Philosophin Margarete Susman

Denkstoff für Identitätsdebatten

29:56 Minuten
Porträt von Margarete Susman vor einem Bücherregal in Zürich 1947.
Denkerin der Differenz: Margarete Susman sah in Unterschieden kein Übel, sondern einen politischen Auftrag. © Ullstein Bild via Getty Images / Ullstein Bild Dtl.
Antje Schrupp im Gespräch mit Catherine Newmark · 02.10.2022
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Nicht Gleichheit ist entscheidend für eine gerechte Gesellschaft, sondern der faire Umgang mit Unterschieden. Diese Ansicht der Philosophin Margarete Susman sei bis heute inspirierend, meint Politologin Antje Schrupp – etwa in Debatten über Identität.
Feministin, Anarchistin und zugleich religiöse Denkerin: Die Philosophin Margarete Susman war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine eigenwillige und äußerst einflussreiche Stimme im jüdischen Denken, aber auch für den frühen Feminismus. Doch in den letzten Jahrzehnten wurde sie fast vollständig vergessen.

Fragen von Geschlecht und Identität

Dabei hätte die 1872 in Hamburg geborene Denkerin uns gerade heute viel zu sagen, etwa wenn es um Fragen von Identität oder die Bedeutung der Geschlechterdifferenz geht, davon ist die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Antje Schrupp überzeugt.
Antje Schrupp trägt einen grauen Strickpullover und steht im Freien vor einer Hecke.
Auf die Unterschiede kommt es an: Antje Schrupp entdeckt bei Margarete Susman viele Anstöße für aktuelle Debatten.© Antje Schrupp
Susman ist für Schrupp eine ausgesprochen produktive Denkerin der Differenz. Zwei zentrale Themen ihres Denkens sind die Bedeutung des Judentums für die europäische Kultur und die Rolle von Frauen in den patriarchalen bürgerlichen Gesellschaften Europas.

Stachel im Fleisch der Gesellschaft

Susman beobachtet, dass sowohl Frauen als auch Jüdinnen und Juden in der europäischen Moderne für ein gesellschaftlich "anderes" stehen. Daraus ziehe sie jedoch andere Konsequenzen als die heutige "Identitätspolitik", betont Schrupp.
Während in Identitätsdebatten gegenwärtig vor allem die Benachteiligung einzelner Gruppen skandalisiert werde, habe Susman den Akzent darauf gelegt, dass diese "anderen" eine fundamentale Funktion für die Gesellschaft haben: Sie seien der "Stachel im Fleisch" der Gesellschaft, der immer wieder daran erinnert, dass das Allgemeine nicht gleichzusetzen ist mit der Mehrheit, sondern dass sich Männer oder christliche Mehrheitsgesellschaften zu Unrecht stillschweigend "als das Allgemeine gesetzt" haben.

In der europäischen modernen Kultur, die sich auf die allgemeinen Menschenrechte als Grundlage geeinigt hat, ist es notwendig, dass wir nicht zulassen, dass sich eine partikulare Gruppe an die Stelle des Einen setzt. Damit hätten wir unsere eigenen universalistischen Aprioris untergraben und ad absurdum geführt.

Antje Schrupp, Politikwissenschaftlerin

Das Allgemeine sei für Susman als religiöse Denkerin sowieso nicht hier auf Erden zu finden, sondern nur im Göttlichen, erklärt Schrupp. Einem Universalismus, der Gleichheit als politisches Ziel verfolge, stehe die Philosophin deshalb sehr skeptisch gegenüber.

Keine staatlich garantierte Gleichheit

Und dass die Gleichheit der Menschen staatlich garantiert würde, etwa indem der Staat "nur genügend Antidiskriminierungsgesetze" erließe, ist für die Anarchistin Susman erst recht undenkbar, sagt Schrupp. Vielmehr glaube sie, "dass wir Differenzen immer brauchen, auch repräsentiert durch bestimmte Personen". Ungleichheit sei für Susman einfach eine Realität, "und sie fordert eigentlich dazu auf, mit dieser realen und notwendigen Ungleichheit menschenfreundlich und gerecht umzugehen."

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Im Gespräch erklärt Antje Schrupp außerdem, warum für Susman moralische Innerlichkeit politisch verhängnisvoll ist. Und sie betont, wie fruchtbar es für das Denken auch und gerade heute sein kann, sich Texten und Gedanken zu stellen, die erst mal fremd und aus einer anderen Zeit anmuten. Die Frage sei weniger, ob man Susman zustimme, sondern vielmehr, ob sie einen produktiv auf neue Gedanken bringe.

Zum Weiterlesen:

Elisa Klapheck: "Margarete Susman und ihr jüdischer Beitrag zur politischen Philosophie"
Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2021
408 Seiten, ca. 25 Euro

Margarete Susman: "Gesammelte Schriften"
Herausgegeben von Anke Gilleir und Barbara Hahn
Wallstein-Verlag, Göttingen 2022
5 Bände, 2900 Seiten, ca. 150 Euro
Angekündigt für den 4.11.2022

Eine der Philosophin gewidmete Webseite der Germanistin Barbara Hahn versammelt ausgewählte Aufsätze von Margarete Susman und bietet biografische Informationen.

Im Online-Forum "Beziehungsweise Weiterdenken" würdigte Antje Schrupp Susman als "Denkerin der Differenz"; hier schrieb sie über "Gesetz, Freiheit und Anarchismus" in Susmans Werk.

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