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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.03.2019

Masha Gessen auf der Leipziger BuchmesseDer ausgeträumte Traum von einem liberalen Russland

Bastian Brandau im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Die russisch-amerikanische Publizistin Masha Gessen (dpa / picture alliance / DPR)
Die russisch-amerikanische Publizistin Masha Gessen (dpa / picture alliance / DPR)

Zu Beginn der Leipziger Buchmesse hat die Publizistin Masha Gessen den Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. In ihrer Dankesrede sprach sie über Russland, Demokratie und Totalitarismus − und warum ihre politischen Träume nicht wahr wurden.

Sigrid Brinkmann: In Leipzig ist am Abend die Buchmesse mit einem Festakt eröffnet worden. Das, was die große Politik umtreibt – die Fragestellungen Europas und die Erwartungen an den Kontinent, das Aushöhlen von Institutionen und das Einschränken von Bürgerrechten – findet auf Podien und in Büchern ganz klar ein Echo.

Wenig tröstlich ist auch der Befund, den die russisch-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin Masha Gessen in ihrem Buch "Die Zukunft ist Geschichte" erhält. Masha Gessen ist beim Festakt im Gewandhaus mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet worden, und diese Ehre hat Gewicht.

Bastian Brandau, unser Landeskorrespondent in Sachsen, hat die Feier verfolgt. Herr Brandau, was für einen Ton hat Gessen in ihrer Dankesrede angeschlagen?

Bastian Brandau: Sie hat zunächst einmal gesagt, wie dankbar sie sei, dass sie diesen Preis bekomme, aber vor allem, dass sie gelesen und rezipiert werde. Sie hat gesagt, dieses Buch zu schreiben, das sei persönlicher und schmerzhafter gewesen als die meisten ihrer anderen Projekte. Das hat sie so gesagt, und das hat natürlich mit ihrer Vita zu tun.

Noch mal zur Erinnerung: Masha Gessen ist ja als Kind jüdischer Eltern 1967 in der Sowjetunion geboren, ging dann Anfang der 80er-Jahre in die USA und kam dann Anfang der 90er-Jahre zurück nach Russland.

Masha Gessen bei ihrer Dankesrede zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung im Gewandhaus (Leipziger Buchmesse/Stefan Hoyer/PUNCTUM)Masha Gessen bei ihrer Dankesrede zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung im Gewandhaus (Leipziger Buchmesse/Stefan Hoyer/PUNCTUM)

Masha Gessen: I wanted to write a book about why my dreams hadn’t come true. In 1991 I was a very young American journalist on assignment in the Soviet Union, a country that I had left with my parents ten years earlier. My dream then was the dream of the Russian Intelligenzija and also the assumption of Western journalists. I dreamed and assumed that Russia was going to become a liberal democracy. (Dankesrede von Masha Gessen in deutscher Sprache als PDF hier)

Brandau: Also ein Buch darüber, warum ihre Träume nicht wahr geworden sind, als sie in den 90er-Jahren wieder nach Russland zurückgekommen ist in dieses neue Russland, sie als Teil der russischen Intelligenzija und auch als amerikanische Journalistin, die sie ja war, und der Traum, dass Russland eine liberale Demokratie werden würde, was, wie wir alle wissen, sich nicht erfüllt hat. Das ist also die Geschichte in ihrem Buch "Die Zukunft ist Geschichte: Wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor".

Ja, und die Geschichte von Masha Gessen geht auch auf persönlicher Ebene weiter. Diese Hoffnungen, die hatten sich zerschlagen, und Gessen hat 2013 ihre damalige Wahlheimat Russland verlassen wegen eines neuen schwulenfeindlichen Gesetzes und persönlicher Anfeindungen. Sie ist homosexuell und hat drei Kinder, und jetzt lebt sie wieder in den USA und beschäftigt sich von dort aus mit ihrer russischen doch irgendwie Heimat.

Der fatale Zirkel autokratischer Herrschaft

Gessen: Can we tell stories about the future, can we make it imaginable, can we dream up appealing versions of it, can we, in other words, make it so that the future is the future rather than history?

Brandau: Können wir Geschichten über die Zukunft schreiben, können wir das vorstellbar machen, können wir träumen von der Zukunft als Zukunft und nicht als Geschichte? Das wünscht sich Masha Gessen, das sagte sie heute am Ende ihrer Rede.

Illustration des Messegeländes in Leipzig mit fliegenden Büchern, die auf das Messegebäude zufliegen. Darauf steht der Text: Leipziger Buchmesse. Die besten Bücher des Frühlings. © Foto: Bianca Schaalburg

Brinkmann: Die Laudatio auf Masha Gessen hat der Historiker Gerd Koenen gehalten. Was schätzt er denn an ihrem Blick und ihrer Weise über den Zerfall, über die russische Gesellschaft im Umbruch zu schreiben?

Brandau: Etwas, was Masha Gessen ausmache, das sei diese Verbindung zwischen politischer Analyse und ihrem Leben. Das ist etwas Besonderes an ihrem Werk. Er beschreibt das Ganze als ein nicht optimistisches Buch, aber genau dadurch diene es der Verständigung, die ja auch im Buchpreisnamen steckt, dieser faktografische Roman, zu dem ja diese vier Personen gehören, die alle um das Jahr 1984 geboren und als junge Menschen in diese Umbruchzeit reinkommen, die Verbindung oder die Bedeutung der Psychologie und Soziologie in diesem Land, dem die Geschichte gefehlt hat oder nach wie vor fehlt, diese 70 Jahre seit der Novemberrevolution im Prinzip, so hat das Gerd Koenen heute begründet.

Gerd Koenen: "Masha Gessens Buch hilft uns, besser zu verstehen, warum dieses Land mit seiner großartigen Kunst und Kultur, seinen ungeheuer begabten Menschen, seinen unerschöpflichen Ressourcen und unerschlossenen Räumen erneut in jenen fatalen Zirkel autokratischer Herrschaft und imperialer Überspannung einzuschwenken beginnt, der schon in zaristischen wie in sowjetischen Zeiten von Europa weit fortgetrieben hat." (Laudatio von Gerd Koenen als PDF hier)

Ein sehr politischer Eröffnungsabend

Brinkmann: Die Reden von Masha Gessen und ihrem Laudator Gerd Koenen sind eingebettet gewesen in sicherlich viele andere noch. Waren die auch alle so politisch?

Brandau: Also das war wirklich ein sehr politischer Abend hier in Leipzig. Fast alle Rednerinnen und Redner haben das, so wie Gerd Koenen vielleicht auch schon, deutlich zum Ausdruck gebracht, vor allem auch, um wie viel es heute im Moment hier eigentlich geht. Zum Beispiel brachte der Oberbürgermeister von Leipzig, Burkhard Jung, die Gedenkfeiern in Chemnitz für einen Neonazi im Stadion, die Gewalt der Gelbwesten in Frankreich, den drohenden Brexit, das alles zusammen mit Blick auf die Wahlen, die wir hier in Ostdeutschland haben im Spätsommer, das sagte der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung, er war da sehr eindeutig.

Auch der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, der forderte die Besucher dazu auf, für ein solidarisches Europa und die Werte, die es verkörpere, einzutreten:

Heinrich Riethmüller: "Angesichts des Auseinanderdriftens innerhalb der EU und des Erstarkens politisch-nationalistischer Kräfte überall auf dem Kontinent müssen wir uns jetzt alle die Frage stellen, in welchem Europa möchten wir leben, in einem Europa der Solidarität, der Freiheit und Vielfalt oder in einem Europa der Abschottung, der Gleichförmigkeit und Eigenbrödelei. Wir sind alle aufgefordert, mit zu entscheiden und mitzureden, als Bürgerinnen und Bürger, aber auch als Vertreterinnen und Vertreter einer Branche, die die Werte und Errungenschaften eines vereinten Europas nicht nur teilt und genießt, sondern aktiv mitgestaltet und vorantreibt."

Brandau: Und ähnliche Töne gab es auch von Kulturstaatsministerin Monika Grütters und den anderen Rednern hier heute Abend. Dann ging es aber auch zum Beispiel um branchenspezifische Themen wie die debattierte Urheberrechtsreform, aber auch sehr branchenspezifisch um die Insolvenz des Zwischenhändlers Koch, Neff & Volckmar und die Bedeutung für die Branche, das wurde heute Abend hier als Schock bezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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