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Studio 9 | Beitrag vom 13.06.2016

Mangelnde Barrierefreiheit im MuseumGedenkstätten-Besuch im Rollstuhl

Von Rebecca Maskos

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Eine Frau geht in Brandenburg an der Havel am früheren Werkstattgebäude des "Alten Zuchthauses" vorbei. Im Januar 1940 fanden hier die ersten Tötungen mit Giftgas statt. Heute ist dort die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde untergebracht.  (picture alliance / ZB)
Eine Frau geht in Brandenburg an der Havel am früheren Werkstattgebäude des "Alten Zuchthauses" vorbei. Im Januar 1940 fanden hier die ersten Tötungen mit Giftgas statt. Heute ist dort die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde untergebracht. (picture alliance / ZB)

Rebecca Maskos sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Für uns hat sie die "Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde" in Brandenburg an der Havel besucht und festgestellt: Gerade hier, wo behinderter Menschen gedacht wird, gibt es in puncto Barrierefreiheit Nachholbedarf.

"Wir gehen jetzt erstmal zum eigentlichen Gedenkplatz, dort wo die Gaskammern standen, hier ist noch alles ganz gut berollbar, hier gibt es so Asphalt, geht ein bisschen bergauf. Oh, hier gibt es jetzt erstmal so eine Art Bordstein, mal gucken ob ich darüber komme. Ja, ging so gerade, aber jetzt gibt es hier so was wie Sand, oder Kies. Das ist eigentlich der Feind des Rollis – so feiner Kies, eigentlich versinkt man da drinnen. Und man kommt nur so zentimeterweise fort."

Ausgebremst – denke ich – noch bevor es richtig losgeht. In der Mitte des Kiesplatzes vor mir, in etwa drei Meter Entfernung, befinden sich vier Stelen. Darauf kann man die Biografien einiger Opfer nachlesen. Menschen, die hier im Dritten Reich ermordet wurden. Weil sie eine Behinderung hatten – so wie ich.  

"Also, ich find' es schon ein bisschen ein komisches Gefühl, dass Leute wie ich hier umgebracht wurden, aber ich eigentlich hier gar nicht hinkommen kann, um der Menschen zu gedenken."

Eine Rampe neben den Treppenstufen

Die Ausstellung im Gebäude ist dann aber schon barrierefrei, hoffe ich insgeheim. Immerhin, neben den Treppenstufen eine gut befahrbare Rampe.

"Es ist ein bisschen schwierig, die Tür aufzukriegen, aber es geht. Also es ist eine schwergängige Tür. Das liegt halt daran, dass sie sich von selbst wieder schließen soll. So es geht hier weiter ... - die Türen stehen alle offen."

Mein erster Eindruck: Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer. Mein zweiter: Der Raum ist dunkel, die Wände - in Anthrazitgrau - verschlucken viel Licht, trüben meinen Blick.

"In der Mitte gibt es so einen Block von lauter Tischen. Und wenn ich das richtig sehe, dann sind auf diesen Tischen lauter Infos. Die Tische sind so ungefähr auf meiner Kopfhöhe, so also sozusagen an meinem Kinn enden die. Die Schrift ist horizontal angebracht. Also, ich muss mich jetzt hinstellen. Ich muss mich quasi hinknien auf den Rolli und dann kann ich schon einiges lesen, aber es ist immer noch schwierig, weil der Winkel einfach so schlecht ist. Ich müsste jetzt mal locker 50 Zentimeter höher sein, damit ich das vernünftig lesen könnte."

Die Gedenkstätte für Euthanasie-Opfer ist nicht barrierefrei

Von Museen und Galerien bin ich es gewohnt. Sie denken in ihren Ausstellungs-Konzepten eher selten an behinderte Menschen. Aber auch bei einer Gedenkstätte für Euthanasie-Opfer, die es erst seit vier Jahren gibt? Schade, denke ich, dass man nur ansatzweise an Barrierefreiheit gedacht hat. Ich treffe die Leiterin Silvia de Pasquale. Sie war damals noch nicht im Amt, kennt die Umbauphase nur aus Erzählungen.

Leiterin: "Gestalter haben eben immer ästhetische Dinge im Blick, und haben vertraglich auch bestimmte Rechte. Es ging hier darum, dass es wie ein schwarzer Block manches aussehen sollte und da hat man sich durchaus gestritten, weil ja nicht alle Tische unterfahrbar sind. Da musste es leider auch Kompromisse geben, die teilweise auch nicht ganz im Sinne der Gedenkstätte waren."

Ein Kompromiss, in dem der Blick der Stehenden und Laufenden leider dominiert. Auch wenn damals Menschen mit Behinderungen einbezogen wurden: Kunst und Ästhetik haben sich durchgesetzt, denke ich resigniert.  
 
"Ja, die Wandtafeln sind auf jeden Fall besser lesbar, allerdings gibt es einzelne Texte, die sehr klein sind. Das ist auch ein bisschen schlecht lesbar von meiner Höhe aus. Also wir haben hier an der Seite zum Beispiel ein Krankenblatt, aus so einer Akte so ein Meldebogen. Der ist so klein, dass ich den von hier unten eigentlich nicht gut lesen kann.

So, jetzt kommen wir hier nochmal zu so 'nem Monitor mit Kopfhörern. Also, ich komm schon an den Kopfhörer ran. Aber wenn ich jetzt die Sprache auswählen will, da kann ich eigentlich nur englisch auswählen, weil an den Knopf für Englisch komm ich noch dran, der ist unten. An den Knopf für Deutsch komm ich nicht dran. Aber da hab ich ja Glück, ich kann ganz gut Englisch, da macht das nichts."

Behinderte Menschen müssen gefragt werden

Die Norm ist nichts Festes – was für den einen barrierefrei ist, ist es nicht unbedingt für den anderen. Es geht nicht ohne Kompromisse – aber vor allem nicht ohne die Einbeziehung von behinderten Menschen.

Leiterin: "Wir haben ja im Moment das Projekt, dass wir unsere pädagogischen Angebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten erweitern und das machen wir mit Menschen mit Lernschwierigkeiten und es werden eben Menschen aus Lebenshilfe mit uns diese Projekte entwickeln, weil wir das begriffen haben, dass es keinen Sinn macht, das wir das alleine entwickeln, sondern dass wir das mit den Kollegen aus den Behindertenwerkstätten zusammen machen."

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