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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 07.08.2005

Manfred Bissinger, Hugo Müller-Vogg: "Schröder oder Merkel"

CDU-Vorsitzende Angela Merkel, links, und Bundeskanzler Gerhard Schröder (AP)
CDU-Vorsitzende Angela Merkel, links, und Bundeskanzler Gerhard Schröder (AP)

Noch sind es sechs Wochen bis zum Tag der Wahl, doch knapp ein Drittel der Wahlberechtigten hat sich bisher nicht entschieden. Noch läuft auch der Wahlkampf nicht auf vollen Touren, kurz, aber heftig dürfte er werden, mit dem Fernsehduell Schröder gegen Merkel am 4. September als Medien-Hype.

Schröder gegen Merkel, so heißt auch das handliche, eilig produzierte und soeben erschienene Bändchen, das den Unentschlossenen eine schnelle und zugleich pointierte Wahlhilfe zu bieten verspricht. In Form eines Lexikons listet es 53 Stichworte auf, von A wie Agenda 2010 und Achtundsechziger über Große Koalition und Patriotismus bis Z wie Zeugnis. Hinzu kommen kurze Porträts der Spitzenkandidaten und ihrer Parteien, selbst der Bundespräsident bleibt nicht ausgespart, obwohl der ja nun wirklich nicht zur Wahl steht. Zu jedem der Stichworte beschreiben die beiden Autoren auf je einer Seite die Positionen der Kandidaten und bewerten sie auch: Der eine, Manfred Bissinger, nach Jahren beim Stern, Chefredakteur von Konkret, Merian und der von ihm gegründeten Woche, nimmt für Kanzler Schröder Partei. Der andere, Hugo Müller-Vogg, 24 Jahre FAZ und jetzt Kolumnist bei Springer, argumentiert für Herausforderin Merkel. So geschliffen ihre Argumente, so leicht und locker ihr mitunter augenzwinkerndes Zusammenspiel, das dem Text, stets pointiert, mitunter polemisch und auch manchmal parteiisch, seinen Witz und seine vergnügliche Lesbarkeit gibt. Einige Proben:

Hartz-Gesetze: Müller-Vogg: "Vor drei Jahren, also "vor Hartz", hatten wir vier Millionen Arbeitslose. Heute sind es 4,7 Millionen. Es hat sich ausgehartzt. "

Bissinger dazu: "Es gehörte zu den Treppenwitzen der Geschichte, wenn ausgerechnet die CDU/CSU die Früchte der von ihr 16 Jahre lang versäumten Reformen ernten könnte. Abschaffen wird sie die Hartz-Gesetze bestimmt nicht. "

Heftig scheiden sich die Geister bei Außenminister Fischer, der bei Müller-Vogg als Fischer, Joseph Martin in Erscheinung tritt. Er resümiert:

"Vom Schulabbrecher zum Politiker, vom Bandenführer zum Staatsmann. Das ist "Gottvater" der Grünen zu Kopf gestiegen. "

Dagegen Bissinger: "Wie früher blüht er aber noch heute auf bei Auseinandersetzungen. Er ist der geborene Kämpfer. Aufgeben wird er nie. Der Außenminister ist für manche Überraschungen gut. "

Interessant, wie sehr der Linksliberale und der Konservative übereinstimmen im Urteil über Lafontaine und Gysi, die Protagonisten der Linkspartei-PDS.
Zuerst Bissinger über Lafontaine:

"Oskar Lafontaine ist ein Demagoge, der ohne Rücksicht auf Verluste an die Macht will – mit dem Rücken zur Zukunft. "

Und Müller-Vogg im selben Sinne:

"Der 18. September ist für Lafontaine der Tag der Abrechnung, der Vergeltung, der Rache. Mit Politik für die Menschen hat das nichts zu tun. "

Geradezu euphorisch dagegen die Kommentare der beiden Publizisten zu Gysi:

Bissinger: "Er ist, und das kann ganz ohne Übertreibung gesagt werden, der schlagfertigste und unterhaltsamste deutsche Politiker. Wo immer er auftritt – an Parlamentsmikrofonen, im Gerichtssaal oder in Talkshows. "

Und Müller-Vogg: "Gysi genießt den öffentlichen Auftritt. Er hat auch etwas zu sagen. Als Linker bekämpft er den Markt und die Globalisierung. Aber immer mit Argumenten, mit denen die Auseinandersetzung lohnt. "

Am Ende des Buches sind beide Autoren gefordert, in je einem Satz fünfzig Gründe zu nennen, warum Schröder bleiben –Bissinger- und warum Merkel -Müller-Vogg - kommen soll. Hier allerdings gerät die "Schnelle Wahlhilfe" mit schiefen Bildern und absurden Argumenten mitunter fast an den Rand der Plattitüde. Etwa wenn Bissinger zugunsten des Kanzlers meint –Punkt 35:

"Weil er mit einem Hauptstadtvertrag dafür gesorgt hat, dass Berlin seine Rolle als Herzkammer Deutschlands adäquat spielen kann. "

Oder, Punkt 36: "Weil er auf seinen Auslandsreisen auch Intellektuelle einlädt und so dokumentiert, dass Deutschland immer noch das Land der Dichter und Denker ist. "

Warum Merkel Kanzlerin werden soll, begründet Müller-Vogg zum Beispiel mit Punkt 3 seiner 50 Thesen:

"Weil in der Welt Platz ist für mehr als sieben weibliche Staats- und Regierungschefs. "

Oder Punkt 13:

"Weil sie unsere Nationalhymne gerne singt: "Einigkeit und Recht und Freiheit" "

Nach diesen Kriterien wäre Helmut Kohl sicher niemals Kanzler geworden und schon gar nicht so lange geblieben. Umgekehrt aber, räumt auch Müller-Vogg ein, ist Merkels Machtbasis im Verhältnis zu ihrem politischen Ziehvater brüchig und schmal, auch und gerade mit Blick auf die mächtigen Kurfürsten in den unionsregierten Ländern:

Insofern könnte Merkels Schicksal am Abend des 18. Septembers selbst dann zur Debatte stehen, wenn die Union gewinnt, der Sieg aber bescheidener ausfällt als erwartet. Kommt es gar zur Großen Koalition, werden möglicherweise auch bei den Christsozialen die Karten noch einmal gemischt. Schröder und Merkel hieße die Paarung dann sicherlich nicht. Und die "Schnelle Wahlhilfe" wäre dann ebenso schnell Makulatur wie sie jetzt vorgelegt wurde. Dafür gäbe es aber, trösten sich beide Autoren, auf jeden Fall eine Opposition, die den Bundestag aufs Neue kräftig belebte.

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