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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.09.2006

Man wünscht sich, dabei zu sein

Reise-Buch "Zwischen Wäldern und Wasser" beschwört das alte Osteuropa herauf

Rezensiert von Georg Schmidt

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Die Landschaft ersteht in ihrem paradiesischen Urzustand vor den Augen des Lesers. (Deutschlandradio)
Die Landschaft ersteht in ihrem paradiesischen Urzustand vor den Augen des Lesers. (Deutschlandradio)

Anfang der 30er Jahre bricht der junge Engländer Patrick Leigh Fermor zu einer Wanderung durch das alte Europa auf. Zu Fuß und zu Pferd gelangt er von Hoek van Holland bis nach Konstantinopel. Lebensprall und sinnenfroh beschwört er längst vergessene Episoden osteuropäischer Geschichte herauf, während er von einem Landgut zum nächsten zieht.

Im Dezember 1933 bricht ein junger Engländer, ein Tunichtgut, Schulabbrecher, angehender Offiziersanwärter und Möchtegernschriftsteller, von Hoek van Holland zu einem Fußmarsch nach Konstantinopel auf, von dem er sich Eindrücke für eine literarische Karriere erhofft. Fünfzig Jahre vergehen, bis Patrick Leigh Fermor, mittlerweile im angelsächsischen Raum ein hoch geehrter Kriegsheld, Reiseschriftsteller und Romancier, die Eindrücke seiner langen Wanderung, die er teils in verloren gegangenen und wundersamer Weise wiedergefundenen Tagebüchern festgehalten hatte, zu Papier bringt.

Der erste Teil dieser Reise, von den Niederlanden durchs soeben faschistisch gewordene Deutschland, über Österreich, die Tschechoslowakei bis an die ungarische Grenze, 2005 unter dem Titel "Zeit der Gaben" endlich auch in deutscher Sprache erschienen, darf wohl als die literarische Sensation und verlegerische Großleistung des vergangenen Jahres gelten.

Nun liegt mit "Zwischen Wäldern und Wasser" der Reise zweiter Teil vor, bei dem wir dem Autor auf der Donaubrücke zwischen der Slowakei und Ungarn wieder begegnen, wo er am Ende von "Zeit der Gaben" verharrt. Wir erleben mit ihm die ergreifenden Osterfeierlichkeiten in der alten Grenzstadt Esztergom, begleiten ihn dann das Donautal entlang nach Budapest, wo er den mächtigen, hier jählings gen Süden abbiegenden Strom verlässt und die Große Ungarische Tiefebene durchmisst, teils wie gewohnt zu Fuß, zumeist aber hoch zu Ross auf einem von Freunden geliehenen Gaul, dem angemessenen Fortbewegungsmittel in diesem letzten großen Steppengebiet Europas.

Längst vergessene Episoden und Kapitel osteuropäischer Geschichte beschwört Fermor herauf, während er von einem Landgut zum nächsten zieht, vorbei an fahrendem Volk und Hirten, durch Bauerndörfer und eine Landschaft, die er in ihrem ganzen paradiesischen Urzustand vor den Augen des Lesers erstehen lässt.

War "Zeit der Gaben" ein Schatz, so ist "Zwischen Wäldern und Wasser" ein Buch wie ein Traum. Bunt und lebensprall, sinnlich und sinnenfroh schildert Fermor diese heute so fremd anmutende, im Feuersturm des Zweiten Weltkriegs untergegangene Welt zwischen Okzident und Orient, die ganze Vielfalt der Völkerscharen und Völkerschaften, die ihm auf seinem Weg durch Tiefebene und transsilvanische Marschen bis in die siebenbürgischen Karpaten und zum Eisernen Tor begegnen, wo sich die Donau ihren Weg durch das große Gebirge in die Walachei bricht.

Mit einer wunderbar originellen Sprache führt uns Fermor in eine Fremde, die einem dank seiner präzisen Beobachtung und der ebenso farbenfrohen wie wortmächtigen Darstellung ("Die bewaldeten Ausläufer der Berge glichen riesigen Wellen, hie und da unterbrochen von der Gischt des wilden Flieders") schon bald sehr vertraut vorkommt – heimisch fast. Und man wünscht sich, dabei zu sein bei den abendlichen Gesprächsrunden in alten transsilvanischen Herrenhäusern, im Rauch der selbst gedrehten Zigaretten über alte Landkarten von den napoleonischen Feldzügen gebeugt, während draußen der Sternschnuppenschwarm der Perseiden niedergeht, und bei ein paar Karaffen Rotwein über Perseus und das Gorgonenhaupt zu parlieren.

Patrick Leigh Fermor – Zwischen Wäldern und Wasser
Dörlemann Verlag
aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
366 S, € 23,90

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