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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.11.2016

Margaret Atwood: "Die steinerne Matratze"Die komische Anarchie des Alters

Von Edelgard Abenstein

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Die kanadische Autorin Margaret Atwood  (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Margaret Atwood ist Kanadas produktivste Großschriftstellerin. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Mit Humor und voller Sarkasmus: Margaret Atwoods Erzählstil hat sogar das Adjektiv "atwoodian" hervorgebracht. In ihrem Erzählband "Die steinerne Matratze" beschreibt die kanadische Schriftstellerin schonungslos das Altwerden und Altsein – und den Verrat in der Liebe.

Mit einem Werk von über 50 Büchern - Romanen, Erzählungen, Theaterstücken, Essays - ist Margaret Atwood Kanadas produktivste Großschriftstellerin. Jahrelang galt sie als Anwärterin für den Literaturnobelpreis. Ihre Szenarien sind düster wie in ihrer wuchtigen Endzeittrilogie, aber auch leichthin geschrieben und heiter. Wie der neue Band mit neun Erzählungen.

Es geht darin um Altwerden und Altsein, um verpasste Gelegenheiten, um Betrug und Rache. Vor allem erzählt Atwood vom Verrat in der Liebe. So auch in der titelgebenden Geschichte: Die vierfache Witwe Verna, die beim Tod ihrer Männer schon mal nachgeholfen hat, begibt sich auf eine Arktisreise, nur um auszuspannen und ihr reiches Erbe zu genießen. Von der Ehe und den Männern hat sie erstmal genug.

Psychologisch grundierter Thriller

Aber als sie beim Käptn's Dinner auf den einstigen Footballstar, ihren Jugendschwarm Bob trifft, ist es vorbei mit den guten Vorsätzen. Der inzwischen verwitterte "Mister-Großkotz, ein Schrank von einem Angeber mit schiefem Jokerlächeln" geht ihr willig ins Netz. Ahnungslos, denn er erkennt in ihr nicht das Mädchen, dem er damals übel mitgespielt hat.

Generalstabsmäßig lockt die Heldin den Mann ihrer Alpträume in den Hinterhalt, das entfaltet Atwood in atemberaubendem Tempo zu einem psychologisch grundierten Thriller allererster Güte. Als hätte Patricia Highsmith dafür Patin gestanden. Doch Vergeltung üben nicht nur Frauen. Wie überhaupt Frauen nicht durchweg besser wegkommen als die Männer. Auch Männern gönnt Atwood eine späte Rache.

Jack, zum Beispiel. Um an ein bisschen Geld zu kommen, schrieb er als Student einen Splatter-Roman, einen mehrfach verfilmten Horror-Klassiker. Seither ist Irena Millionärin, des lebenslang gültigen Vertrags wegen, den sie ihm vor 50 Jahren gegen Mietschulden aus dem Kreuz leierte.

Mit Klugheit, Weitsicht und Sarkasmus

Margaret Atwood gehört zu denjenigen Autoren, die es im Englischen längst zu einem eigenen Adjektiv gebracht haben: "atwoodian", das heißt mit rabenschwarzem Humor geschrieben, mit Klugheit, Weitsicht und Sarkasmus. Einer Kunst, die sie seit jeher beherrschte. In der 'Räuberbraut' von 1995 etwa, deren Personal sie in einer Erzählung wiederauferstehen lässt. Die engelsgleiche Titelfigur von damals, die ihren Freundinnen skrupellos Männer, Geld und Selbstbewusstsein entriss, ist jetzt in die Träume verbannt. Und die Freundinnen legen mehr Wert auf die Meinung eines Neuzugangs in ihrem Trio, einem Terriermischling, als auf die der anderen.

Atwoods Geschichten sind weit entfernt von den schönfärberischen Erfolgskomödien, in denen traumhaft fitte Hundertjährige aus Fenstern steigen, um hanebüchene Abenteuer zu bestehen. Ihre Erzählungen zeigen das Alter als das, was es ist. Aber auch als einen Zustand der komischen Anarchie, in dem es nichts mehr zu verlieren gibt.

Margaret Atwood: Die steinerne Matratze
Aus dem Englischen von Monika Baark
Berlin Verlag, Berlin 2016
304 Seiten, 20 Euro

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