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Fazit | Beitrag vom 20.08.2018

Manifesta-Projekt zur FlüchtlingskriseFür ein Grundrecht auf Mobilität

Lorenzo Pezzani im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Seenotrettung von Bootsflüchtlingen vor der libyschen Küste Zivile Seenotrettung von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer vor Libyen - an Bord des Seenotkreuzers Minden der Organisation LIFEBOAT: Havariertes Flüchtlingsboot . Sein Boden ist ausgebrochen, viele Afrikaner trieben im Wasser, mindestens 2 Menschen sind ertrunken. Im Hintergrund zu sehen: Von der Minden ausgebrachte Rettungsinsel. Mittelmeer, vor libyscher Küste, Internationale Gewässer, 20.10.2016. (imago / JOKER /Alexander Stein)
Havariertes Flüchtlingsboot vor der Küste Libyens: Forensic Oceanography rekonstruiert multimedial und minutiös die Fluchtbewegungen im Mittelmeer. (imago / JOKER /Alexander Stein)

Künstler und Wissenschaftler rekonstruieren unter dem Titel "Forensic Oceanography" in einem Multimedia-Projekt die Gründe für die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer. Die dortige Tragödie ist für Macher Lorenzo Pezzani die Folge "politisch motivierter Gewalt".

"Wir müssen radikal neu denken, um diesem Sterben im Meer ein Ende zu bereiten", sagt Lorenzo Pezzani, Wissenschaftler und Kopf des Teams, das multimedial und minutiös die Fluchtbewegungen im Mittelmeer sowie die Rollen von Schleppern, Polizei und Flüchtlingen rekonstruiert.

"Forensic Oceanography" - forensische Meeresforschung - ist 2011 mit dem Arabischen Frühling entstanden. Seitdem hat Lorenzo Pezzani mit seinem Team das Schicksal von tausenden Flüchtlingen recherchiert. Das Team gehört zur Gruppe von "Forensic Architecture", die 2017 mit ihrer Untersuchung der NSU-Morde auf der Documenta zu sehen war und dadurch bekannt wurde.

Lorenzo Pezzani auf einer Mamorsteintreppe sitzend in Italien im Interview mit Moderator Vladimir Balzer (Deutschlandradio/ Vladimir Balzer 2018)Flucht-Analyse: "Das, was wir im Mittelmeer sehen, ist keine natürliche Tragödie", meint Lorenzo Pezzani (Deutschlandradio/ Vladimir Balzer 2018)

Die Installation von "Forensic Oceanography" ist noch bis November diesen Jahres auf der Manifesta in Palermo zu sehen. Sie zeigt die Gründe für das Sterben im Mittelmeer. Vieles davon - Filme und Menschenrechtsberichte - ist auch vor Gericht verwendet worden. 

Keine natürliche Tragödie

Die Verantwortlichen für das Sterben im Mittelmeer stehen dabei für Lorenzo Pezzani fest:

"Das, was wir im Mittelmeer sehen, ist keine natürliche Tragödie, sondern politisch motivierte Gewalt. Sie geht zurück auf die EU und ihre Mitgliedsstaaten. Das beginnt mit ganz praktischen Dingen wie der Verweigerung von Visa. Deswegen müssen Menschen in ruinöse Boote steigen. Wir haben uns viele verschiedene Geschichten angeschaut und immer haben sie mit politischen Entscheidungen zu tun - und mit unserem Rechtssystem: das Seerecht, das Strafrecht und vieles mehr. Aber diese Rechtssysteme passen nicht bei diesem Thema.."

Ausschnitt aus der multimedialen Installation des Projekts von "Forensic Oceanography" (Manifesta Press Kit http://m12.manifesta.org/presscentre/)Ausschnitt aus der multimedialen Installation des Projekts von "Forensic Oceanography" (Manifesta Press Kit http://m12.manifesta.org/presscentre/)

Anstatt Verantwortung zu übernehmen, suche die Politik lieber die Schuld bei den Schmugglern. Pezzani sieht ein "Grundrecht auf Mobilität": "Es geht gar nicht um eine grenzenlose Welt, sondern eher um die Demokratisierung von Grenzen. Dabei geht es nicht nur um nationale Grenzen, sondern auch um soziale und politische Grenzen: Diskriminierungen nach Nationalität, Klasse, Geschlecht."

"Die Grenze Europas verläuft nicht im Mittelmeer"

"Forensic Oceanography" wolle eine Welt, in der Grenzen keine Lebensgefahr bedeuteten, betont er. Wer passieren darf - das müsse demokratisch entschieden werden. Dabei sollten bestimmte Gruppen von Menschen nicht mehr pauschal ausgeschlossen werden, meint Pezzani: "Die Grenze Europas verläuft nicht im Mittelmeer, sondern beginnt in den Botschaften und Flughäfen. Wenn es ein Recht auf Mobilität gäbe, müssten die Menschen nicht mehr an die lybische Grenze und auf das Meer."

Weitere Informationen zum Projekt "Forensic Oceanography" finden Sie hier.

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