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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Margaret Atwood

Mount Pleasant Cemetery, Toronto, Kanada

Von Tobias Wenzel

Margaret Atwood auf dem Mount Pleasant Cemetery, Toronto (Tobias Wenzel)
Margaret Atwood auf dem Mount Pleasant Cemetery, Toronto (Tobias Wenzel)

Warum möchte Margaret Atwood nach ihrem Tod tiefgefroren werden? Und wieso wünscht sie anderen Menschen Kopfschmerzen?

"Ein paar Wege führen da hinein. Welchen sollen wir nehmen?"

Margaret Atwood nähert sich auf einer asphaltierten Straße einem kreisrund angelegten, gerade mal siebzig Meter breiten Waldstück und betritt es.

In diesem scattering wood auf dem Mount Pleasant Cemetery von Toronto hat Margaret Atwood die Asche ihrer Eltern verstreut. Es ist düster im dicht bewachsenen Eichenhain. Das rosafarbene Hemd und der weiße breitkrempige Sommerhut der 1939 in Ottawa geborenen Schriftstellerin leuchten hier kräftig hervor, ebenso wie das grau-weiße Pulver, das um den Stamm eines kleinen Baumes herum verstreut wurde: Dünger oder die Asche eines Verstorbenen?

"'Die Blumen sind nicht von uns."

Margaret Atwood ärgert sich über die Plastikblumen, die jemand auf einem wuchtigen Granitwürfel abgestellt hat. An den Seitenwänden des Würfels sind Metallschilder mit den Namen und Sterbedaten der Menschen angebracht, deren Asche hier verstreut wurde. Gleich in der ersten Reihe: die Namen von Margaret Atwoods Eltern. 2006 starb ihre Mutter, 1993 ihr Vater. Ein Biologe, der auf die Insekten des Waldes spezialisiert war. Deshalb lebte die gesamte Familie drei Viertel des Jahres im Wald. Seitdem ist Margaret Atwood selbst eine Kennerin der Tier- und Pflanzenwelt.

Nun hat sie im Waldstück auf dem Friedhof eine giftige Pflanze entdeckt, die bei Berührung heftige allergische Reaktionen auslöst. So führen wir das Gespräch zur Sicherheit auf einer Bank außerhalb des Streuwaldes fort. Sich wie ihre Eltern einäschern zu lassen, kommt für Margaret Atwood nicht in Frage. Aus ökologischen Gründen.

Margaret Atwood auf dem Mount Pleasant Cemetery, Toronto (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)Margaret Atwood auf dem Mount Pleasant Cemetery, Toronto (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)


"Für meinen Tod schwebt mir da eine interessante Technologie aus Schweden vor. Sie frieren den Toten ein und legen ihn auf einen vibrierenden Tisch. Dann zerspringt er in ganz viele Eissplitter. Dem Körper wird in diesem Verfahren Feuchtigkeit entzogen. Übrig bleiben kleine rosafarbene Krümel. So verhindert man den Ausstoß von Kohlendioxid. Man wird auf sehr einfache Weise kompostiert. Die Firma, die das anbietet, heißt Promessa. Klingt wie eine Gesichtscreme. Die rosafarbenen Krümel sind also, hat man die Erderwärmung im Blick, die beste Lösung. Vielleicht. Oder man macht es ganz altmodisch und gräbt einfach eine Grube."

Gut möglich, dass Margaret Atwood noch 20, 30 Jahre bleiben, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Denn die erblichen Voraussetzungen für ein langes Leben sind gut: Ihre Mutter starb erst mit 97.

"Für mein Ende will ich eine hohe Dosis Schmerzmittel! Jede Menge Schmerztabletten! Wozu leiden?! Denken Sie nicht auch so?"

Ich sei mir da nicht sicher, sage ich.

"Was machen Sie denn, wenn Sie Kopfschmerzen haben? Vielleicht haben Sie noch nie schlimme Kopfschmerzen gehabt. Ich hoffe für Sie, dass Sie einmal schlimme Kopfschmerzen bekommen. Dazu müssen Sie nämlich lange genug leben. Einige Leute fragen mich manchmal: ‚Wie ist das, älter zu werden?‘ Meine Antwort: ‚Jedenfalls besser als die Alternative.‘"

"Margaret Atwood, Mount Pleasant Cemetery, Toronto, Canada"

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