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Frühkritik | Beitrag vom 29.05.2020

Matthias Wittekindt: "Die Brüder Fournier"Steinwall der Erinnerung

Von Thomas Wörtche

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Das Cover von "Die Brüder Frournier" auf orangefarbenem Hintergrund. (Deutschlandradio/ Edition Nautilus)
Spröde und kühle Prosa, die eher impressionistisch tupft als episch-wuchtig daherkommt, ist der Krimi "Die Brüder Fournier" von Matthias Wittekindt. (Deutschlandradio/ Edition Nautilus)

Strukturwandel und Verbrechen: Matthias Wittekindts entwirft in seinem Kriminalroman "Die Brüder Fournier" eine Psychopathologie der Vorstadt.

Matthias Wittekindts neuer Roman "Die Brüder Fournier" ist der schon fast ideale Beleg dafür, wie weit "Kriminalliteratur" sich von dem Dogma des Fall/Aufklärungsschema entfernen kann, ohne sich in Beliebigkeit aufzulösen. Den Kern des Romans bilden zwei unklare Todesfälle – zwei junge Menschen aus dem kleinen belgischen Dorf Envie, nächst Brüssel, kommen zu Tode, betrunken und erfroren. Unfälle oder absichtlich herbeigeführte Tode?

Iason und Vincent Fournier, die Söhne der brutal geschäftstüchtigen Patronin eines Süßwarenimperiums, rücken immer wieder in den Fokus, wenn Gewalt im Dorf aufkommt oder auch rätselhafte Todesfälle. Vincent, der jüngere Bruder, ist eher introvertiert, Iason eher ein physischer Typ, dem die dominante Mutter auferlegt hat, sich um seinen kleinen Bruder schützend zu kümmern.

Iason prügelt und zündelt, Vincent manipuliert und lügt. Iason hat ein besonderes Sensorium für sinnliche Eindrücke, er wird ein begnadeter Koch, Vincent hat es eher mit den großen philosophischen Fragen, was ihn nicht daran hindert, ein krimineller Anwalt zu werden. Möglicherweise sind beide Psychopathen.

Der Blick des Architekten

Wittekindt erzählt die Geschichte der Brüder über Jahrzehnte – beginnend im Jahr 1966 bis in die Gegenwart. Gleichzeitig erzählt er, mit dem Blick des gelernten Architekten, der der Autor ist, die Geschichte des Örtchens Envie (deutsch: Verlangen, aber auch Neid), das wegen seiner Nähe zu Brüssel mit der Zeit seinen Charakter verändert – von einem verschlafenen Dorf zu einer Suburb, was gleichzeitig auch einen soziologischen Umbruch in der Struktur der Einwohnerschaft bedeutet.

Außerdem erzählt Wittekindt entlang der Zeitgeschichte vom Mentalitätswandel, den die neue wirtschaftliche Prosperität zeitigt: Immobilienbesitz wird zunehmend wichtiger als das alte Patisserie-Geschäft der Familie Fournier, ein Luxusrestaurant wird zur neuen Attraktion von Envie, während der Friedhof planiert wird und die alten Grabsteine zu einem Steinwall der Erinnerung aufgetürmt werden.

Ein demokratischer Kriminalroman

Aber die Frage, was mit den beiden toten Teenagern wirklich passiert ist, bleibt virulent. Und damit auch die Rolle der Brüder Fournier. Wittekindts spröde, kühle Prosa, die eher impressionistisch tupft, als episch-wuchtig daherkommt, hält diesen kriminalliterarischen Kern des Buches immer präsent, wenn auch passagenweise eher subkutan.

Auch wenn möglicherweise nicht geklärt wird, was "damals passiert ist" – die Frage bleibt bestehen, eine buchhalterisch korrekte "Aufklärung" wäre nur noch autoritär vom Autor verfügt. Stattdessen lässt Wittekindt klugerweise mögliche Optionen im Kopf des Lesepublikums entstehen, die Zweifel generieren statt vorgegebener Antworten. Ein starkes Argument für einen dann in der Tat "demokratischen" Kriminalroman, der sich dann über seine Ästhetik anstatt eines "Themas" herstellt.

Matthias Wittekindt: "Die Brüder Fournier"
Edition Nautilus, Hamburg 2020
270 Seiten, 18 Euro

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