Malerin Natascha Ungeheuer

    "Meine Bilder sind mein Gedächtnis"

    54:35 Minuten
    Gemälde von Natascha Ungeheuer.
    Achtung Kunstmarkt! Ihre eigenen Bilder verkauft Natascha Ungeheuer nur äußerst ungern. © Lore Kleinert
    Von Lore Kleinert und Mechthild Müser · 17.10.2021
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    Natascha Ungeheuers Berliner Wohnung ist eine farbenfrohe Wunderkammer. Hier malt die 1937 geborene Künstlerin noch heute. Die Künstlerin ist ein wandelndes Gedächtnis des alten Westberlins, der Kreuzberger Kneipen- und der Nachtszene.
    "Ich male, wie Leute schreiben", erzählt die Malerin Natascha Ungeheuer in ihrem Berliner Atelier. "Meine Bilder sind ganz nah bei Sprache. Eigentlich ist das Bildsprache, ganz kurz vor der Sprache, und dann male ich alles fertig. Ich will sprechen."
    Natascha Ungeheuer ist mittlerweile Kreuzberger Urgestein und lange war ihre Berliner Wohnung Treffpunkt der Berliner Künstler- und Literatenszene, wurde sogar in einer Komposition von Hans Werner Henze und Gaston Salvatore verewigt, obwohl ausgerechnet die nie da waren. Noch heute – kurz vor ihrem 85. Geburtstag – ist diese Wohnung ihr Atelier und vollgehängt mit ihren farbenprächtigen, traumwandlerischen Menschen- und Welterkundungen.
    "Langsam komm ich mir selbst näher, was ich wirklich malen will, und wenn diese Idee kommt, das merk ich genau, das ist so wie ein elektrischer Schlag, ein unglaublich seltsames Gefühl, jetzt bin ich genau da, da wollte ich hin", beschreibt Ungeheuer die Arbeit an der Leinwand. "Dann mach ich eine Blitzskizze, ganz schnell, damit die Idee nicht verloren geht. Dann kommen alle Farben auf die Palette. Die ersten Pinselstriche auf dem Bild, das ist immer eine gewaltige Entscheidung, und ich arbeite mich vom Unwichtigen langsam ins Wichtige hinein."

    Auf der Suche nach dem verlorenen Berlin

    Natascha Ungeheuer nimmt uns mit in das Berlin der 60er-, 70er-Jahre bis heute, auf die Straße und ins Atelier, erzählt von ihrer Welt, in der es auf das Geldverdienen nicht ankam, weil sie und ihre Freunde bescheiden lebten und leben wollten, weil es wichtigeres gab als den Lockruf des Ruhms und Reichtums. Im Schwarzwalddorf, wo sie 1937 geboren wurde und aufwuchs, hatte ihr die Mutter Papier hingelegt, um sie zu beschäftigen, und später, nach Lehrerexamen und Studium des modernen Tanzes bei Harald Kreutzberg in Stuttgart begann sie in Berlin, Porträts vor Kneipen zu malen, das Papier immer dabei, als Autodidaktin.
    Natascha Ungeheuer
    Den Stift immer mit dabei: Ausschnitt aus einer Zeichnung von Natascha Ungeheuer.© Lore Kleinert
    "Papier war mein Du, das war mein Begleiter, mein Liebster, mein Bruder, mein alles. Ich wurde verrückt, wenn ich kein weißes Papier hatte und immer was zu schreiben", erinnert sich Ungeheuer. "Wo ich war, setzte ich mich hin, auf Stufen, auf Brunnenränder, und schrieb auf, was gerade war. Weil es immer so viel war. Als ich in Berlin war, dachte ich, ich muss malen, die Gesichter, ich kann das nicht mit Worten sagen. Da fing ich an, Porträts zu malen in Arme-Leuten-Kneipen und hab sie dann verschenkt, die Porträts."

    Viel malen, selten verkaufen

    Natascha Ungeheuer machte sich einen Namen als Illustratorin, inspiriert von Theater, Zirkus, Musik, vom Berliner Straßen- und Nachtleben. Malen wurde zu ihrer Sprache, in altmeisterlicher Manier, präzise und kunstvoll. Ihre Galeristen sind allerdings bis heute traurig, weil Natascha Ungeheuer ihre Bilder nur verkauft, wenn sie Geld zum Leben braucht.
    "Dann hatte ich meine Ausstellung in Worpswede in der Kunsthalle", sagt sie, "und das war eine ganz schmerzliche Geschichte: Verkauf. Die Bilder waren weg. Dann hab ich gesagt: Das mag ich aber gar nicht! Das ist, als würde man das Gedächtnis verkaufen. Das war ganz schrecklich. Da merkte ich: selten verkaufen, Kunstmarkt Achtung!"
    Eine Begegnung mit der Menschensammlerin Natascha Ungeheuer ist eine beeindruckende Zeitreise zu einer Frau die – so gerne sie sich an ihr Leben und ihre Lieben erinnert – ganz in der Gegenwart lebt. "Ich meine, Älterwerden ist wirklich bisschen schizophren, man ist wie die russischen Puppen. Alles, was man mal war, ist man, und das Leben ist so groß, so riesig, so unbeschreiblich, so fürchterlich und so schön."
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