfer fiel, nämlich der Gepflogenheit, religiöse Abweichler zu verbrennen. Letztere hielt sich lange, wurde dann aber aus gutem Grund doch aufgegeben. 

Solch farbiges Anschauungsmaterial liefert Bettini im zweiten Teil seines Buches: Da schreibt er über die Ursprünge der in Italien so wichtigen Kochkunst, über die angeblich griechischen "Wurzeln" der Demokratie, über die identitären Ansätze staatlicher Verfassungen von Deutschland bis Ungarn.

"Wer sich für Kulturen interessiert, liebt die Differenz, wer Wurzeln propagiert, sucht die Identität." Untermauert mit profunden kulturhistorischen Kenntnissen, ist das der Kernsatz dieses unpathetisch geistreichen Buches.

Maurizio Bettini: Wurzeln. Die trügerischen Mythen der Identität
Aus dem Italienischen von Rita Seuß
Verlag Antje Kunstmann, München 2018
160 Seiten, 16 Euro

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