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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.08.2011

Mauerbau am Rand des Abgrunds

Vor fünfzig Jahren schwelte in Berlin die Lunte zum Dritten Weltkrieg

Von Reinhard Mutz

Volkspolizisten und Arbeiter der DDR beim Errichten der Berliner Mauer im Norden Berlins an der Grenze zum Westberliner Bezirk Reinickendorf. (picture alliance / dpa)
Volkspolizisten und Arbeiter der DDR beim Errichten der Berliner Mauer im Norden Berlins an der Grenze zum Westberliner Bezirk Reinickendorf. (picture alliance / dpa)

Verdient ein Bauwerk der Moderne monströs genannt zu werden, dann war es die Mauer in Berlin. Die Menschenleben, die sie kostete, und die Gewalt, die sie verkörperte, haben in konkreter Weise Schuld begründet.

Das ist die eine Ebene der Betrachtung. Es gibt eine zweite, abstraktere. Hier verschmilzt Lokalgeschichte mit Weltpolitik. Darin fiel Berlin jahrzehntelang ein einzigartiger Part zu. Auf dieser Ebene erscheint der Mauerbau als kühl kalkulierter Schachzug in einem Poker, dessen Regelwerk selbst der Inbegriff des Monströsen war.

Warum gerade Berlin? Weil das Tauziehen um die Stadt an Zählebigkeit alles übertraf, was sonst in Europa zwischen West und Ost strittig war. Zweimal entbrannten Weltkrisen um die Stadt. Die Sommermonate 1948 und 1961 verzeichnet die Zeitgeschichte als aufreizendes Muskelspiel, als Gestik des Drohens und Einschüchterns, als Nervenkrieg bis dicht an den Schießkrieg. Es waren Lehrstücke sicherheitspolitischer Interessenwahrung zwischen den USA und der Sowjetunion.

In Berlin stand der Führungsanspruch der Blockvormächte auf dem Spiel. Die Bundesrepublik betrachtete ihren verletzlichen Außenposten als Prüfstein der amerikanischen Bindung an Europa. Die USA sahen darin den Kitt zwischen Bonn und der NATO. Beiden galt die westliche Teilstadt als unantastbar. Für die DDR und ihre Schutzmacht hingegen bildete sie den sprichwörtlichen Pfahl im Fleisch – freier, wohlhabender, deshalb anziehend für die Menschen im Sozialismus. Wie dieses Schlupfloch zu stopfen sei, war hinter den Kulissen das Thema der zweiten Berlinkrise.

Ab Juni 1961 bedeuteten sich die Führer der beiden Supermächte unverblümt die Bereitschaft zum Krieg gegeneinander. Drohgebärde folgte auf Drohgebärde. Zwei denkwürdige Fernsehansprachen glichen sich bis in die rhetorischen Figuren. Kennedy am 25. Juli: "Wir wollen den Kampf nicht, aber wir haben schon gekämpft." Chruschtschow am 7. August: "Wir wollen keinen Krieg, aber unser Volk fürchtet sich nicht vor Prüfungen." Wie hätte der amerikanische Präsident reagiert, wäre es, wie von Moskau angedroht, zu einer neuerlichen Berlinblockade gekommen, diesmal einschließlich der Luftwege?

Wir kennen die Antwort nicht, und es ist müßig, darüber zu spekulieren. Jedenfalls setzte die sowjetische Führung die "entmilitarisierte Freie Stadt", die "selbständige politische Einheit Westberlin", die Blaupausen ihrer politischen Berlin-Offensive seit Herbst 1958, nicht einseitig ins Werk. Stattdessen gab Chruschtschow grünes Licht zum Mauerbau. Er wählte, wie schon vor ihm in der ersten Berlinkrise Truman, den ungefährlicheren aber kostspieligeren Ausweg. Denn teuer war auch die Mauer – nicht in Dollar, wie die Luftbrücke, wohl aber in der gleichfalls knappen Währung internationalen Ansehens.

Massenvernichtungswaffen, sagt die Abschreckungstheorie, sollen von Aggressionen dadurch abschrecken, dass die Wahrscheinlichkeit ihres Einsatzes unkalkulierbar ist und das Ausmaß des möglichen Schadens untragbar. Die beiden Berlinkrisen zeigen anschaulich, wie Abschreckung zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation funktionierte: Jede Seite suchte ein Höchstmaß an eigenen Zielen zu verwirklichen, zugleich bemüht, die Risikobereitschaft des Gegners auszuloten, ohne den Bogen zu überspannen. Am Rande des Abgrunds erwiesen sich die Luftbrücke wie der Mauerbau als Notnägel gegen den Absturz.

Jeder Berliner, der Zeuge dieser dramatischen Vorgänge war, wird es anstößig finden, die beiden Aktionen auch nur in einem Atemzug zu nennen. Menschen mit dem Lebensnötigsten zu versehen und Menschen hinter Stacheldraht einzuschließen, in der Tat, dazwischen liegen Welten. Aber die Politik der Krisenbewältigung im Nuklearzeitalter folgte keinem moralischen Prinzip. Ihr Geschäft war die Suche nach dem rettenden Ausweg zwischen Kapitulation und Katastrophe. Sich die Alternative vorzustellen, wäre schwärzeste Fiktion. Allerdings, so hat Henry Kissinger einmal gefragt, ist nicht auch die Verhütung des Krieges ein moralisches Prinzip?


Reinhard Mutz, Friedensforscher (Jochen Rasch)Reinhard Mutz, Friedensforscher (Jochen Rasch)Dr. Reinhard Mutz, Jahrgang 1938, studierte nach dem Militärdienst Politikwissenschaft, Soziologie und Neueren Geschichte, promovierte über Probleme der Analyse, Kritik und Kontrolle militärischer Macht und habilitierte sich über Konventionelle Rüstungskontrolle in Europa. Von 1966 bis 1984 arbeitete er am Institut für internationale Politik und Regionalstudien der Freien Universität Berlin, zuletzt als Assistenzprofessor. Von 1984 bis 2006 am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, zuletzt als Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor. Von 1992 bis 2008 war er Mitherausgeber des Jahresgutachtens der friedenswissenschaftlichen Forschungsinstitute in der Bundesrepublik. Seine Arbeitsgebiete sind Friedensforschung, Rüstungskontrolle, internationale Sicherheitspolitik.


Weitere Links zum Mauerbau auf dradio.de:

Sammelportal 50 Jahre Mauerbau

"Aktuell" vom 5.8.2011: Mauerstücke - Reihe in der "Ortszeit" zum Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren

"Aktuell" vom 15.7.2011: 50 Jahre Berliner Mauerbau - Beiträge, Interviews, Reportagen

Zeitreisen: Wie kam es zum Bau der Berliner Mauer?

Kalenderblatt: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" *

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