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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2013

Mathe und Pizza für alle

Die Berliner Fläming-Grundschule ist die älteste Inklusionsschule Deutschlands

Von Claudia van Laak

Pflastermalerei zum Thema Inklusion (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)
Pflastermalerei zum Thema Inklusion (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)

Seit fast 40 Jahren werden in der Fläming-Grundschule Behinderte und Nicht-Behinderte gemeinsam unterrichtet. Es gibt Einzelunterricht, Extraräume und pädagogische Begleitung - ein Erfolgsmodell der Inklusion, die derzeit auf dem Stundenplan der Kultusminister steht.

"Einen schönen guten Morgen!"
"Guten Morgen Herr Kollwig, Frau Hartmann, Frau Liebert."

Mittwochmorgen 8 Uhr in der Fläming-Grundschule. Die Kinder sind zur Begrüßung aufgestanden, der Klassenlehrer und die zwei Pädagoginnen stehen vorn an der Tafel. Nach der gemeinsamen Begrüßung wird die Klasse zunächst geteilt.

Pädagogin: "Wollt ihr schon verraten, was heute gemacht wird?"
Kind: "Nein."
Pädagogin: "Gut. Also…"
Kind: "Pizza."
Pädagogin: "Genau, Pizza."

Lebenskundlicher Unterricht heißt das – für die drei Behinderten. Für die anderen 14 Kinder steht Mathe auf dem Stundenplan, bei Klassenlehrer Michael Kollwig. Er macht keinen Frontalunterricht. Sein Prinzip: Die Schüler sollen voneinander lernen und sich gegenseitig helfen, ob mit oder ohne Behinderung:

Kind 1: "Woher weiß man, dass man 30 Grad in dem Winkel hat? Wie macht man das?"
Kind 2: "Ich weiß, wie man‘s macht."
Lehrer: "Dann fragt mal Tim erst mal."

Während der größere Teil der 6d sich mit Zirkel, Geodreieck und Bleistift herumschlägt, schreiben die drei geistig behinderten Kinder mit ihren Betreuerinnen einen Einkaufszettel, gehen in den Supermarkt und anschließend in die Lehrküche.

Kind: "Ich mach Pizza. Wir essen aber Thunfisch, Pizza Salami, Pizza Salami."

Später werden die drei stolz ihren Mitschülern die Pizza servieren und alle essen gemeinsam. So einfach ist Inklusion, sagt Schulleiterin Rita Schaffrinna. In der Berliner Fläming-Grundschule werden seit fast 40 Jahren Behinderte und Nicht-Behinderte gemeinsam unterrichtet – sie ist die erste Inklusionsschule Deutschlands. Jedes zehnte Kind erhält eine besondere Förderung.

Rita Schaffrinna: "Bei uns ist es so, in unserem Einzugsgebiet wohnen eben verschiedene Kinder und so wie diese Kinder zu uns an die Schule kommen, haben sie hier die Möglichkeit auf jeden Fall auch bei uns auch beschult zu werden. Das heißt, wir schicken die Kinder nicht weg."

Die Fläming-Grundschule ist räumlich und personell auf die Kinder mit besonderem Förderbedarf eingerichtet. Aufzüge und Rampen machen die Schule barrierefrei. In Extraräumen geben Lehrerinnen Einzelunterricht. Auf den breiten Fluren sitzen kleine Gruppen von Schülern, erarbeiten gemeinsam ihr Aufgaben.

"Man muss natürlich für eine ganze Schule das ordentlich planen. Das ist eine sehr aufwändige Angelegenheit, aber es lohnt sich."

… sagt Schulleiterin Rita Schaffrinna. Sie ist der festen Überzeugung, dass dieses Schulkonzept allen nutzt. Behinderte werden nicht aussortiert, Nicht-Behinderte lernen, mit dem Unvollkommenen umzugehen.

Mädchen: "Luca ist manchmal ziemlich anstrengend und er spuckt auch manchmal rum. Also, das ist wirklich manchmal störend. Aber er kann auch sehr nett sein."
Junge 1: "Man braucht Geduld auf jeden Fall, und muss das halt noch mal neu angehen, wenn die das nicht schaffen."
Junge 2: "Zum Beispiel, wenn wir Arbeiten schreiben, und dann kommen die reinspaziert, das nervt manchmal. Aber ich finde, das ist einfach zur Selbstverständlichkeit geworden, dass sie mit zur Klasse gehören."

"Den Leuten verklickern, dass man Behinderte nicht ärgert"

Die 6d sitzt im Stuhlkreis. Schulleiterin Rita Schaffrinna möchte von ihnen wissen, was sie mitnehmen aus der gemeinsamen Schulzeit mit den behinderten Kindern, jetzt, wo sie in Kürze auf das Gymnasium wechseln oder auf die Sekundarschule.

Junge 2: "Da finde ich, dass das schon ziemlich praktisch war, dass man in der Grundschule in der Integrationsklasse war, weil es einem dann auch, glaube ich, hilft im späteren Leben das zu verstehen, einfach."
Mädchen: "Also, ich denke auch, dass es im späteren Leben einfacher wird, mit Behinderten umzugehen, weil man ja auch sehr viel Zeit mit denen schon verbracht hatte. Also, die andere Seite ist ein bisschen schwer, ist auch, den anderen Leuten das zu verklickern, dass man einfach Behinderte so nicht ärgert."

Inklusion steht derzeit auf dem Stundenplan aller Länder-Kultusminister, die entsprechende UN-Behindertenrechtskonvention muss umgesetzt werden. Von der Fläming-Grundschule kann die Politik lernen: Alle gemeinsam unterrichten funktioniert nur, wenn erstens genügend Räume zur Verfügung stehen und zweitens genügend Fachpersonal. Und das kostet Geld.

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