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Buchkritik | Beitrag vom 11.06.2018

Matthias Heine: "Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland"Der Imageverlust der deutschen Sprache

Von Wolfgang Schneider

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Eine Pickelhaube in einer Ausstellungsvitrine. Dafür das Cover zu Matthias Heines Buch "Letzer Schultag in Kaiser-Wilhelmsland" auf dem eine Zeichnung des Schulalltags im frühen 20. Jahrhundert zu sehen ist. (imago/Jürgen Schwarz / Cover: Hoffmann & Campe)
Matthias Heines Buch "Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland" (imago/Jürgen Schwarz / Cover: Hoffmann & Campe)

Der Erste Weltkrieg war auch ein Krieg der Sprachen: In seinem historischen Abriss "Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland" stellt der Journalist Matthias Heine überzeugend dar, wie der Erste Weltkrieg den internationalen Prestigeverlust der deutschen Sprache zur Folge hatte.

Zum Ersten Weltkrieg hat sich in den letzten Jahren ein ganzer Bücherberg in die Höhe gewölbt. Aus sprachgeschichtlicher Sicht wurde die "Ur-katastrophe" des 20. Jahrhunderts allerdings noch nicht in den Blick genommen. Dabei ist das Thema sehr ergiebig, wie Matthias Heines Buch "Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland" zeigt.

Ein Sprachkrieg

Denn der Erste Weltkrieg war buchstäblich auch ein Sprachkrieg. Deutsch galt bald als Hunnenidiom, als Sprache der Pickelhaube. In vielen Regionen der Welt störte man sich plötzlich an deutsch klingenden Ortsnamen. In Ontario, Kanada, wurde die Stadt Berlin, in der zum großen Teil deutsche Migranten lebten, gegen deren Willen 1916 auf den Namen Kitchener umgetauft – nach dem britischen Feldmarschall und Kolonialkrieger Herbert Kitchener.

Der Prestigeverlust zeichnet sich in den Zahlen der Schüler ab, die in den Vereinigten Staaten Deutsch lernten. 1915 waren es noch 25 Prozent; nach dem Ersten Weltkrieg war Deutsch praktisch aus dem Schulalltag verschwunden. Die Sprache wurde aus dem öffentlichen Raum und den Medien verbannt, deutsche Bücher aus Bibliotheken entfernt. Und weil der amerikanische Sauerkraut-Verkauf einbrach, wurde das germanische Kohlgemüse vorübergehend in Liberty Cabbage umbenannt.

Auch die deutsche Sprache verlor den Ersten Weltkrieg

Dass auch das Wurstbrötchen fortan nicht mehr "Frankfurter", sondern "Hot Dog" hieß, mag man als komische Marginalie des Sprachkriegs werten. Heine stellt aber auch gravierende Umbrüche dar – etwa, wie Deutsch die im 19. Jahrhundert gewonnene Position als führende Wissenschaftssprache einbüßte. Nach dem Ersten Weltkrieg organisierten vor allem britische und französische Forschungsnetzwerke einen Boykott gegen deutsche Wissenschaftler. Diese gezielte Exklusion war allerdings nur einer unter mehreren Gründen für den Bedeutungsschwund.

In Europa wurde die deutsche Sprache zum Vehikel der Symbolpolitik und des in vielen Regionen aufflammenden Nationalitätenstreits. Nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den ethnisch gemischten Gebieten Osteuropas (dem polnischen Raum vor allem) die Germanisierung vorangetrieben worden war, setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg die umgekehrte Tendenz durch: Nun wurden in den neu gegründeten Nationalstaaten die Deutschen zu schikanierten Minderheiten, deren Sprachpflege eingeschränkt und behindert wurde.

Panorama des Umbruchs

Matthias Heine gelingt es, viele Sprach-Geschichten zu einem überzeugenden Panorama des Umbruchs zu verbinden. Das längste Kapitel widmet er der Sprachpolitik in den deutschen Kolonien, darunter Nordost-Neuguinea, das damalige Kaiser-Wilhelmsland. Der koloniale Deutschunterricht hatte Befürworter und Gegner – während erstere die deutsche Sprache in der Welt verbreiten wollten, befürchteten letztere, dass die einheimische Bevölkerung durch das Lesen deutscher Zeitungen und das Belauschen von Gesprächen an Informationen gelangen würden, die sie für Verschwörungen nutzen konnten.

In Neupommern, der größten Insel des westpazifischen Bismarck-Archipels, entstand eine Variante des Deutschen, die sich das "Kaputtene Deutsch" oder "Unserdeutsch" nannte. Heute beherrschen sie noch etwa hundert Menschen in Rabaul, die in jüngster Zeit viel Besuch von Sprachwissenschaftlern bekommen haben. Anrührend wirkt diese aussterbende Sprache, die vor 1914 von Schülern einer Missionsschule eigenständig entwickelt wurde.

"Unserdeutsch" ist die einzige existierende deutsche Kreolsprache. Hätte der Erste Weltkrieg nicht stattgefunden, würde es heute womöglich eine Vielfalt deutscher Kreol-Sprachen geben. Und es wäre cool, Hip-Hop aus Kaiser-Wilhelmsland zu hören…   

Matthias Heine: "Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland. Wie der Erste Weltkrieg die deutsche Sprache für immer veränderte."
Hoffmann und Campe, Hamburg 2018
224 Seite, 16 Euro

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