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Tonart | Beitrag vom 01.03.2021

Marie Staggats Fotoband "Hush"Die brüllende Stille in den Berliner Clubs

Marie Staggat im Gespräch mit Andreas Müller

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Foto aus dem Band "Hush – Berliner Clubkultur in Zeiten der Stille": Der während der Coronapandemie leere Berliner Club Anita Berber mit orange leuchtenden Kugellampen. (Marie Staggat)
Leere Clubs gab's auch vor Corona. Doch jetzt ist unklar, wann überhaupt wieder Leute kommen dürfen, zum Beispiel ins Anita Berber in Berlin. (Marie Staggat)

Die Clubs der Hauptstadt sind wegen der Pandemie geschlossen und niemand weiß, wann sie wieder aufmachen. Für das Buch "Hush – Berliner Clubkultur in Zeiten der Stille" fotografierte Marie Staggat die leeren Orte, die eigentlich so anders aussehen.

Vor einem Jahr kam es in Berlin zu einem ersten Superspreader-Ereignis. Der Ort: ein Club. Heute heißt es, das sei die Party gewesen, die Berlin veränderte. Wenige Tage später wurden alle Clubs geschlossen. Einige machten bereits vor der amtlichen Anordnung dicht. Eine Kultur, für die Berlin weltweit geliebt wird, verstummte.

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Für ihr Buch "Hush – Berliner Clubkultur in Zeiten der Stille" besuchten die Fotografin Marie Staggat und der Journalist Timo Stein von April 2020 bis Januar 2021 mehr als 40 Berliner Elektro-Clubs, trafen dort Betreiber, DJs, Barleute, Hausmeister.

Marie Staggat hat viele Jahre in der Clubszene fotografiert. Deshalb sei es für sie nichts Neues gewesen, einen "stummen" Club zu besuchen, sagt sie. Vor der Corona-Pandemie war aber in der Regel klar, dass wieder eine Veranstaltung kommt.

Keine Atmosphäre von Clubnacht kreieren

Jetzt aber ist nicht absehbar, wann der Club wieder aufmacht. "Es ist eine sehr erdrückende Stimmung gewesen", so Staggat. "Wenn du in Räumen stehst, die die kennst, wo normalerweise ganz viele Leute zusammenkommen, um eine gute Zeit zu haben." Außerdem seien die Betreiberinnen oder Betreiber und deren Beschäftigte teilweise sehr verzweifelt gewesen.

Foto aus dem Band "Hush – Berliner Clubkultur in Zeiten der Stille": Der während der Coronapandemie leere Berliner KitKat-Club mit einem Swimmingpool und einer Schaukel darüber. (Marie Staggat)Auch hier im KitKat-Club kommen normalerweise viele Leute zusammen, um eine gute Zeit zu haben - jetzt ist es ein seltsam anmutender Ort. (Marie Staggat)

Sie habe versucht, "wirklich das einzufangen, wie es ist - also, nicht was zu inszenieren oder die Räume schöner zu gestalten". So sei ihr beispielsweise sehr wichtig gewesen, dass da das Putzlicht an ist, "dass nicht so eine Atmosphäre von Clubnacht kreiert wird". Sie wolle die Emotionen dieses jeweiligen Moments transportieren.

Barkonzept, Hygienekonzept - und dann?

Der Eindruck beim Blättern durch das Buch ist: Die Menschen auf ihren Bildern lächeln nicht. "Die Leute kämpfen um ihren Arbeitsplatz, um ihre Existenz. Viel zu lächeln gab es in der Zeit nicht", sagt Marie Staggat.

Schwarz-Weiß-Foto aus dem Band "Hush – Berliner Clubkultur in Zeiten der Stille": Ein Mann steht im Eingang eines Berliner Clubs und schaut ernst in die Kamera. (Marie Staggat)Nicht die richtige Zeit, um zu lächeln: Flo im Eingang eines Berliner Clubs (Marie Staggat)

Als besonders dramatisch habe sie empfunden, was mit der Psyche der Menschen passiert: "Das Gefühl, dass viele nicht mehr durchhalten können, und vielleicht irgendwann nicht mehr die Kraft haben, um weiterzumachen, oder sich immer wieder neu erfinden." Also immer wieder zu versuchen, sich anzupassen, ein Barkonzept zu entwickeln, ein Hygienekonzept – und am Ende gehe es doch nicht.

(abr)

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