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Rang I | Beitrag vom 20.06.2020

Matthias Lilienthals Abschied von MünchenVon den "Jammerspielen" zum aufregendsten Theater Deutschlands

Matthias Lilienthal im Gespräch mit Janis El-Bira

25.04.2018, Bayern, München: Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, sitzt hinter der Bühne seines Hauses auf einer Requisiten-Sofa.  (dpa / Peter Kneffel)
Matthias Lilienthal verlässt Anfang Juli die Münchner Kammerspiele - nach fünf Jahren Intendanz. (dpa / Peter Kneffel)

Nach einem schwierigen Anfang an den Münchner Kammerspielen verlässt Intendant Matthias Lilienthal jetzt ein Haus, das zuletzt mit Ehrungen überhäuft wurde. Er zieht eine Bilanz über fünf bewegte Jahre und hat noch keine neuen Pläne.

Es war eine der prägendsten, aber auch meistumkämpften Intendanzen der jüngeren Vergangenheit. Als der Theatermacher Matthias Lilienthal 2015 die traditionsreichen Münchner Kammerspiele übernahm, staunten viele nicht schlecht: Der umtriebige Freie-Szene-Spezialist aus Berlin und das Haus an der vornehmen Maximilianstraße – würde das passen?

Heute weiß man, es passt – allerdings mit Anlaufschwierigkeiten. Schon seit 2018 weiß man aber auch: Die Reise geht nach dieser Spielzeit nicht mehr weiter. Im Juli verabschiedet sich Matthias Lilienthal von München. Der Regisseur erinnert sich an fünf bewegte Jahre, vom holprigen Start mit schlechter Presse bis zu den triumphalen letzten zwei Spielzeiten, bei denen die Münchner Kammerspiele mit Preisen und Theatertreffen-Einladungen geradezu überschüttet wurden.

Münchner "Anfangsgranteln"

Die Anfangsschwierigkeiten sieht Lilienthal dabei vor allem in einer Besonderheit des Münchner Publikums begründet: "München hat eine deutlich andere Psychostruktur als Berlin", sagt er. "In Berlin ist es eher so: Wenn man sieben Jahre da ist, dann sagt die Stadt: Immer die gleiche Scheiße, kann nicht mal irgendwas Neues kommen? München hat ein Anfangsgranteln von drei Jahren und wenn dieses Granteln vorbei ist, dann kann man eigentlich auch 26 Jahre bleiben."

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Lilienthal hat diese drei Jahre "Anfangsgranteln" nicht ganz überstanden: 2018 reichte er seinen Rücktritt für das Ende der Spielzeit 2019/20 ein. Das geschah nicht ganz freiwillig, denn vor allem die Münchner CSU hatte sich dagegen gesperrt, seinen Vertrag zu verlängern.

Inzwischen würde das womöglich anders aussehen, glaubt Lilienthal: "Jetzt ist es im Moment so, dass die Stadt gerne dieses Theater weiter hätte, und es jetzt leider nicht mehr geht. Insofern, kann man sagen, hatten die Stadt und wir nicht genug Geduld füreinander."

Bewährtes fortgesetzt und weiterentwickelt 

Als wichtigste Entwicklungen seiner Amtszeit sieht Lilienthal dabei genau das, was ihm die Presse anfangs als "Performeritis" und Ende der großen Münchner Schauspieltradition ankreidete. "Ich habe mit Ästhetiken und mit Inhalten gegenüber der Baumbauer-Zeit und der Simons-Zeit (Lilienthals Vorgänger als Intendanzen, Anm. d. Red.) deutliche Veränderungsschritte gemacht." Dabei habe er fortgesetzt, was seine Vorgänger bereits angelegt hätten.

"Aber ich bin Schritte weiter gegangen", erklärt Lilienthal, "dieses ganze Programm von Internationalisierung. Dass die Kammerspiele eigentlich noch so etwas wie ein deutschsprachiges Stadttheater sind, ist eine Mogelpackung: Die Betriebssprache intern in den Proben ist circa zur Hälfte Englisch." Außerdem habe er freie Gruppen auf die große Bühne gelassen und ihnen Regiearbeiten ermöglicht.

Die Wende in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Arbeit sieht Lilienthal in drei Punkten begründet: Zum einen sei da der von ihm und den Kammerspielen mitinitiierte Aufruf zur Münchner "ausgehetzt"-Demonstration gegen Rechtspopulismus gewesen. Da habe sich ein großer Teil des Münchner Bürgertums mit ihm solidarisiert, weil die Münchner CSU mit Strafen drohte.

Dann nennt Lilienthal ausdrücklich die zehnstündige, hymnisch besprochene Kultinszenierung "Dionysos Stadt" von Christopher Rüping. Außerdem habe die Auszeichnung der Kammerspiele als "Theater des Jahres" durch die Zeitschrift "Theater heute" die "Frage von Qualität oder Nicht-Qualität" sehr öffentlichkeitswirksam beantwortet.

Die Zukunft ist offen

Nun verabschiedet sich Lilienthal am 11. Juli mit einem halbstündigen Abend vor 500 Zuschauern im Münchner Olympiastadion von der Stadt. Was er danach mache, sei noch nicht klar. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass es ihn nochmal an ein Stadttheater ziehe, so Lilienthal.

"Wenn mir jemand was anbietet, dann gucke ich, ob das, was ich so bin, und was ich so kann, damit zusammenpasst oder nicht", sagt er. "Das kann ein Stadttheater sein, das kann ein Produktionshaus sein, das kann ein Festival sein oder das kann ein genreübergreifendes Zentrum sein."

Zunächst einmal wolle er aber als "glücklicher Arbeitsloser" vor allem wieder Zeit für seine kleine Tochter haben: "Die ist dann auch froh, wenn ich mich um sie kümmere. Ich hoffe, dass das Arbeitsamt mir das erlaubt."

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