Maler Werner Büttner

    Ein "junger Wilder" geht in Rente

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    Für das Gemälde "Rosenscharmützel" wählte Werner Büttner die Umsetzung mit Öl auf Leinwand (2007).
    Das Gemälde "Rosenscharmützel" von 2007 ist Teil der Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle. © Werner Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto: Egbert Haneke
    Werner Büttner im Gespräch mit Liane von Billerbeck · 15.10.2021
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    Seit den 1980er-Jahren mischte Werner Büttner mit provozierenden Bildern das Kunst-Establishment auf. 32 Jahre lang lehrte er zudem als Kunstprofessor in Hamburg. Zum Abschied widmet ihm die Kunsthalle Hamburg eine Retrospektive: "Last Lecture Show".
    Mit einer großen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle verabschiedet sich der Maler Werner Büttner in den Ruhestand – zumindest was seine Professur an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste angeht, an der er 32 Jahre gelehrt hat.
    Die Retrospektive "Last Lecture Show" in der Hamburger Kunsthalle zeigt das Werk eines Malers, der Anfang der 1980er-Jahre gemeinsam mit Albert Oehlen und Martin Kippenberger begann, die bürgerliche Kunstszene aufzumischen. Mit hingerotzten Bildern zu weltbewegenden Themen wie "Die Probleme des Minigolfs in der europäischen Malerei" verhöhnte Büttner das Establishment und dessen vorherrschenden Kunstgeschmack.
    Das Gemälde "Dasein will Paarsein"zeigt zwei Schäferhunde gemalt mit Öl auf Leinwand (2019).
    Das Gemälde "Dasein will Paarsein" entstand erst 2019.© Werner Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto: Egbert Haneke
    Das tut er bis heute: Ob das vermeintliche Ideal ehelicher Zweisamkeit, das bei ihm in zwei leeren Menschen-Hüllen endet, ob die völlige Entfremdung durch Arbeit und Konsum oder die zynische Flüchtlingspolitik - in großformatigen Gemälden und kleinen Collagen zerlegt der Künstler Werte und Heilsversprechen der kapitalistischen Gesellschaft, offenbart deren Verlogenheit.

    Die political incorrectness der Achtzigerjahre

    Es sind Bilder, die die political incorrectness der 1980er-Jahre anklingen lassen und die weh tun. Das sollen sie auch:
    "Wie mir weh getan wird, ist erst einmal nebensächlich. Hauptsache, es wird weh getan! Das ist so eine Haltung aus den 1980ern... Ich finde, das ist schon ein sehr wertvoller Aspekt heutzutage", sagt der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alexander Klar, der die Ausstellung kuratiert hat.
    Der Künstler Werner Büttner steht in der Dominikanerkirche in Osnabrück zwischen dem C-Print "Hommage an alle Wesen, die nicht wissen, dass sie wunderlich sind..." (2004, l) und dem Ölbild "Das Fleisch organisiert sich selbst" (1998).
    Werner Büttner steht 2016 in seiner Ausstellung "Kompromat". In seinen Bildern, gefertigt aus Collagen, C-Prints, sowie in seinen in Öl gemalten Werken, reagiert der Maler in einer subversiven Art auf mediale Äußerungen der Menschen.© dpa / Friso Gentsch
    "Es gab Widerstand! Und das ist ja etwas, was wir fast schon wieder lernen müssen. Die meisten Arbeiten sind aus den letzten zehn Jahren, aber der Gestus, die Haltung und auch die Art, wie Werner Büttner an Themen herangeht, sind schon ganz anders als heute."

    "Heute fehlen die Feindbilder"

    Und auch die jüngere Generation Maler ist anders, findet Büttner, zu dessen Schülern etwa Daniel Richter, Jonathan Meese und Rocko Schamoni zählen:
    "Zumindest bilden sie nicht mehr diese Karriererudel, wie wir und auch andere sie damals gebildet haben. Das ist natürlich ein bisschen schade, denn wenn man im Rudel kräht, erhöht man seine Chance, gehört zu werden und Aufmerksamkeit zu bekommen", so Büttner.
    "Ich fürchte, das liegt einfach daran, dass den jungen Leuten heute die Feindbilder fehlen, die wir damals hatten, und dass sie deshalb nicht mehr so laut auftreten, wie wir das damals getan haben."

    "Unbedingt sehenswert", sagt unsere Kunstkritikerin Anette Schneider über die Ausstellung "Last Lecture Show". Die ganze Rezension hier zum Nachhören: [AUDIO]

    Er nutze Stilmittel wie Ironie, Sarkasmus, manchmal sogar Zynismus, und das könne zu dem Missverständnis führen, er nehme die Kunst gar nicht ernst, sagt der Künstler im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. "Aber ich habe auch anderes im Repertoire wie Rührstücke oder zarte Appelle. Ernst nehmen muss ich meinen Job schon und das tue ich auch."

    "Kunst muss gar nichts"

    Eine Verpflichtung der Kunst zum gesellschaftlichen Engagement sieht Büttner allerdings nicht:
    "Sie kann sich einmischen, aber müssen tut sie eigentlich gar nichts", betont er. "Wenn ich Bilder mache, die für zeitkritisch gehalten werden, achte ich gleichzeitig darauf, dass sie auch überzeitlich sind, dass sie die condition humaine, also die Bedingungen des Menschen und seines Daseins einfach widerspiegeln."
    Das Gemälde "Büttner geht von Bord" zeigt den Maler in einem Treppenhaus.
    Den eigenen Abtritt setzt der Maler ebenfalls um in "Büttner geht von Bord".© Werner Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Foto: Egbert Haneke
    So ist zum Beispiel ein Gemälde Büttners, das einen Kinosaal mit leeren Sesseln zeigt, kein Kommentar zum Kulturbetrieb: "Es heißt 'warum nicht aussterben?'", erklärt Büttner. "Ist doch eine hübsche kleine Frage: Warum soll die Menschheit eigentlich nicht aussterben?"

    "Ich hoffe, dass mich der Ruhestand nicht allzu hart trifft"

    Auch nach dem Eintritt des Kunstprofessors Büttner in den Ruhestand mache er als Künstler natürlich weiter, wie er sagt: "Was bleibt mir übrig? Der Tag hat 24 Stunden und man muss sich irgendwie beschäftigen." Für das kommende Jahr seien eine Ausstellung in Peking geplant und eine auf Long Island. "Ich hoffe, dass mich der Ruhestand nicht allzu hart trifft."

    Die Ausstellung "Werner Büttner: Last Lecture Show" ist bis zum 16.1.2022 in der Kunsthalle Hamburg zu sehen.

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