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Zeitfragen | Beitrag vom 22.09.2020

Marokkos ehrgeizige EnergiepolitikMit der Sonne in die Zukunft

Von Stefan Ehlert

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Blick auf Parabolspiegel des ersten 160-MW-Teilabschnitts des Noor-Solarkomplex in Ouarzazate (Marokko), aufgenommen am 11.11.2016. (picture alliance / dpa / Hans-Jürgen Staudt)
Ouarzazate in Marroko: Ein noch größeres Solarkraftwerk ist aktuell im Mittleren Atlas in der Bauvorbereitung. (picture alliance / dpa / Hans-Jürgen Staudt)

Weg von Kohle, Öl, Gas: In zehn Jahren soll schon mehr als die Hälfte des Stroms in Marokko aus Wind, Wasser und Sonne gewonnen werden – auch dank des größten Solarkraftwerks der Welt, das gerade in den Bergen der Provinz Midelt entsteht.

Wunderbar sei der Flug gewesen, schwärmt Pilot Bertrand Piccard, als er mitten in der Nacht aus dem Cockpit seiner Solar Impulse steigt. Gerade eben – im Juni 2012 - hat er den ersten Interkontinentalflug eines rein solarbetriebenen Flugzeugs absolviert – 20 Stunden von Madrid in Spanien bis Rabat in Marokko.

"Wissen Sie, der schönste Moment, das war natürlich Gibraltar, von einem Kontinent bis zum anderen Kontinent", sagt er.

Die Erfolgsgeschichte der Solarenergie in Marokko ist gespickt mit solchen Momenten, die den Menschen im Land die Technologie näherbringen sollen.

Piccard, das gibt er offen zu, ist auf Werbetour für die klimaneutrale Kraft der Sonne: "Für Wagen, für Häuser, Heizungen, Kühlsysteme, Beleuchtung. Die Technologien existieren schon, aber was wir jetzt brauchen, sind Visionen in den Regierungen."

Ein König mit einer Energievision

Die Vision einer Energiewende verfolgt das Königreich Marokko zu dem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren ganz konkret. König Mohammed VI. persönlich hat 2009 den Auftrag zur Dekarbonisierung des Energiesektors erteilt. Auf die multinationale Unternehmenskooperative namens Desertec wollte er nicht warten.

Der heutige Staatschef war schon als Prinz 1992 beim großen Nachhaltigkeitsgipfel in Rio dabei. Seine Umweltstiftung ist heute die größte des Landes. Unbestreitbar ist es auch ein Verdienst des Monarchen, dass Marokko heute als absoluter Pionier in Afrika gilt, wenn es um die Einführung des grünen Stroms geht - aus Sonne, Wind und Wasser.

Stromimporte sollen bald Geschichte sein

In diesem Jahr sollte die 40-Prozent-Marke geknackt werden, schon in zehn Jahren sollen mehr als 50 Prozent der Energie klimaneutral entstehen und vor allem ohne teure Importe. Derzeit ist Marokko noch auf Stromimporte aus Spanien angewiesen. Das soll schon bald Vergangenheit sein.

Dazu könnte aber auch der Bau neuer Kohlekraftwerke beitragen haben: Deren Pläne stammen noch aus dem fossilen Zeitalter in Marokko, und möglicherweise gehen auch nicht alle mehr ans Netz. Denn jetzt gibt es ja Ouarzazate, das lange Zeit größte Solarkraftwerk der Welt im Süden des Landes.

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Dieses Kraftwerk allein kann mehr als eine Million Menschen mit Strom versorgen, erklärt Mustapha Bakkouri, Chef der MASEN, der marokkanischen Agentur für nachhaltige Energie:

"Wir tun alles dafür, dass dieses erste Projekt ein voller Erfolg wird. Es ist ein Projekt, das Qualität hat, was die Technologie betrifft, die Umsetzung, die Finanzierung. Es geht uns um Innovation und auch um einen vernünftigen Preis für diese neue Energie."

Das größte Solarkraftwerk der Welt – zum zweiten Mal

Inzwischen ist längst ein noch viel größeres Solarkraftwerk in der Bauvorbereitung, Midelt im Mittleren Atlas. Es wird größer als 4000 Fußballfelder und mit der Leistung eines mittelgroßen Kohlekraftwerks mithalten. Die Finanzierung steht, vor allem mithilfe deutscher Entwicklungskredite.

Viele Menschen hoffen, dass diese Milliardeninvestition ihr Leben verbessern wird. Angeblich ist Marokko ja inzwischen zu nahezu 100 Prozent elektrifiziert, doch in den Bergen bei Midelt finden sich durchaus Hütten ohne Strom, die wirtschaftliche Lage vieler Menschen dort ist prekär.

Hohe Arbeitslosigkeit, wenig Entwicklungschancen – all das, so hofft Hassan Hajje, der gewählte Ratsschef einer Kommune im Bezirk Midelt, werde sich mit dem neuen Solarkraftwerk ändern. Ein enormes Projekt – mit einer großen ökonomischen Dynamik, so nennt es der Bürgermeister.

Marokko ist bekannt für teure Prestigeprojekte, die Oper von Rabat, der Schnellzug TGV, das höchste Hochhaus Afrikas. Jetzt also – zum zweiten Mal - das größte Solarkraftwerk der Welt. In der Bevölkerung gibt es durchaus Zweifel, ob diese Superlative das Land wirklich voranbringen. Auch der Strompreis ist manchen noch zu hoch, obwohl Strom subventioniert wird und die Kilowattstunde nicht mal einen Cent kostet.

Grüne Moscheen sollen die Menschen überzeugen

Auch deswegen, um die Skeptiker für sich zu gewinnen, hat sich die Regierung große Mühe gegeben, die Idee des Solarstroms in der Bevölkerung zu verankern.

Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Grünen Moscheen. Auf den Dächern Hunderter Gebetshäuser werden seit 2015 Solarpaneele installiert - um den Gläubigen das Prinzip der Solarenergie nahe zu bringen, aber auch, um Stromkosten zu sparen.

Bei 55.000 Moscheen im Land scheine das ein vernünftiges Anliegen zu sein, meint der GIZ-Energieexperte Jan-Christoph Kunze: "Ich glaube, dass dieses Projekt ein ganz wichtiger Teil der marokkanischen Energiewende ist. Dieses Vorhaben versucht auf verschiedenen Ebenen die marokkanische Bevölkerung zu sensibilisieren, und das auch über Multiplikatoren wie beispielsweise über Imame und Lehrkräfte in Koranschulen."

Und dort, wo es keinen Stromanschluss gab, ob im Hohen oder Mittleren Atlas, dort beschwert sich ohnehin niemand darüber, dass es plötzlich Licht gibt im Gebetsraum oder warmes Wasser für die vorgeschriebenen Waschungen.

Mehr und mehr Bauern im Agrarland Marokko erkennen, dass sie ihre Melonen günstiger bewässern können, wenn sie die Pumpen mit Solarstrom betreiben statt mit Diesel. Damit Installation und Wartung von marokkanischen Technikerinnen und Technikern erbracht werden können, entstehen – auch mit deutscher Hilfe – landesweit Berufsschulen für Erneuerbare Energien.

Warten auf die Einspeisevergütung

Um die Ausbildung bewerben sich Tausende, die ihre berufliche Zukunft an diese Energien koppeln wollen: Ihre eigenen Chefs wollen sie werden, Biogasanlagen bauen, Windräder warten und Solarpumpen installieren. Eine Technikerin sagt, dank der Einspeisevergütung, auf die ganz Marokko leider derzeit noch wartet, werde sich die Investition in grünen Strom lohnen. Überschüsse könnten dann verkauft und ins Netz eingespeist werden.

Übrigens lernen die jungen Leute auch das, was Marokko am dringendsten braucht auf dem Weg zur Klimaneutralität: Wie sich Energie einsparen lässt. LED-Licht, effizientere Heizung oder Kühlung, bessere Fahrzeugflotten in den Unternehmen, dazu das Isolieren der Häuser – so schafft es Marokko vielleicht noch schneller, den eigenen Bedarf zu senken und vom Importeur zum Exporteur von Energie zu werden.

Darauf setzt auch die Bundesregierung in Berlin und hat vor Kurzem ein Pilotprojekt mit Marokko angestoßen zur Herstellung von grünem Wasserstoff. In Deutschlands Wasserstoffstrategie spielt Marokko eine wichtige Rolle. Denn in Nordafrika gibt es Sonne und Wind im Überfluss, genug, um klimaneutral Wasserstoff herzustellen. Auch für die deutsche Energiewende.

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