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Im Gespräch | Beitrag vom 01.06.2020

Malerin Cornelia SchleimeVon Pferdeärschen, Einsamkeit und Kunstgelaber

Moderation: Britta Bürger

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Cornelia Schleime hinter einer leicht spiegelnden Glasscheibe (Lena Giovanazzi)
Braucht unbedingt Einsamkeit: die Malerin Cornelia Schleime. (Lena Giovanazzi)

Ihre Bilder sind poetisch und zugleich radikal. So wie ihre Haltung zur Kunst. Cornelia Schleime hasst Langeweile und Glattheit. In der DDR wurden ihre Arbeiten verboten, heute hängen sie weltweit in Museen und Galerien.

Das Atelier von Cornelia Schleime liegt versteckt im brandenburgischen Nirgendwo. Auf dem Weg dorthin passiert man zahllose Felder, sieht wenig Menschen, dafür viele Kühe. In einer umgebauten Scheune empfängt die Künstlerin, Hund Susi sitzt an ihrer Seite. Hier lebt und genießt die 66-jährige das Alleinsein. Für Isolation sorgt sie selbst, Corona brauchte es dafür nicht.      

"Ich liebe die Einsamkeit. Ohne die würde ich vollkommen durchdrehen. Ich brauche die."

Cornelia Schleime umgibt sich lieber mit ihrer Kunst. Hier, im brandenburgischen Atelier, hängen und stehen großformatige Bilder, viele mit Tiermotiven. Vögel, Schlangen, vor allem Pferde.

"Mir gefällt der Pferdearsch"

Zwischen dem Maskenbildner- und dem Grafikstudium arbeitete Cornelia Schleime auf der Galopprennbahn in Dresden: "Ich hatte mir eingebildet ich könnte reiten lernen, aber im Grunde genommen bestand die ganze Arbeit nur aus Ställe ausmisten und Pferde striegeln."

Auch wenn sie nicht reiten lernte - die Faszination für Pferde ist geblieben, besonders für deren Hinterteile. "Mir gefällt der Pferdearsch, der Hintern ist wichtig. Darum geht es ja auch in der Malerei, ich möchte am liebsten so ein Brauereiarschpferd, das hat was Sinnliches. Ich bin selber ein Pferd, ich springe sozusagen."

Was Cornelia Schleime damit meint, kann sie hier im Atelier schnell erklären. Sie schiebt unfertige Bilder hin und her. Eine Frau mit dicker Zigarre ist zu sehen, auf dem nächsten ein Schneehase. Kommt die Malerin an einem Bild nicht weiter, "springt" sie einfach zum nächsten, arbeitet an diesem.

"Mich langweilt das ganze Kunstgelaber"

Wer nun denkt, hier würde deshalb Chaos herrschen, der irrt. Farbe, Tuben, Pinsel, nichts liegt herum. "Ich bin immer aufgeräumt. Bevor ich ins Bett gehe, räume ich auf. Für mich ist nichts unerträglicher, als am nächsten Morgen ins Atelier zu kommen und hier noch diesen Dreck zu sehen."

Durch die großzügigen Fenster im Atelier fliegen ihr die Motive im wahrsten Wortsinn zu. Vögel verirren sich in dem großen Raum, manche musste sie retten. Danach entstehen Doppelbilder wie das an Wand. Es zeigt eine Frau, am Kopf ein großer Vogel. Auf anderen ist ein Mischwesen zu sehen, halb Mensch, halb Tier. "Ich bin ein Mensch, der unglaublich manisch, rein geht in dieses Thema, dass es in mir selber eine Verwandlung gibt. Diese Tierköpfe, das bin dann ich."

Cornelia Schleime, am Tisch sitzend. (Lena Giovanazzi)Redet lieber selbst und braucht kein "Kunstgelaber": Cornelia Schleime. (Lena Giovanazzi)

Cornelia Schleime ist wohl das, was man eine "Type" nennt. Ihre auffällig tiefe Stimme begleite sie seit Kindheitstagen, das jahrelange Rauchen sei nicht schuld, meint sie. Die gebürtige Berlinerin redet schnell, viel und gern. Das sich die Bauern hier im Dorf nicht für ihre Kunst interessieren, sei ihr sehr recht. "Ich liebe das, mit Menschen zusammen zu sein, die überhaupt nichts mit Kunst zu tun haben. Mich langweilt das so ungemein, das ganze Kunstgelaber. Ich rede gern selber. Da muss ich mir nicht das von den anderen anhören."

Der Freund und Bandkollege als IM

1975 begann Cornelia Schleime ihr Studium in Dresden. Sie drehte Super-8-Filme und gründete mit Freunden, darunter dem späteren Schriftsteller Sascha Anderson, die Punkband "Zwitschermaschine". Anderson, das erfuhr die Künstlerin nach 1990, war jahrelang inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Sascha Anderson bespitzelte auch Cornelia Schleime.

"Natürlich hat mich das persönlich hart getroffen. Er hat sich bei mir entschuldigt und diese Entschuldigung habe ich auch angenommen."

Ihre Kunstaktionen, in denen sie viel mit dem eigenen Körper arbeitete, führten bald zu einem Ausstellungsverbot. Nach dem fünften Ausreiseantrag konnte Cornelia Schleime 1984 in den Westen ausreisen. Ein Koffer, der kleine Sohn, mehr durfte nicht mit. Ihre Bilder mussten in der DDR bleiben. Von den meisten Werken fehlt bis heute jede Spur, erzählt sie.

Existenzangst im Westen

Der Neuanfang im Westen war hart. Es dauerte, bis die ersten Bilder verkauft waren, erinnert sich Cornelia Schleime. Das Geld war knapp, also musste sie erfinderisch sein, sogar der Sohn wurde eingespannt. "Ich habe meinen Sohn auf dem Spielplatz geschickt, dass er mir Sand mitbringt, im Eimerchen. Dafür hat er zehn Pfennige bekommen. Er hat ein bisschen Angst gehabt, er musste Sand klauen. Den habe ich mit Farbe vermischt. Dadurch bin ich wahrscheinlich so experimentierfreudig geblieben."

Die 1990er Jahre wurden für Cornelia Schleime sehr erfolgreich. Sie bekam Stipendien, etwa in Kenia, Indonesien, Hawaii, ein Jahr in New York. Es folgten Gruppenausstellungen, bald gab es Einzelausstellungen, 2016 dann der Hannah-Höch-Preis, verbunden mit einer großen Retrospektive in der Berlinischen Galerie.

Ermittlungen gegen den Galeristen

Das Jahr 2020 markiert für Cornelia Schleime vielleicht einen weiteren Neuanfang in ihrem Leben. Gegen ihren Galeristen ermittelt das Landeskriminalamt. Durch dessen Insolvenz hat sie viel Geld verloren. Aber sie versteht die Sache auch als Chance:

"Ich habe schon mal was verloren, ich habe aber durch den Verlust auch etwas gewonnen. Ich habe durch sämtliche Verluste etwas gewonnen. Es haben sich neue Perspektiven entwickelt."

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