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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 11.11.2019

Mathias Greffrath über Diskussionskultur an Universitäten"Lasst doch mal ein bisschen Krach zu"

Moderation: Korbinian Frenzel

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Christian Lindner steht vor einer Menschenmenge und redet, hinter ihm die Universität Hamburg. (Picture Alliance / dpa / Axel Heimken)
Darf nicht rein, spricht also davor: Christian Lindner (FDP) an der Uni Hamburg. (Picture Alliance / dpa / Axel Heimken)

Universitäten sollten Orte der Debatten und des lauten Streits sein. Doch gerade diese Qualität ist ihnen in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen, findet Journalist Mathias Greffrath. Das zeige sich aktuell an der Universität Hamburg.

Die Universität Hamburg hat ein paar Regeln. Eine davon: Politikerauftritte sind in ihren Räumen grundsätzlich nicht gestattet. Das gilt auch für den FDP-Politiker Christian Lindner, der auf Einladung der Jungen Liberalen in der Studierendenschaft einen Vortrag halten sollte – und nun außerhalb des Gebäudes sprechen musste. Ende Oktober erst war die Uni in den Schlagzeilen, weil Studierende aus Protest die Vorlesung von Ex-AfD-Chef Bernd Lucke, jetzt wieder ordentlicher Professor in Hamburg, blockierten.

Frage an den Journalisten und Alt-68er Mathias Greffrath: Applaus oder Tadel dafür? "Tadel für die Protestierenden, die jemanden nicht zu Wort kommen lassen – ganz egal, ob er AfD, Linkspartei oder sonstwas ist – echte Faschisten würde ich jetzt mal ausnehmen. Tadel für die Universität, die nicht so selbstbewusst ist, dass sie sowas zulässt. Und dafür, dass sie diese politischen Aktivitäten der Studierenden – es geht darum, Raum auf dem Campus zur Verfügung zu stellen – nicht zulässt", sagt Greffrath.

Unis halten Streit und Reibung nicht mehr aus

Er fühle sich an seine eigene Studierendenzeit erinnert – 1966/1967, als die Leitung der Freien Universität Berlin den linken Publizisten Erich Kuby nicht im Audimax reden lassen wollte. "Lasst doch mal ein bisschen Krach zu", ist Greffraths Empfehlung an die Unis heute. Die Fähigkeit, Streit und Reibung zu ertragen, fehle den Hochschulen.

Überhaupt sind für sein Empfinden in den letzten Jahren, speziell seit Einführung der Bachelorstudiengänge mit ihren durchgetakteten, auf schnelles Studieren ausgerichteten Stundenplänen, einige Tugenden der Hochschule auf der Strecke geblieben. "Man lernt an Universitäten nicht mehr das Nachdenken, sondern man muss relativ zielgerichtet, zumindest in der ersten Abteilung, beim Bachelor, die Sache durchziehen."

Wo sind die lauten Stimmen der Professoren

Vor allem aber vermisse er "die Stimme der Universitäten in Bezug auf die großen Probleme dieser Gesellschaft – ob das jetzt das Rentensystem ist oder ob das jetzt der Klimawandel ist, ob das die Migration ist oder ob das die Zukunft der Arbeit ist."

Der Journalist und Schriftsteller Mathias Greffrath im Porträt (picture alliance/Horst Galuschka/dpa)Die Uni Hamburg hätte sich mehr trauen sollen, meint Mathias Greffrath. (picture alliance/Horst Galuschka/dpa)

Früher hätten Universitätsintellektuelle – Professoren – beispielsweise in der Atomfrage, sehr viel lauter in den öffentlichen Raum hineingewirkt. Damals seien aus solchen Diskussionen heraus ganze Institute neu entstanden. "Und die Universitäten haben aus sich selbst heraus Menschen produziert, die der gesamten Auseinandersetzung neue Qualität gegeben haben."

Greffrath weiter: Selbst bei der Klimafrage "musste erst ein kleines Mädchen aus Schweden kommen und die Schüler auf die Straßen bringen". Dann erst sei das Thema auch von anderen stärker aufgegriffen worden. In dieser Hinsicht seien die Universitäten "sehr arm geworden". (mkn)

Mathias Greffrath ist Schriftsteller und Journalist. Anfang der 90er Jahre leitete er die Zeitschrift "Wochenpost" in Berlin. Seither schreibt Greffrath als freier Journalist unter anderem für "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung" und die deutsche Ausgabe von "Le Monde diplomatique". Greffrath ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und im PEN-Zentrum Deutschland.

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