Managerin für Robotik und Künstliche Intelligenz

    "Der Computer hat kein Bewusstsein"

    34:47 Minuten
    Kenza Ait Si Abbou blickt selbstbewußt mit Brille und rotem Pullover auf einem Holztisch aufgestützt und vor einem blauen Hintergrund den Betrachter an.
    Veranstaltet Hackathons nur für Frauen: die KI-Expertin Kenza Ait Si Abbou. © Hendrik Gergen
    Moderation: Katrin Heise · 08.03.2021
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    Schon als kleines Mädchen interessierte sie sich für Mathematik. Jetzt ist Kenza Ait Si Abbou Expertin für Künstliche Intelligenz und hat ein Buch veröffentlicht, das für einen angstfreien Umgang mit neuen Technologien wirbt.
    Als studierte Elektrotechnikerin weiß Kenza Ait Si Abbou grundsätzlich, wie technische Geräte funktionieren. Früher habe sie sich über ihre Mutter lustig gemacht, wenn neue Geräte für Skepsis und Angst zu Hause sorgten, erzählt sie. Doch zuletzt sei sie dann selbst von einer neuen Kaffeemaschine überfordert gewesen - zu viele Knöpfe.

    Maschinen können nicht trösten

    Die kleine Anekdote illustriert, dass selbst Expertinnen und Experten in unser hochtechnisierten Welt nicht immer sofort den richtigen Schalter finden. Kenza Ait Si Abbou arbeitet seit 2011 bei der Telekom, als Senior Managerin im Bereich Robotik und Künstliche Intelligenz.
    Unser Alltag sei voller KI, berichtet sie: Ob wir uns zu einem Ziel navigieren lassen, das Handy per Gesichtserkennung entsperren, oder auf Twitter Nachrichten lesen. "Das ist natürlich auch voller Algorithmen und Intelligenz. Selbstlernende Systeme, die mir nur die Nachrichten zeigen, die für mich relevant sind."
    Maschinen, die einmal den Menschen beherrschen werden - diese Vorstellung ist nicht mehr neu. Bei der Frage, ob Computer intelligenter, fantasievoller oder gefühlvoller als der Mensch sein können, müsse man zwischen Intelligenz und Bewusstsein unterscheiden, so Kenza Ait Si Abbou.
    "Wenn es darum geht, in einer großen Excel-Tabelle irgendwelche Zahlen zu finden, macht dies die Maschine heute schon besser als ich. Da ist die Maschine heute schon intelligenter. Wenn sie aber mit Intelligenz meinen, dass die Maschine nur beim Angucken meines Sohnes weiß, wie seine Stimmungslage ist, dann werde ich das als Mutter solange besser wissen, solange ich mehr Zeit mit meinem Sohn verbringe."
    Eine bestimmte Mimik zu erkennen, diese mit Stimmungen zu verbinden, das könne man einer Maschine zwar beibringen, so die KI-Expertin. Allerdings, werde sie "meinen Sohn nicht trösten können. Eine Maschine hat kein Bewusstsein, kein Selbstbewusstsein."

    Angst vor dem Terminator

    Daher dürfe man Intelligenz nicht mit Bewusstsein verwechseln, sagt Kenza Ait Si Abbou. Das passiere dennoch häufig. Gerade wenn es um Künstliche Intelligenz gehe, "denken viele Menschen an den Terminator. Das haben wir auch Hollywood zu verdanken. Daher kommt die Angst, KI ist der Terminator, sie ist nicht kontrollierbar, sie kommt irgendwann und übernimmt die Weltmacht."
    Bei der Telekom beschäftigt sich Kenza Ait Si Abbou besonders mit der Verbesserung von Algorithmen. Hier sei die Programmierung entscheidend. Das, so die KI-Expertin, habe sie selbst bei einer Bewerbung erfahren müssen. Ihr fehlte ein Praktikum, sie hatte dafür aber reichlich Berufserfahrung. Das half aber nicht, ihre Bewerbung habe der Computer aussortiert. Algorithmen seien mitunter auch rassistisch und sexistisch geprägt, sagt sie.

    "Ein deutsches Phänomen"

    "Der Computer hat ja kein Bewusstsein. Der wird jetzt nicht sagen, die Kenza Ait Si Abbou hat einen komischen Namen und lockige Haare, die kann bestimmt nichts. Die Computer werden ja mit historischen Daten trainiert. Und wenn in der Vergangenheit nur Menschen mit einem rein deutschen Namen und weißer Haut einen Job in dieser Firma erlangt haben, dann scheinen nur die qualifiziert zu sein. Und alle anderen nicht. Das lernt der Computer, das reproduziert er dann weiter."
    Geboren und aufgewachsen ist Kenza Ait Si Abbou in Marokko, früh begeistert sie sich für Mathematik. Das habe man auch in der Schule unterstützt. "Dass Mathe nichts für Mädchen ist, das gibt es in Marokko nicht. Das ist ein deutsches Phänomen."
    Später studiert Kenza Ait Si Abbou in Spanien, geht 2009 für einen Sprachkurs nach Peking und bekommt ein Job-Angebot auf der Weltausstellung in Shanghai.

    Hackathons nur für Frauen

    2011, sie beherrscht jetzt insgesamt sieben Sprachen, darunter Arabisch, Mandarin und Katalanisch, kommt sie nach Deutschland. Anders als noch im Studium trifft sie heute bei der Arbeit auf zahlreiche Frauen:
    "Wir haben das Glück, dass mein Team in fünf Ländern verteilt ist, in vielen osteuropäische Ländern. Und dort ist es ähnlich wie in Marokko. Da wird nicht unterschieden zwischen Frau und Mann, sondern es gibt viele Ingenieurinnen."
    Um noch mehr Frauen für ihr Thema zu begeistern, hat Kenza Ait Si Abbou schon mehrfach sogenannte Hackathons veranstaltet, Programmierwettbewerbe nur für Frauen.
    "Sehr wichtig für die Teilnehmerinnen war zu sehen, dass es auch andere Frauen gibt, die in dem Bereich sind. Das haben viele sehr geschätzt. Sie haben sich dann im Nachhinein untereinander vernetzt. Vor allem diese Atmosphäre, dieses Gefühl, ich bin nicht allein, das war wirklich sehr schön."
    Aber nicht nur Frauen möchte Kenza Ait Si Abbou ansprechen. Ihr Buch "Keine Panik, ist nur Technik" soll möglichst allen Menschen die Angst vor Technik und Künstlicher Intelligenz nehmen.
    (ful)
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