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Die Reportage | Beitrag vom 03.10.2019

"Mauerfall" in Hessen und ThüringenAls aus Nachbarn wieder Nachbarn wurden

Von Steffen Grütjen und Simon Müller

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Zahlreiche Trabbis passieren einen geöffneten Grenzübergang. (M. Heide)
Nach langen Jahren wieder vereint: Reger Andrang an der Grenzkontrollstelle Herleshausen im November 1989. (M. Heide)

Lauchröden, Herleshausen - lange herrschte zwischen den Dörfern an der hessisch-thüringischen Grenze ein enges Verhältnis. Dann kam der Eiserne Vorhang. Und schließlich die Wende - Erinnerungen an eine freudige Wiedervereinigung im Kleinen.

Helga Gogler sitzt in einem Cafe im hessischen Herleshausen, als sie vom 9. November vor dreißig Jahren erzählt:

"Warum seid ihr so freundlich zu uns? Das war für die ganz schwer nachvollziehbar, dass wir das wirklich aus reiner Nächstenliebe gemacht haben."

Eine Frau blickt nachdenklich. (Steffen Grütjen & Simon Müller)Das Erlebte ist noch immer präsent: Helga Gogler aus Herleshausen (Steffen Grütjen & Simon Müller)Am Grenzöffnungswochenende hat Helga Gogler geholfen. Unermüdlich. Erstversorgung. Sie war eine der ersten in Herleshausen, die die Menschen aus der DDR begrüßt hat. Und es waren viele. Tausende, die ins kleine Dorf an der Grenze gekommen sind.

Helmut Schmidt besuchen wir zuhause. Er ist 1989 büroleitender Beamter und koordiniert das "Chaos" an jenem Wochenende in Herleshausen.

"Wir haben abends den Fernseher angeschaltet und gehört wie Schabowski da seinen Satz sagte, und da habe ich sofort meinen Bürgermeister angerufen und gesagt: ´Haste das jetzt gehört? Weißt du was uns morgen passiert, was morgen auf uns zukommt?`"

Das Erlebte ist total präsent 

Wenn Helga Gogler und Helmut Schmidt vom 9. November 1989 erzählen, müssen sie nicht lange nachdenken. Das Erlebte, es ist noch da, total präsent. Und es ist ihnen offenbar wichtig.

Ein Mann sitzt an einem Tisch und erzählt. (Steffen Grütjen & Simon Müller)Erst sah er die Wende im Fernsehen, dann direkt vor der Haustüre: Helmut Schmidt aus Herleshausen. (Steffen Grütjen & Simon Müller)

Helmut Schmidt jedenfalls nimmt sich richtig Zeit für uns. Zeigt uns gern den Weg zur Brücke, die nur drei Minuten von seinem Haus entfernt liegt. Die Brücke, die Herleshausen mit dem benachbarte Lauchröden – im Osten, in Thüringen, verbindet.

Wir fahren los. Vorbei an der Hauptstraße, aus dem Ort heraus durch eine kleine Allee. Zur Werra. Den Fluss, der Ost und West so lange geteilt hat. Und heute verbindet.

Wenig später stehen wir mitten auf der Brücke. Links Herleshausen. Rechts Lauchröden. Ein paar Vögel zwitschern, die Werra rauscht ordentlich. Rechts ein paar Reihenhäuser mit verlassenen Gärten, die Fassaden bröckeln. Lauchröden scheint auf den ersten Blick ein langweiliger, unbedeutender Ort zu sein. Doch wurde auch hier deutsche Geschichte geschrieben.

Eine Brücke zu Weihnachten

Am 23. Dezember 1989 – nur sechs Wochen nach dem Mauerfall, war die Brücke zwischen Herleshausen und Lauchröden gebaut. Ost und West kannten sich aber schon lange vorher. Denn vor der Teilung waren beide Dörfer eng verbunden, verschwippt und verschwägert. Da gab es die Tante aus Lauchröden, den Cousin von drüben oder die Liebe aus dem Westen.

Doch dann kam die Mauer. 1961.

Sie trennt Ost von West-Deutschland. Trennt Familien, trennt Nachbarn. Trennt Lauchröden von Herleshausen. Lauchröden liegt plötzlich im Sperrgebiet – eingekesselt in einem ganz anderen System. Die Freunde und Familien aus Herleshausen, sie sind auf einmal weit weg. Unerreichbar. Bis zum 9. November 1989.

Die DDR aus dem Geschichtsbuch

Wir beide - Simon Müller und Steffen Grütjen - waren damals noch gar nicht auf der Welt. Wir sind Journalistik-Studenten aus Eichstätt in Oberbayern. Beide Anfang 20. Unsere Professorin Friederike Herrmann war damals Reporterin, berichtete von den Ereignissen in Herleshausen. Ihrem Geburtsort.

Luftaufnahme eines sich durch eine Wiesenlandschaft schlängelnden Flusses (imago/Westend61)Die Werraschleife zwischen Lauchröden und Herleshausen. (imago/Westend61)

Sie hatte die Idee, dass wir 30 Jahre später hierherfahren. Eindrücke sammeln. Vor allem aber schauen, was von jenem Wochenende – dem 9. November 1989 – übriggeblieben ist. Und mit denen sprechen, die damals dabei waren. Denn das alles, mit BRD und DDR, das kennen wir nur aus dem Geschichtsunterricht.

Mit einem Mal waren Wiesen unzugänglich

Friederike Herrmann selbst hatte damals, 1989, für den Norddeutschen Rundfunk berichtet. Eine Radioreportage, in der sie nicht nur von der Grenzöffnung erzählt. Sondern auch Persönliches mit einfließen lässt. Wie sie die Zeit und die Grenze erlebt hat. Als Kind und Teenager:

"Als Kinder hatten wir hier oft gestanden. Ziemlich ratlos. Keiner konnte uns plausibel erklären, warum wir die Wiesen, Wälder und Dörfer, die wir tagtäglich vor Augen hatten, nicht betreten durften; warum wir den Menschen auf der anderen Seite des Zaunes nicht zuwinken sollten."

Hier geht es zum Dossier 30 Jahre Mauerfall. Das Bild zeigt bunte Mauerstücke, verziert mit Spempeln, die das Brandenburger Tor zeigen.

Damals war das noch so. Friederike Herrmann hat das geprägt. Deshalb ist es ihr ein Anliegen, dass auch junge Menschen das Thema verstehen. Verstehen, was Grenzen mit Menschen machen. Besonders in Lauchröden und Herleshausen. Vor dreißig Jahren, als sie angefangen hat zu berichten, stand die Mauer noch.

"Im Sommer '89 war es mir noch verschlossen wie eh und je. Zwar konnte ich vom Werraufer aus in Gärten und Häuser der Lauchröder schauen, konnte die Hühner beim Picken beobachten, doch rüber durfte ich nicht."

Alte Wunden klaffen beim Erzählen auf 

Hannelore Semisch durfte auch nicht rüber. Sie war auf der anderen Seite der Werra. In Lauchröden. Wir wollen verstehen wie das Leben im Grenzgebiet so war – gefangen im System, in der DDR. Wir besuchen Hannelore Semisch. Sie lädt uns ein in ihren Wintergarten. Erzählt uns ihre Geschichte.

"Erst waren wir amerikanische Zone, nachher waren wir russische Zone und dann waren wir geteilt. Mit dem Nachbardorf. Wir durften nicht mehr zusammen sein. Und dann war es aus."

Ein tiefer Bruch. Hannelore Semisch nimmt das alles mit. Noch heute. Ihre Stimme zittert, sie muss tief Luft holen. Alte Wunden, sie klaffen auf. Ihr Alltag damals: vorbestimmt, reguliert, kontrolliert. Die vielen Kontrollen bestimmen ihr Leben, schüchtern sie ein.

"Wir haben nur Westen geguckt"

"Wir mussten immer den Ausweis dabei haben, immer. Wir wussten genau, wo wir hinkonnten, hindurften und wo nicht. Und wenn du den Ausweis dabeihattest und warst von hier, und hast auch keine Absicht gehabt irgendwie abzuhauen, dann hattest du schon mal ein reines Gewissen. Hauptsache du hattest den Ausweis dabei."

Eine ältere Frau hält ihren DDR-Reisepass in die Kamera. (Steffen Grütjen & Simon Müller)"Wir schauten nur West-Fernsehen": Hannelore Semisch aus Lauchröden. (Steffen Grütjen & Simon Müller)

Zuhause im Wohnzimmer, bei Mann und Tochter, da war Hannelore Semisch frei. Es war ihr Rückzugsort. Hier konnte sie so sein wie sie wollte, sagen was sie wollte. Und sie war informiert, wusste was drüben passiert.

"Wir haben das verfolgt richtig im Fernsehen. Wir haben nur Westen geguckt. Wenn die jetzt manchmal so kulturelle Sachen von der DDR bringen, dann denke ich auch, das kennen wir gar nicht. Das haben wir uns gar nicht angeguckt. Wir haben nur Westen."

Heimlich versteht sich. Hannelore Semisch war mutig. War liberal. Kein Freund des sozialistischen Systems. Aber auch keine Rebellin. Die Angst war immer da, hat ihr Leben bestimmt. Ans Abhauen hat sie nie gedacht.

"Das war ja unser Leben. Wir mussten ja weiterleben in unserem Sperrgebiet. Aber wir hatten uns so dran gewöhnt, wir hätten auch nie was anderes unternommen. Wir waren eben so!"

Mit einem Mal frei

Doch dann kam der 9. November 1989. Plötzlich waren die Grenzen auf. Nach dreißig Jahren Gefangenschaft im Sperrgebiet – plötzlich frei. Eigentlich unvorstellbar. Hannelore Semisch ist heute noch überwältigt, kämpft mit den Tränen.

"Ich weiß es nicht, es war anders, es war wunderschön. Endlich waren wir befreit, endlich."

Freiheit. Ein Leben, wie sie es Jahrzehnte lang davor führen musste, das will sie nie wieder, das wünscht sie keinem, sagt sie. Am Wochenende der Grenzöffnung wagte auch sie die Reise in den Westen.

Luftaufnahme in Schwarzweiß eines Grenzübergangs in weiter Landschaft. (imago/bonn-sequenz)Der Grenzübergang bei Herleshausen im Jahr 1989. (imago/bonn-sequenz)

"Am Sonnabend sind wir nach Herleshausen hier über die Autobahn. Fragen Sie nicht, was da für ein Betrieb war. Die waren ja alle von Dresden und so. Die waren ja alle da, das war der erste Grenzübergang hier, ach das war ein Menschenandrang. Und da habe ich auch mit so einem Herleshäuser zusammengestanden und dann sag ich: 'Och, ich hab mir das Wiedersehen eigentlich anders vorgestellt.'"

Für Hannelore Semisch war es nicht persönlich genug. Zu viele Leute. Vielleicht auch, weil es so schlagartig kam. Denn es waren Tausende. Und sie waren in Herleshausen – an diesem Wochenende. Wollten in den Westen.

Warme Brötchen gegen kalte Hände 

Mittendrin: Helga Gogler fürs Rote Kreuz. Erstversorgung. Immer griffbereit – ihre dicke rote Jacke, mit dem markanten Logo an der Schulter. Schnelle Hilfe für die vielen Menschen. Helga Gogler wurde gebraucht.

"Es war zum einen – Entschuldigung den Ausdruck – arschkalt, das war es wirklich. Wir haben also Samstagmorgen aus der Backstube, die war damals noch bei der Gemeindeverwaltung gegenüber, die Brötchen aus dem Ofen geholt und haben sie den Kindern in die Hand gedrückt, damit die sich einigermaßen die Hände wärmen konnten an den noch backofenwarmen Brötchen. Haben literweiße Brühe gekocht und einfach so ausgegeben und auch damit konnte man sich die Hände wärmen."

Es waren diese simplen Gesten, mit denen Helga Gogler und ihre Helfer aufgefallen sind. Immer mehr Menschen wollten und brauchten etwas Warmes, etwas zu essen, erste Hilfe. Denn viele mussten warten. Und waren auf die ehrenamtlichen Helfer angewiesen.

Helga Gogler hat gerne geholfen. "Das war Freude pur. Wenn ich zwei Nächte, drei Nächte kein Bett brauche, dann kann man sich vorstellen wie ich voller Adrenalin war."

Nachdenken über ein gemeinsames Deutschland

Sie hat nicht nur geholfen, sie hat sich um die Menschen gekümmert. Mit ihnen gesprochen. Dachte über Einheit nach, über ein gemeinsames Deutschland. Zu dem Herleshausen und Lauchröden gehören. Das ging ihr nahe.

"Erstmal mussten wir uns ja sowohl hüben wie drüben mit der Situation auseinandersetzen. Innerlich wie äußerlich. Also emotional war es einfach phänomenal. Ich finde da kein anderes Wort für. Und mir geht es heute noch so, wenn ich davon erzähle, kriege ich noch eine Gänsehaut."

Emotionale Begegnungen

Helga Gogler lief an diesem Wochenende viel durch Herleshausen. Sie sieht Menschen, die lachen, weinen, auch vor Glück, die miteinander sprechen. Irgendwie nicht real. Aber wunderschön. Eine Begegnung bleibt ihr bis heute besonders in Erinnerung – mit einem Mann vor dem Gemeindezentrum.

"Bleiben Sie bitte mal stehen, dann bin ich stehen geblieben, ist er mir um den Hals gefallen und fing an zu heulen, aber wirklich richtig extrem. Ich denke, um Himmels Willen, was ist denn mit diesem Typ los. Und nach einer Weile schüttelt er sich, guckt mich an und sagt unter Tränen zu mir: 'Danke, das war nötig!'"

Ausnahmezustand für drei Wochen 

Helmut Schmidt hat versucht, bei dem Ansturm den Überblick zu behalten. Im Büro saß er an diesen Tagen nicht. Er war im Ort unterwegs, bei den Helfern. Sein kleines Herleshausen, erste Anlaufstelle für die DDR-Bürger. Die wiederum haben ein Begrüßungsgeld bekommen – 100 Mark pro Person. Ausgezahlt in Herleshausen. Ein Ausnahmezustand, der noch lange andauern sollte. Nicht nur ein Wochenende.

"Ich glaube, wir haben 14 Tage, wenn nicht sogar drei Wochen, diesen Rund-um-die-Uhr-Dienst aufrechterhalten. Immer wieder und besonders an Sonn- und Feiertagen kamen da eben noch die Leute und holten ihr Geld holten und wollten einkaufen einfach nur Kontakt suchen und sprechen. 'Ach wie schön, dass wir uns jetzt mal besuchen können.'"

Aus Eisenach, Erfurt, sogar aus Dresden sind sie ins Grenzdorf gekommen. Viele wollten weiter, Familie besuchen. Aber sie kannten sich nicht aus – im unbekannten Westen.

"Dann haben wir aus irgendeinem Keller Kisten von Straßenkarten gefunden, die das Land Hessen mal herausgegeben hat. Und somit konnten wir denen wieder helfen, die mal ein Stück weiterfahren wollten, denn Straßenkarten hatten die ja nicht."

Die DDR-Grenzsicherung unterband den Kontakt

Die Menschen aus Lauchröden aber wollten zu ihren Nachbarn, nach Herleshausen. Helmut Schmidt erinnert sich:

"Es gab da schon im Vorfeld so Bemühungen, den Kontakt nicht abbrechen zu lassen. In der 50er-Jahren wurde noch gemeinsam oder gegeneinander Fußball gespielt. In den 50er-Jahren konnte auch noch der Gesangsverein von Lauchröden und zu einem Sängertreffen nach Herleshausen kommen und umgekehrt. Das war dann ab '61 mit dem Bau der Mauer und natürlich der entsprechenden Verstärkung der Grenzsicherungsanlagen nicht mehr möglich."

Weil es in der DDR diese Vorschriften gab. Grenzsicherung. Die vielen Kontrollen, die vom Staat gefordert wurden. Einfach ausreisen – unmöglich.

Bis zu diesem Wochenende. Der Trubel, er schafft Aufmerksamkeit. Ein Ereignis, das größer und wichtiger ist, als es den Menschen in Herleshausen im ersten Moment erscheint.

"Deutschlandweit haben wir da sicherlich noch gar nicht gedacht, aber es gibt die Beziehung zu Lauchröden, die sind ja Jahrhunderte alt. Die sind nur künstlich durch die Grenze und den Eisernen Vorhang zwischen den beiden Machtblöcken natürlich unterbrochen worden."

700.000 DM in der ALDI-Tüte 

Wir fahren zum Gemeindezentrum in Herleshausen. Stehen vor dem Springbrunnen an der Hauptstraße. Viel Verkehr am Mittag. Wir treffen Wilhelm-Ernst Kühn, damals stellvertretender Kassenleiter. Er hat das Begrüßungsgeld für die DDR-Bürger ausgezahlt. Ein vergleichsweise kleiner Mann, graues Haar, graue Softshell-Jacke mit grünem Reißverschluss. Er zeigt uns ein Fenster am Gemeindezentrum. Wilhelm-Ernst Kühn weiß, warum wir uns genau hier treffen sollen.

"Ja, weil so viele DDR-Bürger im Gebäude waren und der Ausgang hier total blockiert war, hat man nur eine Möglichkeit gehabt, um rauszukommen. Und ich sollte ja raus, um im Prinzip eine Außenstelle zu eröffnen, um Begrüßungsgeld auszuzahlen. Ich musste durchs Fenster klettern, war die einzige Möglichkeit hier rauszukommen."

Ein Mann steht außerhalb eines Hauses und blickt ernst in die Kmaera. (Steffen Grütjen & Simon Müller)Hunderttausende von D-Mark in der ALDI-Tüte: Wilhelm-Ernst Kühn erinnert sich an die Zeiten des Begrüßungsgeldes. (Steffen Grütjen & Simon Müller)

Wilhelm-Ernst Kühn ist ein direkter Typ, spontan, ein Macher. War er schon damals, als immer mehr Menschen mit Tüten kamen und das Begrüßungsgeld wollten.

"Später wurde dann im Nachbargebäude Geld von der Bank geholt aus dem Tresor, und dann bin ich mit der Tüte mit 700.000DM hier über den Platz gelaufen. Das hat keiner wahrgenommen, das hat keiner gewusst, es waren auch so viele Leute hier, es war gar nicht aufgefallen. Wie gesagt, jeder hatte eine ALDI-Tüte, ich hatte auch eine und so ist es nicht aufgefallen."

Kühn hat das gerne gemacht. Die Grenzöffnung war auch für ihn emotional. Die Begegnungen mit den Menschen.

"Die haben uns gedrückt und geküsst und haben uns, wenn sie aus der DDR kamen, irgendwelche Sachen mitgebracht, Andenken und so, und wenn es irgendeine geschnitzte Figur war aus dem Erzgebirge oder so ähnlich. Die waren so glücklich, darüber, dass sie das Geld bekommen haben."

"Ein herrlich, schönes Chaos"

Und dann ist da noch so ein Original in Herleshausen, Achim Wilutzky. Bekannt im ganzen Dorf unter seinem Spitznamen "Achim Überall". Er knipste Fotos vom Wochenende, wollte so viel an Bildern einfangen wie nur möglich. Von diesem Wahnsinn in Herleshausen. Auch wenn er etwas spät dran war.

"Trotzdem habe ich dann den Fehler gemacht und habe die ganze Situation falsch eingeschätzt und bin eben an die Arbeit gefahren. Vorher aber nochmal eine Runde am Grenzübergang geguckt, hab da ein Fahrzeug vom HR stehen sehen. Also, das war schon ein bisschen was Anderes als sonst, aber mehr ist mir eigentlich nicht aufgefallen. Also wenn da schon die ersten hupenden Trabbis gefahren wären in dem Moment, dann hätte ich vielleicht auch anders reagiert und wäre gar nicht in die Arbeit gefahren. Hätte einen Fotoapparat geholt und hätte dann die Sache festgehalten."

Ein Mann steht neben einem ehemaligen Mast der deutsch-deutschen Grenze, den er auf seinem Grundstück als Erinnerung an die deutsch-deutsche Teilung aufgestellt hat. (Steffen Grütjen & Simon Müller)Achim Wilutzky, ein echtes Herleshausener Original. (Steffen Grütjen & Simon Müller)

Wir treffen Achim Wilutzky in einem gut bürgerlichen Wirtshaus. Rustikale Küche. Bier aus der Region. Den Wirt kennt Achim Wilutzky natürlich auch – mit Namen. Schorsch. Er bestellt ein Nackensteak mit einer extragroßen Portion Schmorzwiebeln. Während wir essen, erzählt er weiter.

"Als ich dann um vier Uhr zurückkam nach Herleshausen, da sah das Dorf dann halt schon ganz anders aus. Es war kaum ein Parkplatz zu finden im Dorf, überall standen schon Trabis und knatterten da durch die Gegend und die Leute sind in die Geschäfte gelaufen. Ich bin dann kurz heimgefahren, Auto abgestellt und dann erstmal mit dem Fotoapparat ein paar Bilder machen. Aber danach, irgendwie man hat es immer noch nicht richtig einschätzen können."

Der Hobbyfotograf schwärmt noch heute. Von den vielen Szenen im Ort, die er festgehalten hat mit seiner alten Kamera. Achim Wilutzky merkt erst viel später, dass sich vor seinen Augen Großes abspielte.

"Die nächsten Wochen haben sich ja dann im Grunde überschlagen hier in Herleshausen war einfach ein herrlich, schönes Chaos und ja, die Geschäfte wurden im Grunde leergekauft und die großen Supermarktketten hatten ihre Lastwagen hierhergeschickt, um neue Orangen usw. zu bringen. So wie das Begrüßungsgeld oben ausgezahlt wurde, wurde ja vieles auch gleich wieder umgesetzt."

Vor einem Supermarkt werden zahlreiche Kisten angeliefert. (Archiv Gemeinde Herleshausen)Schnell investiertes Begrüßungsgeld: Großanlieferung in den Herleshäuser Supermärkten. (Archiv Gemeinde Herleshausen)

Der absolute Höhepunkt am Wochenende: die Party am Samstag, den 10. November, auf den Straßen in Herleshausen. Ost und West feiern – zusammen. Sie sind wieder vereint. Und: da noch Bier von der letzten Kirmes in Herleshausen übrig war, die Kirmeskasse gut gefüllt – hatten Achim Wilutzky und seine Freunde von der Kirmesgesellschaft eine Idee:

"Und als das dann klar war mit der Grenzöffnung und, dass da am Samstag da sicherlich ein Riesenspektakel im Dorf sein wird. Kam uns dann gemeinsam die Idee doch vielleicht Bier auszuschenken, einfach ja zu verschenken an unsere neuen Gäste."

Auf einer Dorfstraße wird Bier ausgeschenkt. (Archiv Gemeinde Herleshausen)Beim Straßenfest wird gemeinsam die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze begossen. (Archiv Gemeinde Herleshausen)

Freibier gab es dann aber doch nicht. Aber fast. Das Angebot: "50 Pfennig Ost für ein Bier". So mussten die Menschen aus dem Westen ihr Geld mit dem der Ostdeutschen tauschen. Und die Leute aus dem Osten hatten mehr DM.

Der erhoffte Aufschwung ist ausgeblieben

Wilutzky war 1989 noch nicht mal dreißig. Unsere Professorin hat ihn damals schon getroffen und interviewt. Seine Stimme klingt da ganz anders als heute. Wilutzky denkt in dem Interview offen über die Zukunft seiner Heimat nach:

"Und jetzt auf einmal, liegen wir geografisch jedenfalls in der Mitte Deutschlands und irgendwo hat man da schon die Hoffnung, dass gerade der Raum Eisenach, dass das doch mal ein ganz blühendes Städtchen wird in den nächsten Jahren, wo wir praktisch nie mit rechnen konnten. Das ist jetzt eigentlich durchaus wieder realistisch zu sehen."

Heute sieht Achim Wilutzky das anders. Drei Jahrzehnte nach der großen Freude, der großen Party auf den Straßen im Dorf. Der Aufschwung in der Region, er ist ausgeblieben. Es ist anders gekommen.

"Man hat sich von der Grenzöffnung auch einen Boom erhofft, was auch Wirtschaftsansiedelungen angeht, Gewerbegebiet und so weiter. Und da ist ja im Grunde fast nichts passiert, gar nichts. Aber warum? Ganz klar: Es gab eben in Thüringen Zuschüsse für die Firmen, die sich da angesiedelt haben und hier in Hessen eher weniger."

Die ersten deutsch-deutschen Eheschließungen

Aber Achim Wilutzky ist auch stolz. Wie sie es gepackt haben. Wie sie aufeinander zugegangen sind.

"Und natürlich die Tatsache, dass das Werratal nicht mehr geteilt ist, dass dieser schlimme Grenzzaun verschwunden ist oder Fluss mit der Grenze, die Werra. Das steht natürlich über allem, das ist das Beste, was passieren kann für uns."

Auch für Helga Gogler steht fest: Die Grenzöffnung war ein Segen für beide Dörfer. Auch wenn in den ersten Tagen alles noch so neu, so ungewohnt war. Auch ein bisschen fremd. Die Beziehungen zwischen Lauchröden und Herleshausen, zwischen den Familien, den Menschen – brauchten Zeit. Bei einigen ging es aber auch sehr schnell.

"In dem Moment war uns das noch gar nicht so bewusst. Dass das so funktioniert hat. Oder dass das so geht. Später ist das erst gewachsen. Das sind dann viele Verbindungen entstanden zwischen Ost und West. Ich war zu der Zeit Standesbeamtin und habe in dem Jahre '91 sehr viele Ost-West-Paare getraut. Also muss da ja was passiert sein. Zwischen hüben und drüben, zwischen Ost und West."

Enge Freundschaft - auch wegen der Grenze 

Wie sind denn die Menschen, hier an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zusammengewachsen? Das wollen wir am Abschluss unseres Besuches herausfinden. Und wo kann man das besser als in der Dorfkneipe.

Dort sind unsere Kommilitonen mit sechs Freunden verabredet. Drei aus dem ehemaligen Osten, drei aus dem Westen. Wir treffen sie im Gasthaus "Zum Schiff" in Sallmannshausen. In Thüringen, vier Kilometer von Lauchröden entfernt. Auf der karierten Tischdecke stehen sechs Bier.

Wir wollen wissen: Merkt man überhaupt noch, dass hier auch jemand aus dem Westen am Tisch sitzt? Die Freunde verstehen sich, flachsen rum. Glauben, dass ihre Freundschaft enger geworden ist – auch wegen der Grenze. Sie wissen es zu schätzen, sagen sie, hier heute gemeinsam zu sitzen. Denn Freunde, das waren sie schon immer.

"Wir haben eine Sprache gesprochen. Das ist anders als wenn du die Sprache nicht verstehst, wollen wir doch mal ganz ehrlich sein. Und hört doch mal genau hin, die sprechen genauso wie wir."

Ob sie nun auf der westlichen Werra-Seite oder auf der im Osten groß geworden sind. In Hessen oder Thüringen.

"Jeder wollte die Grenze weghaben"

Nach sechs Tagen fahren wir wieder nach Hause. Nach Eichstätt. Mit den Eindrücken von den Menschen, die wir getroffen haben. Und den Geschichten, die sie uns erzählt haben. Jeder hat die Wiedervereinigung auf seine Art und Weise erlebt, auch anders wahrgenommen. In einem, da sind sich aber auch die Freunde aus der Kneipe einig:

"Das waren genauso Leute, Menschen wie wir auch drüben. Das waren keine Anderen. Es wollte eigentlich nur jeder die Grenze weghaben."

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