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Buchkritik | Beitrag vom 04.07.2018

Marco d’Eramo: "Die Welt im Selfie"Streifzug durch das touristische Zeitalter

Von Vera Linß

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Buchcover Marco d’Eramo: "Die Welt im Selfie" (Suhrkamp / dpa / Hauke-Christian Dittrich)
Städte wie Venedig leiden unter dem Massenansturm von Touristen. (Suhrkamp / dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Das Vertrauen in die menschliche Neugier sorgt dafür, dass der Italiener Marco d´Eramo sich in seinem Buch "Die Welt im Selfie" sehr differenziert mit dem Phänomen des Tourismus auseinandersetzt.

Da freut man sich auf den Urlaub, wälzt Reiseführer, studiert das Wetter, genießt die Vorfreude und wenn man ankommt, ist man einer von vielen: ein Tourist! Warum also tut man sich das an, anstatt zu Hause zu bleiben oder wenigstens dorthin zu reisen, wo kaum jemand ist? Dahinter liege der Wunsch nach etwas Immateriellem, sagt der Italiener Marco d´Eramo, nach sozialem Kapital, nach Prestige. Vor allem aber reist man, um "anderswo nach etwaigem Leben zu suchen". 

Keine Touristenschelte

Ist es nun gut oder schlecht, wenn Touristenmassen dieser Sehnsucht folgen? Beides zugleich, findet d´Eramo in seinem wohltuend differenzierten Streifzug durch das "touristische Zeitalter". Von Touristenschelte (die so alt ist wie der Tourismus selbst) hält er nämlich nichts. Immer wieder beklagt er die "unverhohlene Geringschätzung", die auch Intellektuelle Reisenden gegenüber an den Tag legen.

Dabei hat d´Eramo durchaus einiges zu kritisieren bei seinem Streifzug durch das "touristische Zeitalter". Seine Tour beginnt der Journalist im 19. Jahrhundert, als Reisebüros und Reiseführer aufkamen und die erste organisierte Exkursion stattfand. Im 20. Jahrhundert sei der Tourismus dann zur "wichtigsten Industrie" aufgestiegen – durch die Einführung bezahlter Urlaubstage und zunehmende Mobilität. Heute unternimmt einer von sieben Menschen Auslandsreisen, das sind rund 1,2 Milliarden Reisende im Jahr.

Verdrängung der Einheimischen

Die Schattenseiten sind allzu bekannt. Die mit vielen Zahlen und Beispielen unterlegte Sammlung von Fehlentwicklungen beeindruckt dennoch – allein durch die schiere Masse. Ob Venedig, Luang Prabang in Laos oder das chinesische Lijiang: Die "touristische Zurichtung" führe weltweit zur Verdrängung von Einheimischen und zur "Zonierung" der Innenstädte, die nach Sonnenuntergang – wie die Finanzdistrikte – menschenleer und unbelebt seien. Besonders unrühmlich findet d´Eramo dabei das "neoliberale" Handeln der UNESCO. Sie mache aus Kulturerbe sterile Themenparks, die abzulaufen für Touristen zum Hauptzweck des Reisens geworden sei. Die Finanzindustrie applaudiert: American Express sponserte den "World Tourism Award", der 2008 an die UNESCO ging. 

Ende absehbar

Da überrascht und beruhigt, dass d´Eramo das Reisen trotzdem nicht verteufelt – wie die vielen Philosophen und Theoretiker, die er zitiert. Die glauben, die Erlebniswelt von Touristen sei ohnehin hoffnungslos entfremdet, weil alle Opfer der kapitalistischen Geldmaschinerie seien. Diese Sorge teilt d´Eramo nicht. Zwar fordert er, dass der Schutz von Kulturerbe nicht Urbanität zerstören darf. Gleichzeitig vertraut er aber der menschlichen Neugier (auch bei Touristen). Könne man alle Fehler erst korrigieren, "wenn der Weltkapitalismus abgeschafft ist, dann gute Nacht", mahnt er zu Recht in diesem lesenswerten und tiefgründigen Buch. Ohnehin sei das Ende des "touristische Zeitalters" absehbar. Die Digitalisierung löse die Trennung von Arbeit und Freizeit immer mehr auf und bestimme so das Verhältnis zu Zeit und Raum neu. Deshalb würden Touristen auf lange Sicht ohnehin verschwinden.

Marco d’Eramo: "Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters"
Übersetzt aus dem Italienischen von Martina Kempter
Suhrkamp Verlag Berlin 2018
362 Seiten, 26 Euro

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