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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.11.2016

ManagerDie Legende von der globalen Wirtschaftselite

Von Ursula Weidenfeld

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Ein Mann mit Anzug und Aktenkoffer wirft am 17.05.2013 in Berlin einen Schatten auf das Kopfsteinpflaster.  (Ole Spata / dpa)
Welche Schatten wirft die globale Geldelite? (Ole Spata / dpa)

Es gibt viel Gerede über eine geheimnisvolle Gruppe: International tätige Manager, die weltweit unterwegs sind, und Superreiche, die niemand richtig besteuern kann. Mit beiden Mythen räumt der Elitenforscher Michael Hartmann auf.

"Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende." So heißt das neue Buch des bekannten Darmstädter Elitenforschers Michael Hartmann. Hartmann entzaubert darin den Mythos, es gebe eine Klasse bestens ausgebildeter vaterlandsloser, international tätiger Manager und Milliardäre, die sich dem Zugriff staatlicher Steuerbehörden jederzeit entziehen können.

Wie viele Menschen leben tatsächlich international, arbeiten mal in dem einen, mal in dem anderen Land, wohnen mal hier, mal dort, und schicken ihre Kinder auf internationale Renommier-Universitäten? Erstaunlich wenige, rechnet Hartmann vor – jedenfalls, wenn man es in Relation zu dem lauten Gerede über diese geheimnisvolle Gruppe setzt.

Wer allerdings ein brillant geschriebenes Buch mit saftigen Geschichten über die legendären Champagnerbäder der Superreichen und des Top-Managements erwartet , wird enttäuscht sein. Hartmann ist in erster Linie Wissenschaftler. Er nennt Namen, wertet Rankings aus, aber er erzählt keine Geschichten. Das Buch ist interessant, aber auch etwas dröge.

Hinterm heimischen Ofen

Nur etwas mehr als zehn Prozent der größten Unternehmen der Welt werden von Ausländern geführt. Der Anteil wäre noch geringer, wenn man die Unternehmen abzieht, die aus rein steuerlichen Gründen ihren Hauptsitz in Luxemburg, Irland oder auf den Bermuda-Inseln haben. Sie werden zwar auf dem Papier dort geleitet – die Geschäfte aber werden meist in den Heimatländern, beispielsweise den USA, Deutschland oder Frankreich geführt.

Nicht einmal die übelsten Burschen der Weltwirtschaft, die Investmentbanker, können laut Hartmann für eine globale Wirtschaftselite herhalten. Auch sie kommen nicht häufiger hinter dem heimischen Ofen hervor als alle anderen. Mehr als drei Viertel der Topmanager internationaler Unternehmen haben es in ihrem ganzen Berufsleben nicht einmal ein halbes Jahr im Ausland ausgehalten. Ähnliche Befunde stellt er für die Reichen und die Superreichen vor.

Fazit: Den globalen Markt für Topmanager gibt es genau so wenig wie eine einheitliche internationale Managerklasse oder eine globale Wirtschaftselite.

Im Mythos eingerichtet

Ein Linker wie Michael Hartmann schreibt ein solches Buch natürlich nicht um seiner selbst Willen. Er will nachweisen, dass die Nationalstaaten sich fröhlich mit diesem Mythos eingerichtet haben, um ihre Reichen nicht stärker besteuern zu müssen. Die Erzählung von einer internationalen Wirtschaftselite diene ihnen als Rechtfertigung fürs Nichtstun. Mit seinem Buch liefert er den linken politischen Kräften gute Gründe für höhere Einkommen-, Vermögen- und Erbschaftsteuern.

Allerdings raubt er dieser Gruppe auch ihr liebstes Thema: Wenn es keine internationale Wirtschaftselite gibt, gibt es auch keine Klasse von gewissenlosen Vagabunden , die in der Welt umherziehen, ums sie nach Strich und Faden auszubeuten. Was die Globalisierungsgegner in Zukunft ohne ihr Feindbild anfangen sollen, schreibt Hartmann nicht.

Michael Hartmann: Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende
246 Seiten, 24,95 Euro
Campus Verlag 2016

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