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Studio 9 | Beitrag vom 28.02.2017

Marsch nach Aleppo"Grüß mir meine Stadt"

Von Carolin Pirich

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Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler (r.) von der SPÖ organisierte für die Teilnehmer des Friedensmarsches eine Schlafstätte und ein Abendessen. (Carolin Pirich)
Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler (r.) von der SPÖ organisierte für die Teilnehmer des Friedensmarsches eine Schlafstätte und ein Abendessen. (Carolin Pirich)

Zu Fuß von Berlin nach Syrien: Der "Marsch für Aleppo" ist eine Demonstration für den Frieden. Nach knapp 650 Kilometern und 46 Tagen ist sie im österreichischen Traiskirchen angekommen. Dort empfängt sie der sozialistische Bürgermeister Andreas Babler mit offenen Armen.

Nach acht Stunden erreicht der "Marsch für Aleppo" Traiskirchen von Norden. Minus 2 Grad, Nebel, die nah gelegenen Weinberge sind nur zu erahnen. Mohannad ist um fünf Uhr aufgestanden, um für einen Tag von Wien aus mitzulaufen. Im Sommer 2015 ist er schon hier angekommen. Auch zu Fuß, aber von Süden, 3000 Kilometer in 40 Tagen.

"40 Tage auch. 3000 Kilometer. Aber mit Smugglers. Von der Türkei nach Österreich. Ich habe circa 5000 bis 6000 Euro bezahlt, bis ich hier gekommen bin."

Das war zu der Zeit, als 71 Menschen in einem Transporter an der österreichisch-ungarischen Grenze tot aufgefunden wurden. Als Amnesty International die Lage im Lager in Traiskirchen als untragbar bezeichnete. Als das Foto des kleinen Jungen am Strand von Bodrum um die Welt ging. Als Kanzlerin Merkel ihren Satz in die Welt schickte: "Wir schaffen das."

Erinnerungen an die Zeit im Auffanglager

Zu der Zeit kam Mohannad im Erstauffanglager in Traiskirchen an. 40 Tage hat er dort verbracht:

"Wenn Sie alleine sind und das Gefühl, dass die Leute aus dem Krieg gekommen sind, das war wirklich schlecht. Und ich denke über meine Heimat jeden Tag nach, über meine Brüder. Ich habe zwei Brüder, aber es war gut, besser als nicht."

Mohannad trägt Halbschuhe und eine Winterjacke, die Kapuze über den Kopf gezogen. Sein Atem bildet kleine Wolken, als er von seiner Flucht erzählt:

"Mazedonien war das schlechte Land in dieser Welt. Sie haben die Flüchtlinge beschossen mit dem weinenden Gas, Tränengas. Go out, go back, das zu hören jeden Tag, das Gefühl war schlecht für die Flüchtlinge."

Mohannad ist beinahe so groß wie ein Profi-Baketballer. Die dunklen Augen liegen in Schatten, auf seinem Gesicht wächst ein Bartflaum. Vor seiner Flucht aus Damaskus hat Mohannad gerade Abitur gemacht. Wäre er in Syrien geblieben, hätte ihn die Armee eingezogen. Wenn er Soldat geworden wäre, sagt er, wäre er heute wahrscheinlich tot.

Das nächste Etappenziel ist erreicht

Mohannad und die Märschler haben das nächste Etappenziel erreicht, sie versammeln sich im "Garten der Begegnung". Von hier aus sieht man die Mauer, die das Erstauffang-Lager eingrenzt. Derzeit leben dort etwa 800 Menschen. Im "Garten der Begegnung" sollen bei Kartoffelzucht und Apfelernte Traiskirchener und Geflüchtete, ins Gespräch kommen können. Jetzt allerdings ruhen die jungen Bäume im Frost, die Erde ist gefroren. In Plastikbechern dampft Tee, als der Bürgermeister die Märschler begrüßt.

Die kleine Stadt in Niederösterreich hat eine lange Tradition mit Flüchtenden. 1956 flohen Menschen während des ungarischen Volksaufstands, 1968 flohen sie vor dem Prager Frühling, in den 90ern vor dem Bosnienkrieg. In den letzten Jahren kamen vor allem Syrer, Afghanen und Iraker.

Promistatus als "Flüchtlingsbürgermeister"

Andreas Babler, der Bürgermeister, Parteibuch von der SPÖ, hat mittlerweile eine Art Promistatus als "Flüchtlingsbürgermeister", einer, der sich für die Verbesserung der Zustände in Camps einsetzt. Für ihn war es keine Frage, für die derzeit 45 Friedensläufer eine Schlafstätte und ein Abendessen zu organisieren:

"Ich glaube, er ist gut, weil wir in der Symptombekämpfung am letzten Zipfel angekommen sind: Sicherheitslogik und Polizeidenken. "

Andreas Babler ist Sozialist. Er spricht vom Welthandel, davon, dass man Flüchtlingsursachen bekämpfen sollte, nicht nur die Symptome. Er, der Politiker, lobt, dass sich der Marsch für Aleppo nicht politisch positionieren will - das würde die Friedensbewegung zerreiben zwischen den unterschiedlichen Interessen:

"Es zeigt, wer in Europas friedensbewegt denkt, und der Friede ist das wichtigste, sollte das wichtigste sein einer Bewegung in einem humanistischen und aufgeklärten Europa. Dass das Bomben und Morden aufhört. Und dass die Breite der Bewegung gut ist, dass man nicht politisiert hier."

Vorwurf der Naivität

Aber genau das hören die Märschler oft als Vorwurf: Sie seien unpolitisch - und ihr Gang durch Europa naiv und wirkungslos.

Grüß mir meine Stadt, sagt Zaid, ein Freund Mohannads, leise. Die zehn jungen Männer aus Syrien, die sich für einen Tag dem Marsch für Aleppo angeschlossen haben, verabschieden sich. Der "Marsch für Aleppo" schwenkt am nächsten Tag auf die Balkanroute ein. Mohannad und die anderen Syrer gehen zurück zu ihren Familien, zurück nach Wien.

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