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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.04.2009

Manifest für ein gutes Zusammenleben

Navid Kermani: "Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime". Verlag C.H. Beck, München 2009, 173 Seiten

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Eine Türkin beim Sprachunterricht in der Volkshochschule in Berlin-Neukölln (AP Archiv)
Eine Türkin beim Sprachunterricht in der Volkshochschule in Berlin-Neukölln (AP Archiv)

Deutschland habe sich daran gewöhnt, ein Einwanderungsland zu sein, schreibt der Schriftsteller Navid Kermani. Das merke er auch daran, dass er seltener gefragt wird, wann er denn zurückgehen werde in seine Heimat. Das wäre in seinem Fall Siegen in Westfalen. Kermanis Buch "Wer ist wir" ist ein kluger und optimistischer Debattenbeitrag zur multikulturellen Perspektive Deutschlands.

"Wir überlegen, was können wir mit dem Islam tun. Wie gehen wir mit den Muslimen um, müssen wir Angst haben vor den Muslimen, vor dem Islam. In diesem Wir kommen Muslime einfach nicht vor. Wenn dann eben aufgerufen wird dazu, wir müssen Dialog mit Muslimen führen in Deutschland, dann übersieht man eben, dass das für drei Millionen Menschen heißen würde, dass sie mit sich selbst Dialog führen müssten."

Navid Kermani, Sohn eines iranischen Arztes, hat einen deutschen Pass und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Der habilitierte Orientalist ist Schriftsteller und Publizist. In seinem jüngsten Buch beweist er, dass seine Beiträge zu Fragen des Zusammenlebens unverzichtbar sind: treffsicher, glänzend geschrieben, auf feine Weise ironisch, aber auch glasklar, wenn es ums Wesentliche geht. Kermani liefert zu vielen Fragen überaus differenzierte Betrachtungen. Dafür brauche es ein Buch, sagt er, denn in den Massenmedien ginge es vor allem um Konfrontation:

"Mir ist es schon passiert, dass ein Talkshowredakteur anruft und fragt: Sind Sie für oder gegen den Islam. Sie hatten offenbar den Platz gegen den Islam noch frei, also mussten sie ihn noch besetzen. So laufen diese Talkshows ab. Das ist wirklich ein abscheuliches Geschäft."

Die Religion werde viel zu sehr in den Vordergrund gestellt, konstatiert Kermani. Im alltäglichen Zusammenleben von Christen und Muslimen gäbe es oft gar keine Probleme damit. So jedenfalls hat er das an der katholischen Grundschule seiner Tochter erlebt.

"Der Migrationsanteil war sicher über 50 Prozent, vermute ich. Diese katholische Grundschule hat es wirklich geschafft, einerseits diese Vielfalt der Kulturen als Bereicherung darzustellen und aufzunehmen, auch den deutschstämmigen Eltern vorzuführen als Bereicherung, etwa bei Festen zum Beispiel, wo natürlich dann auch türkische Lieder gesungen worden sind und auch türkische Süßigkeiten verteilt worden sind. Oder im Ramadan, wenn man eben auch über die muslimischen Feste gesprochen hat. Aber gleichzeitig auf der eigenen Kultur zu beharren. Dann mussten die Kopftuch tragenden Frauen eben auch Weihnachtslieder singen. Und weil sie das Gefühl hatten, dass sie respektiert werden, haben sie das auch getan.

Ich glaube, das ist wirklich ein Schlüssel. Zu glauben, man müsse sich jetzt, damit die Migranten sich integrieren können, sich selbst verleugnen, das ist glaube ich wirklich ein tief greifender Fehler, der in bestimmten Milieus vielleicht vorkommen mag. Man muss die eigene Kultur kennen. Man muss auf der eigenen Kultur auch beharren und die eigene Kultur lieben, die eigene Kultur respektieren, um anderen Respekt entgegenbringen zu können."

Navid Kermani bagatellisiert die Probleme nicht, aber er betrachtet sie zuversichtlich und konstruktiv. Das tut gut und eröffnet positive Perspektiven. Die führen manchmal zu einem souveränen Sowohl-als-auch.

Nur in einem Punkt geht das nicht: In Rechtsfragen. Im Kapitel mit der Überschrift "Wir sind Murat Kurnaz" fordert Kermani, der Staat müsse unter allen Umständen am Gleichheitsprinzip festhalten, erst recht dann, wenn die Emotionen hochkochen und Ausnahmen nahezuliegen scheinen. Ob es um Terrorverdächtige oder um häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder geht, bei Fragen der Rechtsstaatlichkeit geht es ums Ganze, um die so oft beschworenen Werte als zuverlässige Basis des Zusammenlebens. Wenn diese Basis gewährleistet ist, spielt alles andere gar nicht so eine große Rolle.

Auf die Frage "Wer ist wir?" antwortet Navid Kermani also: Wir sind Verfassungspatrioten, wir wollen in einer freiheitlichen Gesellschaft selbstbestimmt leben, egal woher unsere Eltern oder Großeltern einst kamen, egal, welche Religion uns geprägt hat. Dabei entsteht Vielfalt, und das ist gut so.

"Genauso wie es in Amerika normal ist, Amerikaner zu sein und gleichzeitig eben einer anderen Kultur anzugehören, genauso wie man Jude und Deutscher sein kann und sich nicht entscheiden muss, genauso kann man eben auch Türke oder Iraner sein und sich dieser Kultur zugehörig fühlen und gleichzeitig sich der deutschen Kultur zugehörig fühlen und muss da nicht unterscheiden. Es ist einfach nicht so, dass das zwei Stühle sind, und man muss sich entscheiden, auf welchen man sich setzt. Identitäten sind Prozesse. Das ist viel ambivalenter, und es sind keine statischen Blöcke."

Navid Kermani spricht mit seinen Töchtern persisch, und er schreibt ein so elegantes Deutsch, dass ihn manch anderer Autor deshalb beneiden dürfte. Die Lektüre seines leicht verständlichen Buches ist ein Genuss. Sie ist aber vor allem so erhellend und bereichernd, dass man ihm nur viele Leser und Leserinnen wünschen kann.

"Wer ist wir?" ist ein überaus kluger und optimistisch stimmender Debattenbeitrag - dazu wie multikultureller Alltag aktiv gestaltet werden kann und muss, zur Bedeutung von Religion und fundamentalistischen Strömungen, von Rechtsstaatlichkeit. Man könnte auch sagen: Navid Kermani hat uns eine Art Manifest vorgelegt für ein gutes Zusammenleben in einem aufgeklärten, demokratischen Staat.

Rezensiert von Barbara Dobrick

Navid Kermani: Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime
Verlag C.H. Beck, München 2009
173 Seiten, 16,90 Euro

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