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Fazit | Beitrag vom 09.06.2019

"Mariechen von Nimwegen" in BremerhavenWas für eine Wiederentdeckung!

Von Uwe Friedrich

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Vikrant Subramanian (Teufel) und Julia Bachmann (Mariechen) knien sich in "Mariechen in Nimwegen" auf einem Dielenboden gegenüber, Marc Vinzing (Prinzipal) steht im Hintergrund. (Manja Herrmann)
Vikrant Subramanian (Teufel), Julia Bachmann (Mariechen) und Marc Vinzing (Prinzipal) auf einem Dielenboden, der in "Mariechen in Nimwegen" als Bühne dient. (Manja Herrmann)

Eine echte Rarität am Stadttheater Bremerhaven: das Mysterienspiel "Mariechen von Nimwegen" des Komponisten Bohuslav Martinů. Als Wiederentdeckung feiert unser Kritiker diese "moralische Geschichte" rund um das naive Mariechen und den charmanten Teufel.

Das naive Mariechen hat sich auf dem Heimweg verirrt und erfleht Hilfe, von wem sie auch kommen mag. Das ist im Märchen immer gefährlich, und prompt erscheint ein rätselhafter Einäugiger, der sich im weiteren Verlauf von Bohuslav Martinůs Marienlegende "Mariechen von Nimwegen" als der Teufel erweist.

Schnell gewinnt er Macht über sie, führt sie in eine Antwerpener Taverne und Regisseur Ulrich Mokrusch lässt in seiner Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven keinen Zweifel daran, dass er sie wie ein Zuhälter behandelt. Sieben Jahre bleibt sie bei ihm, dann führt eine fahrende Schauspieltruppe ein Mysterienspiel vom Sterben des Heilands am Kreuz auf, Mariechen erkennt ihre Verfehlung und will den Teufel verlassen.

Für diese moralische Geschichte haben die Ausstatter Okarina Peter und Timo Dentler einen fliegenden Dielenboden erfunden, der heruntergelassen als Bühne für das Mysterienspiel dient, oben schwebend aber die als Decke des Antwerpener Wirtshauses bildet.

Durch die breiten Fugen zwischen den Dielen fällt das Licht wie ein Gitter, in dem die handelnden Figuren gefangen sind und gelegentlich fürchtet der Zuschauer, dass die Darstellerin des Mariechens mit ihren hochhackigen Schuhen darin hängen bleibt.

Eine lyrische Stimme und ein charmanter Teufel

Aber die mutige Einspringerin Julia Bachman hat die Inszenierung innerhalb kürzester Zeit gelernt, so dass sie sich virtuos auf den verschiedenen Ebenen bewegt. Sie spielt die Verzweiflung, die Zuversicht und die religiöse Verzückung des naiven Mädchens hinreißend, vor allem aber macht sie die Geschichte der verführten jungen Frau gesanglich glaubhaft.

Ihre klangvolle lyrische Stimme erweist sich als Glücksfall, denn sie kann große Freude und Jubel ebenso mustergültig ausdrücken wie Furcht und Verzweiflung.

Der tschechische Komponist Bohuslav Martinů (CTK Photo/dpa)Der tschechische Komponist Bohuslav Martinů ließ sich bei "Mariechen von Nimwegen" vom mittelalterlichen Mysterienspiel inspirieren. (CTK Photo/dpa)

Durch die Geschichte führt der Schauspieler Marc Vinzing, der als Erzähler die Geschichte immer wieder bricht, die Protagonistin warnt und auch dem Publikum Hinweise gibt. Wie im mittelalterlichen Mysterienspiel, von dem Bohuslav Martinů sich inspirieren ließ, lenkt er die Emotionen und Gedanken des Publikums, das sonst vielleicht auch dem Charme des Teufels in Gestalt des Baritons Vikrant Subramanian verfallen könnte. Patrizia Häusermann als Gottesmutter und Leo Yeun-Ku Chu freuen als grotesk-komische Gottesmutter und Gottessohn im eingeschobenen Passionsspiel.

Eigene Klangsprache

Mit ikonografischen Anspielungen wie dem blauen Madonnenmantel, den Mariechen gegen das rote Prostituiertenkleid und High Heels eintauscht und der überdrehten Passionsgeschichte verweisen Mokrusch und seine Ausstatter auf die alten Vorbilder des Komponisten.

Gleichzeitig bringen sie die Geschichte näher an die Gegenwart, genau wie es Martinů vorschwebte, als er Mitte der 30er-Jahre Stoffe der Volksfrömmigkeit aussuchte, um in seiner Partitur böhmische Volksmusik mit älteren Kompositionsformen und gemäßigt modernen Harmonien zu einer eigenen Klangsprache zu verbinden.

Diesen Ton der leicht angeschärften Harmonien, der folkloristischen Rhythmen, kontrastiert mit den archaisch wirkenden Chorsätzen des vorangestellten Oratoriums von den klugen und törichten Jungfrauen, in dem sie der Chor von der besten Seite zeigte, trifft auch der Dirigent Ektoras Tartanis mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven souverän.

So bleibt der einzige Wermutstropfen bei dieser rundum gelungenen Wiederentdeckung im Bremerhavener Stadttheater, dass nur zwei der vier Operneinakter auf die Bühne kamen. Gerne hätten wir auch noch "Die Geburt des Herrn" und "Schwester Pascalina" gesehen.

"Mariechen von Nimwegen"
von Bohuslav Martinů
Regie: Ulrich Mokrusch
Musikalische Leitung: Ektoras Tartanis
Ausstattung: Okarina Peter und Timo Dentler
Mit Julia Bachmann, Vikrant Subramanian, u.a.

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