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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.05.2012

Mann in den Wäldern

Werke zum 150. Todestag von Henry David Thoreau

Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau in einer zeitgenössischen Aufnahme (picture alliance / dpa)
Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau in einer zeitgenössischen Aufnahme (picture alliance / dpa)

Der US-Schriftsteller Henry David Thoreau, geboren und gestorben in Concord, Massachusetts, galt als Sonderling. Nathaniel Hawthorne bescheinigte ihm gar, "eine Art Indianerleben" führen zu wollen. Berühmt wurde Thoreau erst nach seinem Tod - mit einer Streitschrift für den zivilen Ungehorsam.

Man kann Henry David Thoreau, der vor genau 150 Jahren, am 6. Mai 1862, im Alter von 44 Jahren in seinem Geburtsort Concord, Massachusetts, an Tuberkulose starb, mit zahlreichen Etiketten versehen: Volksschullehrer, Philosoph, Sozial- und Konsumkritiker, Reise-Autor, Tagebuchschreiber, Essayist, Zivilisationsflüchtling, Eigenbrötler, Naturforscher, Landvermesser, Lebensreformer, Freund und Jünger des Naturpredigers Ralph Waldo Emerson. Eines war Thoreau definitiv nicht: ein erfolgreicher Literat.

Er konnte bei seinem Tod gar nicht vergessen werden, denn er war zu Lebzeiten nie bekannt geworden. Der Mann, der "eine Art Indianerleben unter zivilisierten Menschen" führen wollte (so Nathaniel Hawthorne über Thoreau), galt den Zeitgenossen nur als verschrobener Sonderling und Taugenichts, der einen Tag Arbeit pro Woche für ausreichend hielt, denn Arbeit halte nur von den "wesentlichen Dingen des Lebens" ab. Seine Bücher ruhten entweder unpubliziert in der Schublade oder als unverkäufliche Ladenhüter im Buchladen.

Seine beiden Hauptwerke – der Großessay "Walden oder Leben in den Wäldern" (1854) und das Pamphlet "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" (1849) – machten erst posthum Karriere, verhalfen Thoreau dann allerdings zu Weltruhm. Zum einflussreichen Vordenker der Umweltschützer und Bürgerrechtler, zum berühmten Kultautor und amerikanischen Klassiker stieg Thoreau erst im 20. Jahrhundert auf, als sich Freiheitskämpfer sowie Bürgerrechts-Aktivisten wie Gandhi oder Martin Luther King auf Thoreaus Schrift über den zivilen Ungehorsam beriefen und als die Ökologie-Bewegungen in "Walden" einen kanonischen Grundtext des Umweltbewusstseins entdeckten. Seither kursieren Thoreaus Werke in zahllosen Neuausgaben, und auch seine Tagebücher und Reisejournale werden viel gelesen und in unterschiedlichen Auszügen publiziert.

Der oftmals überarbeitete Essay "Walden" ging aus den Tagebuch-Aufzeichnungen hervor, die Thoreau während der zwei Jahre von 1845 bis 1847 machte, als er in einer selbstgezimmerten Holzhütte am Ufer des Walden-Sees unweit seines Heimatortes Concord lebte. "Walden" ist das literarisch durchgeformte, persönliche Zeugnis eines Daseinsexperiments, in dem es Thoreau weniger um eine Reform der Gesellschaft als vielmehr um eine Erneuerung des Individuums ging.

Er beschreibt seinen persönlichen Gegenentwurf zu einer materialistischen, der Natur entfremdeten Existenz. Im Protest gegen das "rastlose, geschäftige, triviale 19. Jahrhundert" sucht Thoreau am Walden-See das schlichte, auf die einfachsten und elementarsten Bedürfnisse beschränkte und selbstbestimmte Leben im Rhythmus der Natur und im Einklang mit ihr, um "zu sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, damit mir in der Stunde des Todes die Entdeckung erspart bleibe, nicht gelebt zu haben".

Der (erstmals auf Deutsch publizierte) Reisebericht in Tagebuchform "Die Wildnis von Maine" ist die Schilderung einer zweiwöchigen Fußwanderung und Kanu-Tour durch die Urwälder, Sümpfe und Gewässer von Maine, die Thoreau gemeinsam mit einem Freund unter Führung eines indianischen Waldläufers und Jägers im Sommer 1857 unternahm. Es ist ein entspannter, heiterer, kundiger und aufmerksamer Bericht, geschrieben zu jenem prekären Zeitpunkt, da uraltes Indianerwissen noch nicht verschwunden und der Vormarsch der Zivilisation noch nicht zur Naturzerstörung ausgeartet war.

Besprochen von Sigrid Löffler


Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern
Aus dem Amerikanischen von Emma Emmerich und Tatjana Fischer
Diogenes Verlag, Zürich 2012
512 S., 16,90 Euro

Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
Zweisprachige Ausgabe
Aus dem Amerikanischen von Walter E. Richartz
Diogenes Verlag, Zürich 2012
160 Seiten, 14,90 Euro

Henry David Thoreau: Die Wildnis von Maine. Eine Sommerreise
Mit einer Vorbemerkung von Nathaniel Hawthorne
Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann
Verlag Jung und Jung, Salzburg 2012
160 Seiten, 19,80 Euro

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