"Man braucht die Mentalität eines Langstreckenläufers"

Von Kerstin Schweighöfer |
Der Rijksbouwmeester, der niederländische Reichsbaumeister, ist ein weltweit einzigartiges Amt. Als unabhängiger Berater der Regierung betreut er Projekte, wacht über sämtliche architektonischen Entwicklungen und kann sich überall einmischen - gefragt oder ungefragt. Seit 200 Jahren bestimmt er das Aussehen der Niederlande.
"Es geht um die Räume, in denen Königin Juliana und Prinz Bernhard gelebt haben. Die Küche zum Beispiel. Bernhards Büro. Oder ihr Wohnzimmer. Ihre Kinder und Enkel wollen hier nicht mehr wohnen, und es gibt viele Bürger, die das alles nur allzugerne einmal sehen würden. Deshalb haben wir beschlossen, den Palast zu sanieren und für Besichtigungen zu öffnen."

Die ehemalige niederländische Wohnungsbauministerin Sybille Dekker über Palast Soestdijk. Juliana und Bernhard haben in diesem eleganten Bau aus dem 18. Jahrhundert fast 70 Jahre lang gelebt. Beide starben 2004 – und seitdem steht der Palast leer. Ab 1. Dezember kann er besichtigt werden. Dafür hat der Rijksbouwmeester gesorgt, der niederländische Reichsbaumeister, ein weltweit einzigartiges Amt. Als unabhängiger Berater der Regierung betreut er Projekte, wacht über sämtliche architektonischen Entwicklungen und kann sich überall einmischen - gefragt oder ungefragt. Seit 200 Jahren bestimmt er das Aussehen der Niederlande. Ein runder Geburtstag, der mit Sonderbeilagen und Dokumentarfilmen gefeiert wird.

Der allererste Reichsbaumeister nannte sich noch Architekt des Königs und erweiterte Palast Soestdijk um einen Anbau. Das war 1806 sein allererstes Projekt.

Inzwischen wird er alle vier Jahre vom Kabinett ernannt und hat Projekte betreut wie die niederländische Botschaft in Berlin oder den Pavillon aus gestapelten Landschaften für die Expo in Hannover. Längst kümmert er sich nicht mehr nur um die Planung und den Erhalt von Palästen, Gefängnissen, Museen oder Ministerien.

Als Berater und Vermittler macht er seinen Einfluss auf die gesamte Raumgestaltung des Landes geltend: Unter seine Aufsicht fallen auch Strassen, Eisenbahnlinien, Brücken, Tunnel, Deiche, Kanäle und Grachten. Der Reichsbaumeister schlägt Architekten für Neubauprojekte und Renovationen vor, und er muss auch dann noch gefragt werden, wenn das Reichsmuseum einen Rembrandt mit einem neuen Rahmen versehen will. "Der Job ist unglaublich breitgefächert", betont der jetzige Reichsbaumeister Mels Crouwel vom Amsterdamer Büro Benthem-Crouwel:

"Das ist das grösste Problem, man muss aufpassen, dass man sich nicht verzettelt. Und man braucht die Mentalität eines Langstreckenläufers. Es dauert alles viel länger als erwartet. Ich weihe die Gebäude meines Vorgängers ein. Meinem Nachfolger wird es nicht anders ergehen. Man muss immer 50 Jahre voraus denken und sich auf die Zukunft richten."

Die wichtigsten Ziele, die sich Crouwel gesetzt hat: die verwahrlosten, verschandelten Gebiete rechts und links der Autobahnen schöner gestalten. Für die vielen leerstehenden Bürogebäude in Städten wie Amsterdam eine neue Funktion finden. Das wichtigste Projekt seines Vorgängers Jo Coenen steht vor der Vollendung: die Renovation und Erweiterung des Amsterdamer Reichsmuseums. Und dann ist da auch noch die neue Gewässerpolitik: "Nicht mehr gegen das Wasser kämpfen", lautet das neue Motto, "sondern mit dem Wasser leben."

"Den Flüssen wird wieder mehr Raum gegeben durch Seitenarme oder Überflutungsgebiete. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Landschaft, das wird das Aussehen unseres Landes stark verändern."

Ein guter Reichsbaumeister kann sein Land auch vor Bausünden bewahren: So ersparte Wim Quist der Universität Leiden einen Neubau in Form eines plumpen Turmes. Frans van Gool wehrte sich erfolgreich mit Händen und Füssen gegen den Bau eines bestimmten Gefängnistyps, den er sowohl Umwohnenden als auch Häftlingen nicht zumuten wollte. Und für Jo Coenen waren die hässlichen Lärmschutzwalle, die überall wie Pilze aus dem Boden zu schiessen begannen, ein Dorn im Auge. "Eine unserer wichtigsten Eigenschaften ist Überzeugungskraft", sagt er:

"Ein Reichsbaumeister muss den Mund aufmachen und den Leuten ins Gewissen reden. Wir haben das Recht, uns gefragt oder ungefragt einzumischen. Und wenn wir das Gefühl haben, hier läuft etwas schief, müssen wir eingreifen."

Zu den grössten Problemen der Reichsbaumeister gehört es, ihr eigenes, renommiertes Büro und die neue Funktion unter einen Hut zu bringen. Dennoch bleibt es eine Ehre, ernannt zu werden – und eigentlich sollte sich jedes Land einen Reichsbaumeister leisten, findet Coenen:

"Wir sind das architektonische Gewissen der Nation."