Marc Wallert über Resilienz

Neue Kraft aus der Entführung schöpfen

34:50 Minuten
Portrait Marc Wallert
Marc Wallert sagt, er habe während der Entführung Kraft aus dem Gefühl geschöpft, „ich kann etwas machen, um meine Situation zu verbessern“. © Stephanie Wolff
Moderation: Tim Wiese · 30.11.2021
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Der Malaysia-Urlaub wurde zum Alptraum: Marc Wallert war einer der 21 Menschen, die im Jahr 2000 von der Terrorgruppe Abu Sajaf entführt wurden. Heute hält er Vorträge und hilft anderen Menschen, mit Krisensituationen klarzukommen.
Die Reise nach Malaysia sollte eine kleine Auszeit sein. Marc Wallert war nicht glücklich mit seinem Job als Unternehmensberater und erhoffte sich mit etwas Abstand „einen Wink des Schicksals“, der ihm helfen würde, sich umzuorientieren. „Ich hatte vor der Entführung schon eine latente Krise“, sagt der 48-Jährige.

Die Ausweglosigkeit als Befreiung

140 Tage war er gemeinsam mit seinen Eltern und 18 weiteren Gefangenen in der Gewalt der islamistischen Terrormiliz Abu Sajaf im philippinischen Dschungel. Plötzlich ging es ums Überleben. „Was mich vorher gestresst hat, war nicht mehr relevant“, sagt Marc Wallert. „Das war eine Klarheit, die ich vorher nicht hatte im Leben.“
Schon auf dem Boot, das die Entführten von der malaysischen Insel Sipadan auf die philippinische Insel Jolo brachte, habe er gedacht: „Vielleicht ist das, was hier gerade passiert, ein Wink des Schicksals.“
Mitunter habe er die Ausweglosigkeit der Situation sogar als etwas Befreiendes empfunden. Alles habe danach geschrien, „mein Leben zu verändern, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Und ich musste mich dann auch nicht entscheiden.“

Alltag und Ausnahmezustand

Die schwerbewaffneten Geiselnehmer seien „verhältnismäßig korrekt“ gewesen. Manche hätten ihnen zugezwinkert, als wollten sie ihnen Mut machen, andere hätten manchmal ihr Wasser geteilt.
Als „Alltag und Ausnahmezustand“ beschreibt Marc Wallert die Zeit im Dschungel. Seine Mitgefangenen und er hätten „alle Phasen der Teamentwicklung“ durchgemacht, versucht, Routinen zu etablieren, gute Wege zum Wasser zu finden, sich vor dem Regen zu schützen.
Während er selbst Tagebuch schrieb und sich Visionen für sein späteres Leben ausmalte, ging es seiner Mutter, sonst stark und immer auf positives Denken pochend, schlechter. Anfangs habe sie andere getröstet, bis sie „mental am Boden“ war und sehr krank wurde.
„Ich kannte meine Mutter so nicht.“ Erst viel später habe sie ihrem Sohn erzählt, dass sie Alpträume von seiner Enthauptung gequält hatten.

"Ein absoluter Euphorie-Moment"

Diese Schreckensbilder waren keineswegs unbegründet. Die Terroristen drohten mit ihrer Ermordung, bei anderen Entführungen der Miliz wurden Gefangene hingerichtet. Ganz Deutschland nahm damals medial Anteil am Schicksal der Entführten. Am Ende kaufte Libyen sie frei.
Als er aus dem Hubschrauber stieg, befestigte Häuser sah und „Menschen, die uns fröhlich zuwinkten“, sei das „ein absoluter Euphorie-Moment“ gewesen, sagt Marc Wallert. „Da habe ich das erste Mal Freiheit gefühlt.“

"Das Schlimmste ist, Krisen schön zu reden"

Warum der Göttinger nach der Entführung an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehrte und dann in die Autoindustrie wechselte, kann er sich heute selbst kaum erklären. Erst ein Burnout führte dazu, dass er sein Leben doch noch änderte.
Über seine Zeit im Dschungel und den Burnout hat Marc Wallert ein Buch geschrieben. Heute hält er außerdem Vorträge zum Thema Resilienz und Selbstwirksamkeit und ist als psychologischer Berater tätig. Selbst in der ausweglos erscheinenden Situation während der Entführung habe er Kraft aus dem Gefühl geschöpft, „ich kann etwas machen, um meine Situation zu verbessern“ – und sei es, einen Stuhl zu bauen, um die Rückenschmerzen zu mildern.
Für ihn gehe es bei Krisen immer auch um die Frage, ob sich durch die schwierige Lage vielleicht neue Chancen ergeben könnten. Im besten Fall liefere eine Krise den Hinweis auf überfällige Veränderungen: Das sei „der schöpferische Teil von Rückschlägen“.
(era)

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