Mama will mehr Busen!

Von Michael Laages |
"Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein" ist, was der Titel sagt: ein neues, frisches Stück des in Berlin lebenden Dramatikers, Romanciers und Übersetzers Thomas Melle, das Mary Shelleys klassische Gruselgeschichte von der Erschaffung des künstlichen Menschen neu zu erzählen versucht.
Und zwar indem es die Fabel über die Risiken und Nebenwirkungen des wissenschaftlichen Fortschritts ohne großen Umschweif in die Gegenwart von Stammzellenforschung und Gentechnologie stellt; und keinen Zweifel daran lässt, dass die diese Art von neuer "Schöpfung" eben ziemlich schmutzig sei.

So weit, so vorhersehbar. Hier ist es der junge Victor, der alles Mögliche durcheinander geforscht und tatsächlich zu Beginn des Stückes schon ein "Etwas" konstruiert hat, dass nur noch ein paar Stromstöße braucht, um zu "leben". Dass das aber kein "Leben" sein wird, ist schon mit der Vorrede klar, die schlicht und geheimnislos von der historisch planmäßigen Vergöttlichung des Menschen raunt – und wiederum keinen Zweifel daran lässt, dass dies ein Irrweg ist.

Das weiß auch gleich das "Geschöpf", die "Kreatur", die hier gleich "das Monster" heißt – und mit ihrem Schöpfer Victor Frankenstein umgehend über die eigene Überflüssigkeit streitet. Und zwar mit verdammt guten Argumenten – dass es immer nur fremd sein wird und verstoßen, weiß das Wesen sofort; der Schöpfer hat es ungeschickterweise klüger konstruiert als er selber sein kann. So zieht das Monster aus weltkluger Enttäuschung los und beginnt zu morden – zunächst den Pianisten, der am Rand der Szene das Stück begleitet. Die Aufführung ist zum Glück nicht nur belehrsam, sondern auch recht komisch. Vor allem, weil Forscher F. eine nervenzerfetzende Mama hat, die sich von der neuen Technologie vor allem (nach brasilianischer Art) mehr Brust, weniger Bauch und einen strafferen Hintern ersehnt; und Brüderchen Klein-Henry wäre gern selbst so ein Forscher.

Als schließlich auch die Geliebte Betty dran glauben muss, treibt’s Stück und Autor aus der Kurve – denn "Making of Frankenstein" soll sich gegen Ende auch noch als Film entpuppen, in dem dann plötzlich die Darstellerin der Elisabeth wirklich totgewürgt im Set herumliegt und alle nach Polizei und Feuerwehr, kurz: nach "dem Staat" rufen. Für das kleine, schnelle Stück ist der Film-Plot aber schlicht eine Drehung zu viel.

Zum Glück spielt die Regisseurin da auch nicht mehr mit – und lässt nun nicht etwa (was ja allemal nahe gelegen hätte) auch noch Videos aus dem Gen-Labor auffahren. Auch den Was-ist-wirklich-was-nur-Spiel-Gedanken führt sie nicht weiter aus; der offene Blick auf die (nächtlich kalte) Stadt genügt, wenn Monster und Schöpfer im vereisten Gebirge die letzten Atemzüge teilen. Alice Buddeberg agiert weniger spekulativ, ja bedächtiger als das Stück; und das ist eher gut so.

Theaterhaus Jena