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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.03.2012

"Man kann sich etwa fragen, ob in Österreich ein Springer gefehlt hat"

Museumsdirektor Gross über die Frankfurter Ausstellung "Bild dir dein Volk!"

Raphael Gross im Gespräch mit Susanne Burg

Um etwas über die Veränderungen der deutschen Gesellschaft nach 1945 zu erfahren, habe man sich mit Axel Springer beschäftigt, erklärt der Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, Raphael Gross. Dabei gesteht er dem "Bild"-Verleger zu, mit Erfolg zur Aussöhnung von Juden und Deutschen beigetragen zu haben.

Ulrike Burg: Axel Springer stand bedingungslos hinter Israel: Jeder Redakteur, der bei einem Springer-Blatt anfängt, muss sich noch heute dazu verpflichten, zur – Zitat – "Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen und zur Unterstützung der Lebensrechte Israels beizutragen". Diese Formulierung steht seit 1967 in den Arbeitsverträgen des Axel-Springer-Verlags. Springers Haltung zu Juden und zu Israel war eindeutig. Im Widerspruch dazu steht allerdings sein Verhältnis zu ehemaligen Nationalsozialisten, die er nämlich im Verlag beschäftigte und deren Arbeit er durchaus auch geschätzt hat.

Grund genug, diese umstrittene Verlegergröße Nachkriegsdeutschlands genauer unter die Lupe zu nehmen! Im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main eröffnet morgen eine Ausstellung, sie heißt "Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden". Und ich bin jetzt mit dem Direktor des Jüdischen Museums telefonisch verbunden, guten Tag, Raphael Gross!

Raphael Gross: Guten Tag, Frau Burg!

Burg: Herr Gross, bleiben wir erst mal bei der Biografie von Axel Springer. Er hat einmal eingestanden, er würde sich genieren, bei Auslandsreisen seinen deutschen Pass vorzuzeigen. Wie sehr muss man denn das Thema Schuld bei Axel Springer betrachten, um seine Persönlichkeit zu verstehen?

Gross: Ich glaube, das Thema Schuld, was Sie ansprechen, war zentral bei ihm. Allerdings wahrscheinlich weniger im juristischen Sinne als so religiös gefärbt. Für ihn spielte mehr und mehr eine weniger vielleicht orthodoxe, aber selber gemachte Form des Christentums evangelischer Prägung eine große Rolle und der Schuldbegriff, auch die Frage von Versöhnung und Erlösung waren da sehr zentral und waren immer mehr Teil seiner Vision der deutschen und der deutsch-jüdischen Nachkriegsauseinandersetzung.

Burg: Axel Springer ist im höheren Alter häufig auch nach Israel geflogen, hat nach jeder Landung in Tel Aviv den Boden geküsst, hat sich 1985 auch eine Wohnung in Jerusalem gekauft. Was hat er denn mit Israel verbunden, welches Bild hatte er überhaupt von dem Land?

Der Historiker und Autor Raphael Gross auf der Buchmesse 2010 in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)Museumsdirektor Raphael Gross (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)Gross: Also, es sind sicher verschiedene Punkte, die zutreffen. Zum einen ist es für ihn so – ich habe ihn ja nicht gekannt, so sehen wir es aus den Quellen – die Heimat eines jeden Christen. Gleichzeitig ist es für ihn immer stärker so was wie - insbesondere Jerusalem – ein Vorbote einer deutschen Wiedervereinigung. Also, das wiedervereinigte Jerusalem tritt immer mehr ins Zentrum seiner Vision. Und gleichzeitig ist es natürlich so, dass er in Israel auch – nicht von Anfang an, aber zunehmend – populär ist und er sich da auch wohl fühlt, auch persönlich wohl fühlt, weil man ihn da tatsächlich als … Weil er da sehr beliebt ist, ganz anders als in Deutschland, wo er ja sehr umstritten ist.

Burg: Nun gibt es ja einige Widersprüche in der Biografie Axel Springers: Er war ein großer Verfechter Israels, aber er ließ eben auch ehemalige Nazis für sich arbeiten, unter anderem den früheren Hauptsturmbannführer Horst Mahnke oder auch Paul Karl Schmidt, der ehemalige Sprecher von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, der wurde zum Sicherheitschef Springers. Wie geht das zusammen, diese Wertschätzung, ja, für einstige Nazis und seine Liebe für Israel?

Gross: Also, vielleicht ist das der Grund, warum wir uns überhaupt mit Springer beschäftigt haben im Jüdischen Museum, nämlich die Frage: Wie ändert sich die deutsche Gesellschaft nach 45, wie wird also eine Gesellschaft, wo Antisemitismus im Zentrum steht – und Sie haben das ja bei diesen Journalisten gesagt, Sie können das aber auch fortsetzen bei den Journalisten im "Stern", im "Spiegel", in der "Zeit", da sind die natürlich auch, nicht nur im Springer-Konzern –, und da ist das Paradox: Wie wird da sozusagen so eine Veränderung herbeigeführt? Und Springer ist insofern natürlich besonders interessant, weil er es mit so großer, direkter Energie macht, dass er einerseits eben so jemand wie – Sie haben ihn schon erwähnt – Paul Carell aufnimmt in seinem innersten Beraterkreis, aber gleichzeitig aber auch jüdische Berater hat wie den Ernst Cramer und dann von ihnen verlangt, dass sie projüdisch und proisraelisch schreiben. Und dies durchaus gegen große Widerstände.

Burg: Ja, da frage ich mich, wie das eigentlich funktioniert hat? Also, es wurde ja in den Springer-Blättern durchaus viel geschrieben über den Eichmann-Prozess, Themen, wo es um Aufarbeitung des Nationalsozialismus ging. Wie hat das funktioniert mit ehemaligen Nazis in den eigenen Reihen?

Gross: Das ist tatsächlich ein unglaubliches Paradox, das man einfach nur zur Kenntnis nehmen kann, dass diese Journalisten oftmals das nicht wollen, sie auch sagen, das ist doch für eine Boulevardzeitung sehr unattraktiv, jeden Tag über den Eichmann-Prozess oder über den Auschwitz-Prozess zu berichten. Und Springer interveniert dann teilweise sehr deutlich und sagt, nein, das müssen wir machen, das ist Teil unserer Aufgabe, und setzt sich da offensichtlich durch.

Burg: Und wie war die Berichterstattung im Vergleich etwa zu anderen Blättern wie der "FAZ", die haben Sie sich ja auch angeschaut?

Gross: Ja, wir hatten ja einen umfangreichen Begleitband, beim Wallstein Verlag erschienen ist. Es ist ja ein Projekt von dem Fritz Bauer Institut und dem Jüdischen Museum, also auch ein Forschungsprojekt, was sie gemacht haben. Herr Renz vom Fritz Bauer Institut hat zum Beispiel die verschiedenen Zeitungen in Bezug auf den Auschwitz-Prozess ausgewertet und da doch interessanterweise festgestellt, dass die "Bild"-Zeitung praktisch jeden Tag berichtet hat, andere Zeitungen oder Zeitschriften wie der "Stern" haben fast nichts berichtet. Und man sieht auch in Debatten, die heikel sind wie die Verjährungsdebatte, dass etwa "Die Zeit" sehr früh für eine Verjährung eintritt, während die Zeitungen des Springer-Konzerns dagegen sind.

Burg: Im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main wird morgen eine Ausstellung eröffnet, die Axel Springers Verhältnis zu den Juden beleuchtet. Ich spreche hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Direktor des Jüdischen Museums, mit Raphael Gross. Herr Gross, wenn man von außen auf Deutschland guckt, dann haben wir ja in den 60ern und 70ern durchaus eine paradoxe Situation: Die Linke hat gegen die Nazis gekämpft und sich mit den Palästinensern solidarisiert, die Israel vernichten wollten; Springer hat mit Nazis gearbeitet im Verlag, aber Israel gegen die Palästinenser und Araber unterstützt. Wenn man jetzt aus der historischen Distanz das sieht, muss man diese beiden Positionen vielleicht zusammen betrachten, wenn man ein rundes Bild vom Nachkriegsdeutschland bekommen will?

Gross: Also, Sie sagen es: Das ist natürlich auch unser Versuch dessen, was man vielleicht in gewisser Weise eine Historisierung dieser Zeit nennen kann, dass wir uns anschauen, in welcher Weise jeder jeden einen Nazi nennt. Auch in der "Bild"-Sprache her, wenn man das sozusagen sieht: Wir haben einen Raum, wo wir uns speziell mit 68 auseinandersetzen, wo man sieht, wie stark da hin- und hergeschoben wird, wer ist jetzt der wahre Faschist oder der wahre Nazi, und gleichzeitig beschäftigt man in seiner, um das, um dieses Image über den anderen gut rüberzubringen, Nazis, die dieses Image über den anderen machen, oder man verbündet sich eben mit Organisationen, die eindeutig die Vernichtung des Staates Israel wollen. Also, es ist sehr kompliziert. Vielleicht ist es so, dass eben tatsächlich in dieser Nachkriegssituation die Auseinandersetzung so über Bande gespielt wird oftmals, und vieles dann doch mit der eigenen Geschichte mehr zu tun hat als mit der der anderen, und da viel auch Instrument wird.

Burg: Es gibt ja in Deutschland neben dem Antisemitismus auch einen sehr ausgeprägten Philosemitismus, also jene Menschen, die Juden als besonders schätzen oder mögen. Die auflagenstärkste Springer-Zeitung, die "Bild", hat mehrere Millionen Leser. Wie groß war denn Axel Springers Einfluss im Hinblick auf diesen Philosemitismus? Denn das war er ja, ein Philosemit.

Gross: Also, Sie sagen das so, wie man das konstatieren könnte …

Burg: … Sie meinen, das ist gar nicht so eindeutig? …

Gross: … es ist natürlich ein bisschen kompliziert. Genau so, wie jetzt viele Diskussionen und viele Sendungen lang darüber reden könnten, was Antisemitismus genau ist, wäre es noch komplizierter zu sagen, was denn eigentlich Philosemitismus genau meint. Aber wenn wir davon ausgehen, dass es sozusagen ein Verhalten ist, was Juden per se in einer besseren Weise darstellt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind, oder wo man Dinge wegzieht, also eine Art von positivem Vorurteil, dann hat man sicher das Gefühl, dass Springer in diese Richtung geht, dies aber sozusagen auch quasi als eine Art von Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sieht, also da schon reflektiert ist.

Er macht das ja nicht irgendwie im luftleeren Raum, sondern er macht das, nachdem sechs Millionen Juden von den Nationalsozialisten und Deutschen umgebracht wurden. Insofern hat er schon eine Vision, da was zu verändern. Und man kann sich natürlich fragen, ja … Vielfach wird ja gesagt, der Philosemitismus ist quasi dasselbe wie der Antisemitismus mit umgekehrtem Vorzeichen … Aber wenn man sich jetzt überlegt, er hätte diese Journalisten, die er da angestellt hatte, weiterhin in ihrer alten Weise über Juden, über das Jüdische ihre Vorurteile freien Raum gegeben, dann hätte die Gesellschaft tatsächlich vielleicht doch eine andere Entwicklung gemacht. Man kann sich etwa fragen, ob in Österreich ein Springer gefehlt hat, wo ja diese Auseinandersetzung, die in Deutschland schon in den 60ern, 70ern geführt wurden, vielleicht erst in den 90ern oder gar nicht geführt wurden.

Burg: Also, insofern kommen wir noch mal auf Axel Springers Anspruch selber zurück: Er wollte ja – so heißt es bei ihm – zur Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen beitragen. Wie viel hat er denn Ihrer Meinung nach tatsächlich dazu beigetragen?

Gross: Ja, wenn Sie jetzt eine Zahl haben wollen, kann ich Ihnen vielleicht keine geben. Man muss vielleicht auch sagen: Der Begriff der Aussöhnung, der Versöhnung, der ist ja nicht nur bei Springer, sondern der ist in der konservativen Nachkriegsideologie in Deutschland wichtig, denn der Nationalsozialismus ist offensichtlich gescheitert, den Kommunismus beginnt man zu bekämpfen – bei Springer außerdem nicht sofort, zuerst wollte er noch recht naiv, ist nach Russland gefahren, wollte mit Chruschtschow quasi die Einheit Deutschlands besiegeln, was völlig gescheitert ist, und dann findet er sozusagen diese andere Vision –, diese Aussöhnung hat ja auch was durchaus Gewaltsames, wenn man jemandem, der gerade Opfer war, sagt, so, jetzt wollen wir uns aber versöhnen! Denn der andere muss ja auch zustimmen.

Aber Springer hat es doch in Israel verstanden, dies in einer Weise elegant zu machen, was ihn dann wirklich zu einer Akzeptanz geführt hat. Und er hat das wahrscheinlich auch in seiner Zeitung, was immer man sonst über die Art und Weise, wie die "Bild"-Zeitung und andere dieser Zeitungen gemacht waren, sagen wird, in diesem Bereich mit einigem Erfolg getan.

Burg: Am 2. Mai würde Axel Springer 100 Jahre alt und eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main untersucht jetzt genauer das Verhältnis Axel Springers zu Juden. Sie heißt "Bild dir dein Volk!" und wird morgen eröffnet. Ich sprach mit dem Direktor des Museums, mit Raphael Gross, vielen Dank fürs Gespräch, Herr Gross!

Gross: Vielen Dank, Frau Burg!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen

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