Matthias Nawrat: „Das glückliche Schicksal“
© Rowohlt Verlag
„Es gibt nichts Besseres als ein langweiliges Leben“
06:06 Minuten

Matthias Nawrat
Das glückliche SchicksalRowohlt Verlag, Hamburg 2026272 Seiten
24,00 Euro
Eine Sozialpsychologin der Uni Krakau reist 1983 nach Venedig, um einen polnischen Emigranten zu interviewen. Hat sie auch persönliche Gründe? Ein brutaler, großartiger Roman über das Leben und Überleben östlich und westlich des Eisernen Vorhangs.
Es ist ein klarer Januar mit blauem Himmel, ungewöhnlicherweise liegt Schnee in Venedig. Die Frau, die soeben aus dem Flugzeug gestiegen ist, nimmt sofort wahr, wie anders hier alles ist: die Luft, der Himmel, die Stimmung auf den Straßen, die Auslagen in den Geschäften.
Der ältere Mann, der sie abgeholt hat, tut ihr offenbar einen Gefallen, aber sie scheint ihn auch zu beargwöhnen. Sie registriert die Elastizität seines Körpers, die überraschend dunklen Augenbrauen trotz des grauen Haars, sie denkt, dass ihm das ein „wölfisches“ Aussehen gibt. Früher hat er vielleicht das „Flirtspiel“ beherrscht, „eine zielorientierte romantische Unaufrichtigkeit“.
Es ist ein stimmungsvoller Einstieg, glänzend erzählt und zugleich von fast bedrohlicher Nüchternheit.
Im selbst gewählten Exil
Wanda Karłowska ist Sozialpsychologin. Sie forscht am soziologischen Institut der Universität Krakau und will ein Interview führen mit ebenjenem grauhaarigen Herrn, der uns abwechselnd sympathisch und unheimlich ist.
Henryk Mrugalski lebt seit vielen Jahren mit seiner jüdischen Frau Krystyna in Venedig, im selbst gewählten Exil, wie er es nennt. Auch sie stammen aus Polen. Seine Forschungen zu Kybernetik und Gesellschaftswissenschaften hält er nicht für so bedeutend, dass sich dafür die komplizierte Anreise lohnt. Denn die Rahmenhandlung des Romans spielt im Januar 1983. In Polen herrscht das Kriegsrecht.
Ein dramaturgisches Kabinettstück
In diesem Roman sitzt jedes Detail. Und zugleich ist er ein dramaturgisches Kabinettstück. In harten Schnitten montiert Matthias Nawrat Rückblenden ein. Sie führen nach Krakau, Los Angeles und zunächst in ein sowjetisches Arbeitslager im Ural.
Henryk Mrugalski wurde im September 1940 dort interniert. Die Beschreibungen des Lageralltags sind grausam. Nawrat greift dabei auf Schilderungen etwa von Warlam Schalamow, Nadeschda Mandelstam und Alexander Solschenizyn zurück.
Nur mit viel Glück hat Mrugalski das Lager überlebt – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil Polen, das Hitler und Stalin zunächst unter sich aufgeteilt hatten, mit der Kriegserklärung Deutschlands an die Sowjetunion zu deren Bündnispartner wurde.
Ein Spiel, das niemand gewinnen kann
Was will Wanda von Henryk? Ihr Vater ist genauso alt wie er. Er war Zwangsarbeiter in Deutschland und wurde nach seiner Rückkehr in einem Krakauer Gefängnis verhört.
Erst mit der Zeit verstehen wir die Hinweise, die Nawrat von Anfang an gestreut hat. Die philosophischen und spieltheoretischen Überlegungen baut er taktisch geschickt in die Handlung ein. Sie sind Ablenkung und Thema zugleich und ziehen den Leser in ein Spiel hinein, das niemand gewinnen kann.
„Das glückliche Schicksal“ ist eine dunkle Lektüre und ein großartiger Roman. Vor dem Hintergrund der geschilderten Gräuel des 20. Jahrhunderts ist sein klügster Satz denkbar schlicht: „Es gibt nichts Besseres als ein langweiliges Leben.“ Er stammt von Marian, Wandas Freund, und er sollte sie zur Emigration nach Deutschland bewegen.














