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Buchkritik | Beitrag vom 07.03.2018

Manfred Spitzer: "Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit"Soziale Isolation ist ansteckend

Von Kim Kindermann

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Buchcover "Manfred Spitzer: Einsamkeit", im Hintergrund der Schatten eines Sprossenfensters (picture alliance / Annette Riedl/dpa / Droemer / Collage: Deutschlandradio)
Einsamkeit macht krank, das belegt Manfred Spitzer in seinem Buch. (picture alliance / Annette Riedl/dpa / Droemer / Collage: Deutschlandradio)

Der Psychiater Manfred Spitzer beschreibt in seinem Buch "Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit" sehr eindringlich, welche weitreichenden Folgen das Gefühl der Verlassenheit haben kann. Es bleibt jedoch bei einigen wenigen Ideen, wie sich der Isolation entkommen lässt - und die sind recht banal.

Was für ein grandioser Titel: "Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit". Passender und aufmerksamkeitsheischender geht es kaum und das ist genau richtig bei diesem wichtigen Thema: Denn in einer Gesellschaft, in der Individualismus zunimmt, immer mehr Menschen in Singlehaushalten leben, die Trennungsrate bei Paaren steigt und in der parallel dazu die Menschen immer älter werden, nimmt das Gefühl, einsam zu sein, stetig zu.

Und: ja, Einsamkeit macht krank. Denn Einsamkeit löst Stress aus und ein hoher Stresspegel schwächt wiederum das Immunsystem, was einsame Menschen dann anfälliger für Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen, Demenz und Krebs macht. Ein Teufelskreislauf.

Insofern macht Bestsellerautor Manfred Spitzer mit seinem neuen Buch alles richtig. Er legt den Finger in eine der größten Wunden unserer Gesellschaft und weil er Psychiater ist, gilt sein Wort doppelt: Denn wer kennt sich besser aus mit solchen Gefühlen, als ein Kenner der menschlichen Psyche?!

Detaillierte Forschungsergebnisse, zahlreiche Studien

Und so nimmt Manfred Spitzer seine Leser mit in diese Welt der Forschung, erklärt detailliert und sehr genau zahlreiche Studien seiner Kollegen. Seite für Seite macht er so deutlich, welche weitreichenden Folgen Einsamkeit haben kann. Er zitiert nicht nur Hirnforscher, die zeigen konnten, dass Einsamkeit und Schmerz an denselben Stellen im Hirn verankert sind, im anterioren cingulären Cortex und im ventralen präfrontalen Cortex, und Einsamkeit so im wahrsten Sinne weh tut.

Sondern er referiert auch über Langzeitstudien, die ergaben, dass einsame Menschen, andere mit ihrem Gefühl anstecken und zwar dann, wenn Einsamkeit als Erleben von sozialer Isolation beschrieben wird und dieses gefühlt durch Interaktion übertragen wird.

Emotionale Ansteckung gibt es, weil Menschen die Tendenz haben, "den Ausdruck, die Sprache, Gestik, Mimik einer anderen Person automatisch nachzuahmen und mit der anderen Person zu synchronisieren, um sich ihr emotional anzunähern". Dabei sei die Gefahr einer Ansteckung größer, je näher man zusammenlebe.

Wie rauskommen aus der Einsamkeitsfalle?

Und: Einsamkeit treffe nicht nur alte Menschen, sondern auch junge, so Spitzer. Besonders Jugendliche litten unter diesem Gefühl, was wiederum an der Urbanisierung und Mediatisierung und Digitalisierung liege. Der Autor beruft sich dabei u.a. auf das Buch "Verloren unter 100 Freunden" der Soziologin Sherry Turkle, die zeigen konnte, dass digitale Medien einen wirklichen Kontakt unter Menschen verhindern und so Einsamkeit erzeugen.

Eine Befragung unter 1787 Erwachsenen kam zu dem Ergebnis, dass diejenigen, die täglich mehr als zwei Stunden Onlinemedien nutzten, eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit aufwiesen, sich einsam zu fühlen.  

Es ist eine immense Datensammlung, die Spitzer hier zusammengetragen hat – aber eben auch nur zusammengetragen. Eigene Forschung zum Thema? Keine. Auch Äußerungen von Betroffenen fehlen. Wann fühlen sich Menschen einsam? Was löst das Gefühl aus? Und gibt es eine Definition, was Einsamkeit wirklich ist? Denn was dem einen, das Gefühl der Einsamkeit vermittelt, ist für andere noch lange nicht so. Verschenkt.

Keine wegweisende Gesellschaftsanalyse

Richtig ärgerlich aber wird es im hinteren Teil des Buches. Denn Spitzers Antworten, was Menschen helfen kann, der Einsamkeitsfalle zu entkommen, klingen banal. So rät er im Chor zu singen, raus in die Natur zu gehen oder sich als freiwilliger Helfer zu engagieren. Geld spenden mache auch glücklich. Unglückliche Beziehungen hingegen nicht. Nur in ganz schlimmen Fällen empfiehlt er eine Verhaltenstherapie.

Da wird über mehrere hundert Seiten darüber referiert, wie schlimm Einsamkeit ist und dann das? Ärgerlich!

Und so liegt der Wert dieses Buch leider hinter dem zurück, was der Titel erwarten lässt: Manfred Spitzer hat nicht das große Buch über Einsamkeit geschrieben. Ihm gelingt keine wegweisende Gesellschaftsanalyse wie etwa Andreas Reckwitz mit seinem Buch "Gesellschaft der Singularitäten".

Tröstlich allein: Spitzers Name wird dafür sorgen, dass das Thema Einsamkeit selbst Aufmerksamkeit erfährt.

Manfred Spitzer: Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit
Droemer & Knaur, München 2018
288 Seiten, 19,99 Euro

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