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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.01.2015

Matthias ClaudiusStreit um Ursprung von "Der Mond ist aufgegangen"

Von Leonore Lötsch

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(picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
"Der Mond ist aufgegangen" ist eines der am meisten abgedruckten deutschen Lieder. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Reinfeld, Emkendorf und Darmstadt - alle drei beanspruchen für sich, dass Matthias Claudius sein berühmtes Abendlied dort schrieb. Doch wahrscheinlicher ist ein anderer Entstehungsort in Norddeutschland.

Der Norden gibt sich siegessicher. Schließlich ist dieser Matthias Claudius ein Nordlicht. Im holsteinischen Reinfeld bei Hamburg als Pastorensohn geboren.

"Sein Geburtsort hat für sich in Anspruch genommen, dass das Abendlied zwar dort nicht entstanden sein kann, aber dass Claudius mit Sicherheit an die Wiesen  seiner Jugendzeit gedacht hat, als er das Abendlied schrieb."

Erzählt der Literaturwissenschaftler und Claudiusexperte Reinhard Görisch und streicht damit gleich einmal Reinfeld von der Liste der fraglichen Orte.

Emkendorf hat bessere Karten. Das Gut in Schleswig-Holstein, das damit wirbt, ein Hof der Geschichte, Kunst und Kultur zu sein, kann wahrheitsgemäß behaupten: Matthias Claudius war hier. Im romantischen Landschaftspark philosophierte der Dichter mit Klopstock, Lavater und Voß im Emkendorfer Kreis. Und Reinhard Görisch ist der Spielverderber:

"Emkendorf ist am unglücklichsten dran. Der Park ist so, dass man sich das gut vorstellen könnte. Aber: Das Abendlied ist im Herbst 1778 erschienen im Voßschen Musenalmanach für das Jahr 1779. Nach Emkendorf ist Claudius aber frühestens in den mittleren bis späten 1780er-Jahren gekommen."

Darmstadt würde zumindest zeitlich passen

Dann nämlich, als das Grafenehepaar Reventlow das Schloss Emkendorf zu einem klassizistischen Herrenhaus umbauen ließ.

"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen." Dieses geflügelte Wort stammt auch von Matthias Claudius, und kaum einer weiß es. Die Reise des Dichters nach Darmstadt im Jahr 1776 lässt die Hessen jubeln: Zeitlich passt es. Dort am Schnampelweg, am Waldesrand mit dahinplätscherndem Darmbach, mit Bank, Widmung und Claudiuseiche sind die sieben Strophen des Abendliedes entstanden. Könnten sie, sagt Reinhard Görisch, könnten:

"Als er aus Darmstadt zurückkehrte, hat er, um seine Finanzen aufzubessern, rasch den dritten Teil seiner sämtlichen Werke zusammengestellt und hat in der Ankündigung mehr Umfang versprochen, als er dann tatsächlich liefern konnte. Hätte er das Abendlied aus Darmstadt im Gepäck gehabt, dann hätte er es mit Sicherheit in diesen Band noch reingebracht."

So entschwindet auch dieser lokale Literaturmythos wie im weißen Nebel. "Der Mond ist aufgegangen" ist eines der am meisten abgedruckten deutschen Lieder. Und kommt eben doch aus dem Norden, sagt der Claudiuskenner.

"Und so ist es relativ wahrscheinlich, dass Claudius das Abendlied in Wandsbek verfasst hat, wo natürlich auch der Wald schwarz steht, übrigens auch in Marburg, wo ich herkomme. Er war glücklich, nachdem er wieder aus Darmstadt weg war."

Forscher: Claudius braucht Natur nicht, um Verse zu schreiben 

Das Wohnhaus von Claudius steht nicht mehr, und auch die Hamburger Heimatforscher haben keine anderen Argumente als die Emkendorfer oder die Darmstädter: Der Wald! Der Nebel! Und: Die Wiesen!

"Man würde Claudius total unterschätzen, wenn man sich vorstellen wollte, er hätte sich sozusagen auf ne Bank vor seinem Haus gesetzt, hätte Block und Bleistift in die Hand genommen, zum Himmel geguckt und dann geschrieben: Ah, der Mond ist aufgegangen und jetzt prangen auch die goldenen...Er bedurfte nicht dieser quasi naturalistischen Anschauung, um seine Verse zu schreiben. Und insofern ist die Konkurrenz der Entstehungsort eigentlich Quatsch."

Mehr zum Thema:

Matthias Claudius - "Man ist nur einmal in der Welt"
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 21.01.2015)

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