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Buchkritik | Beitrag vom 23.02.2018

Manuela Lenzen: "Künstliche Intelligenz"Maschinen fehlt der gesunde Menschenverstand

Von Vera Linß

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Manuela Lenzen: "Künstliche Intelligenz" (Beck / imago / Science Photo Library)
Manuela Lenzen: "Künstliche Intelligenz" (Beck / imago / Science Photo Library)

Fürchtet euch nicht vor Robotern und intelligenten Systemen, mahnt die Philosophin Manuela Lenzen in ihrem Buch "Künstliche Intelligenz". Stattdessen solle die Gesellschaft sich darauf konzentrieren, die Zukunft zu gestalten und das Menschenbild zu definieren.

Sprachassistenten, die kommunizieren. Computer, die Gesichter erkennen. Autos, die sich selbst steuern: Intelligent wirkende Maschinen ziehen unaufhaltsam in den Alltag ein. Für die einen sind sie Heilsbringer, anderen machen sie Angst. Mit ihrem Buch will die Philosophin Manuela Lenzen beide Sichtweisen auf ein "Normalmaß" zurechtrücken und zeigen, was Künstliche Intelligenzen tatsächlich sind und was sie überhaupt leisten können.

Bereits die nüchterne Einstiegsfrage, wann man eine Maschine "intelligent" nennen kann, holt die Leser auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn dies sei gar nicht klar definiert, so die Autorin. Deshalb gebe es auch keine eindeutige Antwort darauf, ob bereits künstliche intelligente Systeme existierten. Stattdessen müsse man konkreter sagen, worum es den Wissenschaftlern eigentlich gehe. Drei Forschungsziele beschreibt Manuela Lenzen. Systeme zu schaffen, die konkret eingegrenzte Leistungen erbringen. Besser zu verstehen, wie der Mensch denkt. Und eine künstliche allgemeine Intelligenz herzustellen, die den Menschen imitiert. Maschinenintelligenz bedeute, dass Systeme lernen und sich selbst verbessern können, schlägt die Philosophin als Definition vor.

Maschinen sind in der Imitation des menschlichen Könnens begrenzt

Dabei übertreffen Computer den Menschen in manchem längst, wie Lenzen, die auch für die FAZ schreibt, in ihrer kompakten Zusammenfassung von 60 Jahren KI-Forschung zeigt. Das "Lernen" werde den Maschinen auf zwei Wegen beigebracht. Entweder, indem man sie mit Daten füttere, sie so programmiere, dass sie daraus Muster erkennen, oder indem man sie darauf ausrichte, sich die Welt selbst zu "erschließen".

Doch auch wenn Computer bei der Gesichtserkennung, der Durchforstung von Patientendaten oder bei Übersetzungsprogrammen bereits effektiver sind als Menschen: In der Imitation des menschlichen Könnens sind sie begrenzt. Beispiel Literatur: Maschinelle Übersetzungen können nur einen Rohstoff liefern und experimentelle Roboter wie der iCub, der wie ein Kind lernen soll, schafft dies nur mit Unterstützung eines menschlichen Lehrers. Maschinen fehle der gesunde Menschenverstand und das Hintergrundwissen, um wirklich selbständig zu handeln, relativiert Manuela Lenzen.

Das Menschenbild definieren

Deshalb gibt die Philosophin auch Entwarnung - und mahnt zugleich: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind es, die darüber bestimmen, welche Funktionen Maschinen beigebracht werden. Und ob man Transparenz darüber herstellt, wie Computer zu ihren Ergebnissen kommen. "Explainable AI" heißt eine entsprechende Forschungsrichtung.

Überblicksartig zeigt Lenzen, wo die Herausforderungen liegen: In der Wissenschaft, wo Computeranalysen an die Stelle von Experten treten könnten. In sozialen Medien, wo durch die Preisgabe von Daten die Privatsphäre erodiert. Oder in der Pflege, wo Roboter Menschen ersetzen könnten. Die Gesellschaft solle sich darauf konzentrieren, zu gestalten und ihr Menschenbild zu definieren, schlägt sie am Ende ihres klugen Buches vor. Gemäß der Devise: "Lasst euch das Denken nicht abnehmen, schon gar nicht von einer Maschine!"

Manuela Lenzen: "Künstliche Intelligenz. Was sie kann & was uns erwartet"
C.H.Beck, München 2018, 272 Seiten, 16,95 Euro

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