"Man kann wirklich in das Unbewusste eines Menschen hineingucken"

Moderation: Holger Hettinger · 16.01.2006
Der Hirnforscher Gerhard Roth sieht Freuds theoretische Annahmen zum Unbewussten durch die Neurobiologie bestätigt. Moderne Messverfahren ermöglichten es, in das Unterbewusste eines Menschen hineinzusehen, sagte Roth.
Lesen Sie hier Auszüge aus dem Interview mit Gerhard Roth:

Hettinger: Freuds Schriften sind von vielen Wissenschaftlern untersucht worden, von Philosophen, Psychologen, Medizinern. Hirnforscher stützen ihre Untersuchungen auf ganz handfeste empirische Erkenntnisse aus der Klinik - denen müsste also auffallen, wenn die Theorien von Siegmund Freud nur Scharlatanerien wären.

Gerhard Roth ist Hirnforscher, der Neurobiologe ist Direktor des Instituts für Hirnforschung der Universität Bremen. Unter anderem arbeitet er über die Zusammenhänge zwischen Hirnforschung und Psychoanalyse - hierüber hat er nun er auch bei einem Kongress in New York referiert. Herr Roth, nach den Äußerungen des Psychologen Herbert Selg könnte man Freuds Untersuchungen für hübsch maskierte Pseudo-Wissenschaft halten. Basiert die gesamte Wirkweise der Psychoanalyse auf Einbildung?

Roth: Nein, man muss deutlich unterscheiden zwischen dem, was Freud an theoretischen Annahmen über das entwickelt hat, was er "psychischen Apparat" genannt hat, also seine Theorie, dann zum zweiten, was er über Psychoanalyse, also seine Methode gesagt hat, und drittens, was dann seine Jünger aus beidem gemacht haben. Das muss man ganz deutlich unterscheiden.

Deshalb kann man abgestuft sagen, das, was Freud an Annahmen vor etwa 100 Jahren über die Psyche und zum Teil über die Verankerung der Psyche im Gehirn gesagt hat, ist zum größten Teil richtig. Seine Psychoanalyse ist teils richtig, teils enthält sie Elemente, die sehr ambivalent anzusehen sind, gerade die Traumdeutung ist höchst umstritten. Was dann an sehr vielen Ausuferungen passiert ist seit Freud, das muss man äußerst kritisch sehen. Aber: der Kern bleibt, dass Freud in drei zentralen Punkten völlig recht hat.

Hettinger: Welche drei Punkte der zentralen Erkenntnis waren denn das bei Freud?

Roth: Das ist erstens die Einsicht: Das Unbewusste hat einen viel größeren Einfluss auf unser Verhalten als das Bewusste. Zweitens: Das Unbewusste entsteht früher in unserer individuellen Entwicklung als das Bewusstsein. Und drittens: Wir Menschen haben nur sehr geringe Einsicht in das, was uns antreibt, was uns bestimmt. Diese drei Dinge sind fundamental richtig und in den letzten fünf Jahren auf breitester Front mit Hilfe der Bildgebung diese Annahmen voll bestätigt worden.

(…)

Hettinger: Diese bildgebenden Verfahren, von denen Sie gesprochen haben, sind das diese Methoden, wo man quasi ins "lebende" Gehirn gucken kann, diese unterschiedlich stimulierten Areale, das ist ja neu…

Roth: Das ist als Technik gar nicht so neu, aber es war bis vor kurzem (…) noch nicht genügend entwickelt, da ist viel Schindluder getrieben worden. Aber das ist inzwischen so ausgereift, dass man zeigen kann: Egal, was ein Mensch mir erzählt von sich selbst, ich kann in sein Unterbewusstes reingucken. Da gibt es sensationelle Dinge, also jemand guckt etwas an und sagt: "Das erscheint mir neutral". Und sein (…) Mandelkern feuert ganz stark, und ich weiß dann, sein Unbewusstes zumindest findet dieses Bild, dieses Gesicht Furcht erregend. Ob er das nun weiß oder nicht weiß, ist dann auch irrelevant.

Man kann wirklich in das Unbewusste eines Menschen hineingucken, man kann feststellen, was der fühlt. Und da kann er nicht lügen, und das wird inzwischen auch bei Kriminellen gemacht, das ist ein idealer Lügendetektor. (…) Man kann damit den Menschen auch wirklich helfen, die wissen zum Teil ja gar nicht, wovor die Angst haben. Und das kann man mit diesen Methoden im Verein mit einer Psychotherapie heute viel besser machen.

Das vollständige Gespräch mit Professor Gerhard Roth können Sie für begrenzte Zeit nach der Sendung in unserem Audio-On-Demand-Player hören.