Manifest gegen das Klein-Klein der Europapolitik

Die EU-Fahne vor den Flaggen der Mitgliedsstaaten © AP
Hans Christoph Buch im Gespräch mit Dieter Kassel · 30.11.2011
Inmitten der Schuldenkrise droht die Vision eines geeinten Europas langsam zu verblassen. Dies fürchten jedenfalls die beiden deutschen Autoren Hans Christoph Buch und Peter Schneider. Mit ihrem Manifest wollen sie Intellektuelle und Politiker wachrütteln und den Traum von Europa wiederbeleben.
Dieter Kassel: 1988 gab es in Berlin ein Treffen von Schriftstellern aus Nord und Süd und – was vielleicht zu der Zeit vor dem Fall der Mauer viel wichtiger war – Ost und West, und das Motto dieses Schriftstellertreffens damals war: "Ein Traum von Europa". Heute, 23 Jahre später, stellt sich eher die Frage, ob der Traum von Europa ausgeträumt ist. Zumindest schreiben das die Autoren eines Manifests, wenn wir es für den Moment so nennen wollen, und diese Autoren sind die deutschen Schriftsteller Peter Schneider und Hans Christoph Buch, und unterschrieben wurde dieses Manifest inzwischen auch von ihren französischen Kollegen André Glucksmann und Bernhard-Henri Lévy. Der Text wird heute offiziell veröffentlicht, und wir wollen das zum Anlass nehmen, mit einem der beiden Autoren, nämlich mit Hans Christoph Buch, jetzt über diesen Text und über die Idee dahinter natürlich zu sprechen. Erst mal noch mal schönen guten Morgen, Herr Buch!

Hans Christoph Buch: Guten Morgen!

Kassel: Der Traum ist nicht ausgeträumt, der Traum von Europa. Lassen Sie uns doch mal ganz persönlich anfangen: Wie sieht denn Ihr Traum von Europa aus im Moment?

Buch: Ja, wir reden nur von der Finanzkrise, wir reden von Schuldenstaaten und von Schuldenbergen und von schwindelerregenden Summen, Milliarden, hunderte Milliarden, wir reden von Rettungsschirmen und sogenannten Hebeln. Aber ich erinnere mich an ein Europa aus meiner Kindheit, das zerstört war durch zwei Kriege, durch Wirtschaftskrise und Inflation und durch totalitäre Diktaturen, die ganz nah von hier in Ostberlin und anderswo herrschten, und da war die Idee eines einigen Europas geradezu revolutionär, es war eine Utopie, ein Ideal, für das man sich engagierte. Und das ist heute völlig in den Hintergrund getreten. Das bedaure ich.

Kassel: Auf der anderen Seite konnte man sich damals wohl kaum vorstellen, dass allein schon Länder wie Italien, Frankreich und Deutschland in der gleichen Union sind. Das sind sie eine kleine Ewigkeit jetzt schon. Inzwischen gehören Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien und viele andere zur Europäischen Union. Inwieweit ist denn Ihr – ich meine immer noch Sie persönlich – Traum von Europa inzwischen einfach auch schlicht erfüllt?

Buch: Ja, das ist ein Plus, das man gar nicht genug hervorheben kann, dass die Erbfeinde Frankreich und Deutschland heute Freunde sind, das gilt auch für Polen, ein schwieriges Verhältnis, dass überhaupt Kriege in Europa undenkbar geworden sind. Das ist ein Resultat des Einigungsprozesses, der keineswegs zu Ende ist, denn es gibt noch immer ein sehr starkes Gefälle zwischen Nord und Süd, das ist bekannt, aber natürlich auch zwischen Ost und West. Und mein Traum ist, dass dieser Europa-Enthusiasmus wiederbelebt wird, dass wir uns an die Gründungsväter erinnern, die damals Europa aus der Taufe gehoben haben gegen große Widerstände auf allen Seiten. Und ich verstehe die Sorgen etwa der Deutschen und ihre Nostalgie für die D-Mark, aber wir haben auch etwas gewonnen. Übrigens würde unsere Wirtschaft gar nicht so boomen ohne dieses Europa. Wir sind ja auch Exportweltmeister auf Kosten anderer Staaten, die jetzt in der Krise sind, denn die Unternehmenskultur in Deutschland ist vollkommen anders als etwa in den Mittelmeerländern, aber selbst in Frankreich sind andere Bedingungen, andere Traditionen am Werk oder in England. Und dass die deutsche Wirtschaft boomt, während andere Staaten unter Schuldenlasten zusammenbrechen, das ist alles mit zu bedenken, aber darauf darf man die Krise nicht reduzieren.

Kassel: Aber ich würde trotzdem bei diesem Punkt bleiben, weil bei diesem erwähnten Schriftstellertreffen 1988, auf das Sie sich auch mehrfach beziehen in Ihrem aktuellen Text, also dem von Peter Schneider und Ihnen, da haben die Schriftsteller damals auch die Frage gestellt, ob es so etwas wie eine gemeinsame kulturelle Identität in Europa gibt. Darüber kann man nächtelang diskutieren, aber wenn wir jetzt sehen, dass es nicht mal eine gemeinsame Wirtschaftskultur in Europa gibt, ist dann nicht vielleicht wirklich das Verbindende weniger als immer vermutet?

Buch: Das Verbindende ist weniger, in der Krise tritt das deutlich zutage, aber ich erinnere mal an den Einigungsprozess der Vereinigten Staaten, der von einem blutigen Krieg begleitet war zwischen Nord- und Südstaaten, und trotzdem fielen die Vereinigten Staaten, die USA nicht auseinander. Europa wächst langsam zusammen, und es gibt Rückschläge auf diesem Weg, aber was wir fordern, ist ja vor allem Öffentlichkeit, dass es wieder eine öffentliche Debatte gibt, dass Zukunftsfragen, die uns alle betreffen, jeden Bürger und auch unsere Kinder und Kindeskinder, dass die nicht hinter verschlossenen Türen entschieden werden, sondern dass die Argumente, Pro und Kontra, die Optionen auf den Tisch gelegt werden. Zum Beispiel die Frage: Geht es überhaupt zurück zum Nationalstaat? Ist das noch möglich, und wenn ja, was würde das kosten? Es gibt ja Euroskeptiker in allen Parteien, die das offenbar wollen.

Kassel: Aber sind wir wirklich schon so weit? Ist das nicht einfach so eine Art Potenzgerassel, wenn manche sagen, wenn ihr nicht mehr so spielt, wie wir wollen, dann gehen wir zurück zum Nationalstaat? Ich meine, man denkt vielleicht an Ungarn jetzt, oder man denkt vielleicht ganz anders auch an Dänemark, wo Grenzen wieder geschlossen wurden oder zumindest Kontrollen wieder eingeführt. Aber ist das wirklich ein Schritt zurück zum Nationalstaat?

Buch: Nein, noch nicht, Gott sei Dank, aber es gibt Kräfte, es gibt Politiker wie Gauweiler oder Lafontaine, die nicht nur Euroskeptiker sind, sondern zurückwollen zu geschlossenen Grenzen und eigenen Währungen. Und die die Tendenz des Überdrusses, der Müdigkeit, des Herummeckerns und Nörgelns über Europa, die ist ja nun unverkennbar überall zu sehen in allen Parteien, und das macht mir schon Sorgen. Ich denke, dass Europa sich nur am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, und dazu gehört auch, dass man an die politische Utopie Europas erinnert, das tun wir hiermit, und gleichzeitig die Optionen prüft, um aus der Krise herauszukommen, und zwar offen und öffentlich, und nicht in Geheimdiplomatie, wo man das Gefühl hat, es wird ständig weitergebastelt, aber keiner hat eine klare Strategie.

Kassel: Wir reden heute Vormittag im Deutschlandradio Kultur mit Hans Christoph Buch, der zusammen mit seinem Kollegen Peter Schneider eine Art Europa-Manifest verfasst hat. Nun haben Sie mehrmals, Herr Buch, über die Öffentlichkeit geredet, und ich frage mich: Gibt es eigentlich so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit, oder ist das nicht Teil des Problems, dass wir eine deutsche Öffentlichkeit haben, eine französische, eine griechische und so weiter?

Buch: Ja, es gibt sie, und die Tatsache, dass André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy, zwei sehr namhafte Autoren, sofort unterschrieben haben, während deutsche Kollegen noch zögern, zeigt doch, dass es hier so etwas wie gemeinsame Interessen gibt zwischen Deutschland und Frankreich, dass auch dort die Intellektuellen Schwierigkeiten haben, sich im Europaprojekt einzubringen und diese Initiative begrüßen. Und ich denke, dass gerade die Intellektuellen gefragt sind hier und das nicht länger den Politikern und den Ökonomen überlassen sollten, was aus Europa wird, denn was jetzt herrscht, ist ein Kleingeist, ein Krämergeist, wenn man so will. Natürlich will Deutschland nicht, dass seine Währung den Bach runtergeht oder dass seine Wirtschaft gefährdet wird. Aber die Rezession ist schon im Gange, und die deutsche Unternehmenskultur mit Einbeziehung der Gewerkschaften, also die soziale Marktwirtschaft, die muss sich nun behaupten, und kann aber auch nicht erwarten, dass dieses Modell 1:1 auf alle anderen Länder übertragen wird. Das ist vollkommen unrealistisch. Auch Deutschland muss Konzessionen machen und zur Stabilität des gesamten Euroraums beitragen.

Kassel: Aber wenn Sie sagen, wir, bei "wir" sage ich jetzt mal wir Intellektuellen – ich mache mich da jetzt nicht gemein, ich meine jetzt Sie und die Kollegen – dürfen das nicht Politikern und Wirtschaftsexperten überlassen, übersehen Sie dann nicht, dass die Europäische Union, die einst Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hieß, immer schon ein Projekt von Politikern und Wirtschaftspolitikern war?

Buch: Deswegen haben wir ja schon 1988 diesen Traum von Europa ausgerufen sozusagen. Das war ein vielbeachteter Kongress, auf dem der Fall der Mauer vorweggenommen wurde von vielen Rednern, auch aus Osteuropa, auch Vertretern von Solidarnosc und so weiter. Und die Intellektuellen sind gut beraten, sich an der Europadebatte zu beteiligen, ja, sogar den Politikern das auch mal aus der Hand zu nehmen, damit es nicht im Klein-Klein der Tagespolitik zerredet wird bis zum Gehtnichtmehr, und am Ende nur Verlierer zurückbleiben auf der ganzen Strecke. Und die Verlierer sind nicht nur Griechenland oder Portugal.

Kassel: Nun haben wir aber trotzdem das Problem, dass das Klein-Klein der Tagespolitik sich ja mit enormen Milliardensummen inzwischen beschäftigt, und viele haben ja die Frage gestellt, Sie stellen die Frage auch in Ihrem Text: Warum melden sich die Intellektuellen nicht zu Wort oder in einem sehr kleinen Umfang nur? Vielleicht einfach deshalb, weil die eigentlichen Probleme ja Wirtschaftsprobleme sind, und die kann ein geistiger Intellektueller ja nun auch nicht lösen.

Buch: Finanzprobleme, und wir behaupten nicht, dass wir Experten sind. Auch unsere französischen Kollegen sind eher Philosophen als Ökonomen. Aber ich denke, dass es alle Bürger betrifft, und dass vor allem klar sein muss, wohin die Reise geht. Wollen wir Europa noch oder nicht? Das ist die Hauptfrage, so einfach wie sie klingt, und da werden alle antworten: Jein. Aber dieses Jein möchte ich mal genauer spezifiziert haben, und auch von denen, die mehr wissen, von den verantwortlichen Politikern, hören, was für Alternativen es überhaupt gibt, was für Optionen auf dem Tisch liegen, um mir ein Urteil bilden zu können. Und in dem Punkt unterscheiden sich die Intellektuellen nicht von den Normalbürgern, außer dass sie sich aus dieser Debatte bisher rausgehalten haben, vielleicht auch, weil sie überfordert waren und sind.

Kassel: Glauben Sie denn, zum Schluss – Intellektuelle haben ja schon reagiert, die Kollegen in Frankreich, vielleicht kommen andere noch dazu, das ist ja ein brandneuer Text, gerade veröffentlicht –, glauben Sie, dass Politiker reagieren werden auf diese Initiative?

Buch: Ich denke schon. Gerade in Frankreich hat die Stimme eines Schriftstellers Gewicht traditionell, und auch in Deutschland hört man immer wieder Klagen über das Desinteresse der Intellektuellen und überhaupt der Öffentlichkeit. Genau da wollen wir gegensteuern.

Kassel: Danke Ihnen sehr für das Gespräch, Hans Christoph Buch war das, er hat zusammen mit Peter Schneider das Manifest, das Europa-Manifest, über das wir gesprochen haben, verfasst, und André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy haben es inzwischen unterzeichnet. Warten wir ab, wer sonst noch dazu kommt. Danke Ihnen fürs Kommen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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