Matthieu Aikins: „Die Nackten fürchten kein Wasser"

Kalte Angst und vorsichtige Hoffnung

05:28 Minuten
Auf dem Cover ist ein buntes Gemälde zu sehen, das seine Landschaft aus Gebirge, Ebene und einem Fluss zeigt. Im Hintergrund ist die aufgehende Sonne zwischen den Bergen und über den orientalisch anmutenden Gebäuden zu sehen. Darüber der Autorenname und der Buchtitel.
© Hoffmann & Campe

Matthieu Aikins

Aus dem Englischen von Barbara Schaden

Die Nackten fürchten kein Wasser. Eine Reise mit afghanischen FlüchtlingenHoffmann und Campe, Hamburg 2022

400 Seiten

26,00 Euro

Von Jasamin Ulfat-Seddiqzai · 08.08.2022
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Dem Journalisten Matthieu Aikins ist ein schmerzhaft-realistischer Bericht über die Migrationskrise der letzten Jahre gelungen. Dabei stützt er sich auf eigene Erfahrungen: 2016 legte er die Strecke zwischen Kabul und Griechenland selbst ohne Papiere zurück.
Matthieu Aikins' Buch „Die Nackten fürchten kein Wasser“ ist mit seinem farbenfrohen Cover und dem poetisch klingenden Titel eigentlich eine Mogelpackung. Denn es geht in seinem Reisebericht nicht um schöne Landschaften, szenische Beschreibungen und spannende Begegnungen mit fremden Kulturen, sondern um nackte Angst und vorsichtige Hoffnung – und wie diese beiden Gefühle jedes Jahr die Flucht vieler Tausender Menschen bestimmen.

Ein Flüchtling namens Habib

Die Vorfahren des kanadischen Journalisten Matthieu Aikins stammen aus Europa und Japan, sein Aussehen konnten Menschen im Westen nie ethnisch zuordnen. Das ändert sich, als der Kriegsreporter nach Afghanistan kommt.
Hier sieht er aus wie ein Einheimischer und wird von vielen Afghanen auch so wahrgenommen. Zusammen mit seinem afghanischen Freund Omar heckt der Journalist den Plan aus, gemeinsam als Afghanen ohne Papiere von Kabul nach Europa zu flüchten.
Für Omar ist das Vorhaben von Anfang an bitterernst, und auch für Aikins, der sich nun Habib nennt, wird es schnell lebensgefährlich. Zwar hätte der Journalist seine "Flucht" jederzeit abbrechen können, aber das Wissen um den eigenen Pass und das sichere Leben im Westen nützen nichts, wenn man nachts auf einem kleinen Schlauchboot über die Ägäis treibt und von türkischen Grenzbooten gerammt wird.

Going native – aber aus gutem Grund

Im traditionellen europäischen Reisebericht nennt man das Verkleiden als Einheimischer „going native“. Oft ist diese Verkleidung gegenüber den Menschen, deren Kultur als „Kostüm“ benutzt wird, respektlos. Da werden Gesichter braun angemalt und Fantasieturbane gebunden, die erfundenen Identitäten sind oft nur Karikaturen fremder Kulturen.
Anders ist es bei Aikins: In seiner Verkleidung versucht er nicht, die afghanische Kultur zu verstehen oder „Geheimwissen“ über ihm fremde Menschen zu ergattern.
Aikins bleibt sachlich und nüchtern, es geht ihm um die Fluchtrouten und die Gefahren, denen die Menschen ausgesetzt sind. Er hinterfragt die Fluchtgründe nicht, er beschreibt, was den Menschen auf der Flucht widerfährt.
Durch seinen nüchternen Ton macht er die Schrecken der Flucht deutlicher, als es hochemotionale Essays könnten. Seinen persönlichen Erfahrungsbericht ergänzt er immer wieder durch allgemeine Fakten über Asylrecht und Migration.

Die Gefahren sind für alle gleich

Aikins unterscheidet nicht zwischen Wirtschafts- und politischen Flüchtlingen: Denn die Gefahren der Fluchtrouten seien für alle Menschen gleich. Er zeigt, wie das Asylsystem – das ursprünglich Menschen retten sollte – viele Gefahren noch verstärkt, indem es durch sein restriktives Auswahlverfahren verzweifelte Flüchtende zum Spielball zwischen Ländern macht, die Menschen als Verhandlungsmasse nutzen.
Vielen dieser Menschen bleibt nichts anderes übrig, als ihr Schicksal vollständig in die Hände skrupelloser Schleuser zu legen, denen sie dann ausgeliefert sind.
Da Aikins nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam schreibt, liest sich das Buch trotz seiner 400 Seiten sehr schnell. Gekonnt verbindet er Tragisches mit lustigen Momenten. Am Ende lässt er die Leser fassungslos zurück, wenn er schreibt, dass griechische Fischer die Gegend um Lesbos meiden, weil die Fische dort zu viel von den Leichen ertrunkener Flüchtlinge gefressen haben.
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